Filmkritik

Filmplakatmotiv Master of the Universe

Master of the Universe "Händler sind Legehennen, keine Manager"

von von Thomas Spinnler

Stand: 11.11.2013, 10:45 Uhr

In seinem Dokumentarfilm "Master of the Universe" stellt uns Regisseur Marc Bauder einen Insider aus der Bankenwelt vor. Rainer Voss ist einer der ehemals führenden Investmentbanker Deutschlands, einer von denen also, die uns die Finanzkrise eingebrockt haben sollen. Und Voss ist bereit zu erzählen.

Die Fassaden der Frankfurter Bankentürme wirken abweisend und kühl, die Kamera erzeugt einen Sog, während sie durch verlassene Büroräume gleitet. Dazu hören wir den Klang von Barockmusik. Die komplexe musikalische Architektur ist Menschenwerk.

Genau wie die komplexe Struktur des Finanzmarkts, die Architektur des Bankenviertels und der Finanzprodukte, die die Welt vor einigen Jahren an den Rand der großen Pleite geführt hat. Allerdings wirkt das ästhetische Erlebnis der Kunst im besten Fall für das Individuum unmittelbar sinngebend und bedeutend.

Wenn das mal nicht am System liegt

Das gilt nicht für den Finanzmarkt, den wir als etwas Abstraktes begreifen, wir reden vom System, dem Markt, der Börse oder den Investmentbankern. Das Thema ist eigentlich nicht besonders gut geeignet für das Medium Film, denn welches Bild könnte diese Begriffe im Konkreten verankern und veranschaulichen?  

Deshalb stellt Marc Bauder in seinem neuen Dokumentarfilm "Master oft he Universe" den Mensch in den Mittelpunkt. Rainer Voss ist ein Insider des internationalen Finanzgewerbes, einer der ehemals führenden Investmentbanker Deutschlands. Und Voss ist bereit zu erzählen.

Kleine Lichter in Großraumbüros

Der Regisseur Bauder verlässt sich ganz auf seinen Protagonisten, der als Zentrum des Films die Geschichte seines Berufslebens erzählt. Voss war von Anfang an dabei, als in den Thatcher- und Reagan-Jahren die neuen technischen Möglichkeiten zusammen mit der Deregulierung der Finanzmärkte eine Goldgräberstimmung erzeugten. Und er war auch Jahrzehnte später noch an Bord, als all das zu Bankenpleiten und schließlich zum Beinahe-Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems geführt hat.

Jerome Kerviel

Jerome Kerviel. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Als "Master of the Universe" bezeichnen sich Investmentbanker gerne selbst. Diesen Titel nahmen die Medien auf, um die Hybris durchgeknallter Händler zu beschreiben, die per Tastendruck täglich Milliarden in Bewegung setzten und manchmal in Luft auflösen. Und wie sieht die Realität aus? Die Leute überschätzten die Funktion der Händler, erklärt Voss. Sie seien eher so etwas wie "Chefschrauber am Band bei Daimler". Keine Manager, sondern Legehennen, die entweder Gewinne liefern oder gnadenlos abserviert werden.

Menschen in einer Blase schaffen Spekulationsblasen

Besonders eindrucksvoll sind die Schilderungen von Voss, wenn er die Dynamik seines Jobs beschreibt, das Abgeschottetsein in den Wolkenkratzern, in denen man vor lauter Zahlen und Profitdenken und ausgerüstet mit den Privilegien großen Reichtums den Kontakt zur Realität zu verlieren droht. Denn im Maschinenraum des Kapitalismus scheinen sich nur Menschen mit gleichen Anschauungen und Vorstellungen zu begegnen. Die Bilanz des Investmentbankers Voss angesichts der Krisen des Finanzmarkts ist deshalb nicht ermutigend: Märkte lernen nicht, Banken lernen nicht und Investoren auch nicht. Lernen Banker?

Wer sich Sinngebung, ein Werturteil oder gar eine moralische Abrechnung erhofft, wird von Bauder nicht bedient – und genau das ist auch die Stärke des Films: Wer hingegen einen pathosfreien Einblick in die Welt der Banken und Banker gewinnen will, der sollte sich diesen Film nicht entgehen lassen.

Die preisgekrönte hr-Koproduktion "Master of the Universe" ist seit vergangenem Donnerstag im Kino zu sehen.