Navinder Singh Sarao

350 Jahre Haft für einen Betrug und Marktmanipulation? Flash-Crash-Händler wird an USA ausgeliefert

Stand: 17.10.2016, 09:26 Uhr

Mai 2010: Der Dow Jones verliert in einem "Flash Crash" 1.000 Punkte. Ein britischer Aktienhändler soll schuld sein. Er soll nun an die USA ausgeliefert werden. Dort erwarten ihn 350 Jahre Haft.

Aller Widerstand war letztlich zwecklos. Nach 18-monatigem Rechtsstreit entschied ein Londoner Gericht: Der britische Aktienhändler Navinder Singh Sarao, der laut US-Ermittlern den "Flash Crash" 2010 mitverursacht haben soll, wird in die Vereinigten Staaten ausgeliefert. Die Richter wiesen den Berufungsantrag des 37-Jährigen ab.

Der Händler soll mit einem computergesteuerten Handelsprogramm zum Absturz des Aktienmarktes im Mai 2010 beigetragen haben.

Ein Crash macht Geschichte

Blick in den Handelssaal der New York Stock Exchange

New York Stock Exchange.

Der so genannte "Flash Crash", der den Dow-Jones-Index in den USA binnen Minuten um fast 1.000 Punkte nach unten schickte und die Weltbörsen belastete, ist eine der spektakulärsten Börsengeschichten der jüngeren Vergangenheit. Fast eine Billion an Börsenwert wurden dabei blitzartig vernichtet.

Einen Großteil der Verluste konnte der Index rasch wieder gutmachen, trotzdem ging der Vorfall in die Finanzgeschichte ein.

40 Millionen Dollar ergaunert?

Die Strafe ist natürlich nicht für diesen Flash Crash an sich. Vielmehr werden Sarao Betrug und Marktmanipulation vorgeworfen. Er soll binnen fünf Jahren angeblich 40 Millionen Dollar mit seinen Börsengeschäften ergaunert haben, streitet die Anschuldigungen aber ab. Der amerikanischen Anklage zufolge begann er mit seinen Geschäften Anfang 2009.

Sarao wird vorgeworfen, mit seinem computergesteuerten Handelsprogramm so genannte "Scheinorders" in großer Zahl auf den US-Leitindex S&P 500 im Orderbuch platziert zu haben, um andere Großinvestoren wie zum Beispiel Hedgefonds zu entsprechenden Käufen oder Verkäufen zu verleiten. Sarao selbst habe aber nie vorgehabt, diese Geschäfte zu tätigen. Vielmehr stornierte er seine Aufträge kurze Zeit später - und setzte mit Derivaten auf das Gegengeschäft.

Mit Hochfrequenz in die Tiefe

Am 6. Mai allerdings funktionierte das System ein bisschen zu gut. Durch den scheinbar immens hohen Verkaufsdruck wurden Computerprogramme in Gang gesetzt, die angesichts der Lage in den Orderbüchern massiv verkauften. Es kam eine Kettenreaktion in Gang, die den marktbreiten S&P 500 auf einen Schlag bis zu sechs Prozent in die Tiefe drückte. Beim Dow Jones betrugen die Verluste bis zu neun Prozent.

Laut Anklage konzentrierte sich Sarao unter anderem auf bestimmte an der Chicagoer Börse gehandelte Papiere. Insgesamt ist Sarao in 22 Punkten angeklagt. Die 350 Jahre Haft sind allerdings ein rein theoretisches Höchstmaß, wenn er in allen Punkten verurteilt würde. Die Auslieferung soll innerhalb von 28 Tagen erfolgen.

Der Hochfrequenzhandel, bei dem Transaktionen innerhalb von Sekundenbruchteilen ausgeführt werden, steht seither unter verschärfter Kritik. Immerhin hat die US-Börsenaufsicht SEC reagiert: Sie setzte neue Regeln in Kraft, nach denen der Handel ausgesetzt wird, wenn allzu große abrupte Kursstürze erfolgen.

bs

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Kweku Adoboli muss sich vor Gericht verantworten

Kweku Adoboli, UBS, hat "Gott gespielt"

Es ist einer der größten Bankenskandale in der Geschichte des Finanzplatzes London: Der UBS-Börsenhändler Kweku Adoboli verzockt im Jahr 2012 2,3 Milliarden Dollar. Zwischenzeitlich waren die Risiken sogar bis auf zwölf Milliarden Dollar angeschwollen und hatten damit das Überleben der größten Schweizer Bank bedroht. Insgesamt hat Kweku Adoboli 2,3 Milliarden Dollar versenkt.

Adoboli war am Handels-Desk für Exchange Traded Funds (ETF) aktiv. Dort handelte er mit allen möglichen Spielarten von börsennotierten Papieren wie Aktien, Anleihen und Rohstoffen. Beim Handel mit ETFs auf den Dax, S&P 500 und den EuroStoxx 50 überschritt er allerdings massiv die Risikolimits seiner Bank. Zudem täuschte er Absicherungsgeschäfte nur vor, um die Gewinnaussichten weiter zu erhöhen.

Dafür wurde Adoboli im November 2012 von einer britischen Jury in erster Instanz des Betrugs für schuldig gefunden und von einem Richter zu sieben Jahren hinter Gittern verurteilt. Sasha Wass, die Chef-Anklägerin in dem Prozess, bezeichnete Kweku Adoboli als arrogant und rücksichtslos. Er habe mit dem Geld der Bank "Gott gespielt", um sein Ego zu nähren und mittels höherer Boni seine Geldbörse zu füllen.

Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war Adoboli 32 Jahre alt. Zuletzt kämpfte er gegen seine Abschiebung nach Ghana - erfolglos. Im November wurde Adoboli, der seit seinem 12. Lebensjahr in Großbritannien lebte, abgeschoben.