Börsengeschichte(n)

Börse Berlin um 1900

Kaufe, wenn die Kanonen donnern Die Börse in Zeiten des Ersten Weltkriegs

von von Mischa Ehrhardt

Stand: 09.07.2014, 14:33 Uhr

Der Erste Weltkrieg hatte verheerende Auswirkungen auf die Börse. Kurz nach Kriegsbeginn kam der Aktienhandel an den deutschen Börsen de facto zum Erliegen. Den Regierenden in Berlin kam das durchaus gelegen. Warum war die Börse dem Kaiserreich im Krieg ein Dorn im Auge?

Der erste Weltkrieg war in wirtschaftlicher Hinsicht vor allem eines: Eine Materialschlacht. Die Industrialisierung hatte ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht – und auch das Töten auf den Schlachtfeldern trug das historische Siegel der Moderne – in Form industriell produzierter Waffen.

Wirtschaftlich gesehen stellte diese Materialschlacht zuallererst einen Kraftakt für die kriegführenden Staaten dar. Aus finanzieller Sicht schien ein langer Krieg kaum machbar zu sein. Die meisten Beteiligten gingen deswegen davon aus, dass sich der Krieg schnell entscheiden würde. Auch deshalb zogen die Soldaten mit großer Euphorie in die Schlacht.

Einmarsch deutscher Truppen in Brüssel 1914

Einmarsch deutscher Truppen in Brüssel 1914. | Quelle: picture-alliance/dpa

Während das Reich mobil machte, ging es an den Börsen drunter und drüber. Denn die wenigsten hatten mit dem Ausbruch des Krieges gerechnet. Am 28. Juli 1914, nach der Kriegserklärung von Österreich-Ungarn gegen Serbien, brachen die Aktienkurse ein. Zwei Tage später zog man schließlich die Reißleine. Die wichtigste Börse des deutschen Kaiserreiches in Berlin (im Bild oben) wurde geschlossen, um weitere Panikverkäufe zu verhindern.

»Eigentlich an allen europäischen Börsen sind kurz vor Ausbruch des Krieges, als sich abzeichnete, dass die mehr oder weniger verhaltenen Friedensbemühungen nicht funktionieren würden, die Kurse in den Keller gegangen. Und unmittelbar bei Ausbruch des Krieges wurde dann auch an den meisten europäischen Börsen, auch in den neutralen Staaten, der Handel eingestellt.«

Sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut in Frankfurt. Zuerst traf es nur den Handel mit ausländischen Wertpapieren. Dann kam fast der gesamte offizielle Börsenhandel zum Erliegen. Gehandelt wurden Aktien fast nur noch zwischen Großbanken oder in einem ungeregelten grauen Markt mit wenig Transparenz.

»Soweit wir das nachvollziehen können und die Daten haben, sind die Kurse im Laufe des Krieges gestiegen, aber mehr oder weniger parallel zu den Lebenshaltungskosten, so dass sich keine reale Wertsteigerung ergeben hat. Und natürlich sind sogenannte kriegswichtige Produkte wie bestimmte Rohstoffindustrien oder wie die Montanindustrien stärker gestiegen als andere Industriezweige, die Konsumgüter hergestellt haben oder Dienstleistungen angeboten haben, weil die im Krieg nicht so stark gefragt waren.«

Franz-Josef Leven, Deutsches Aktieninstitut

Das ist die Logik hinter dem Börsenspruch "kaufe, wenn die Kanonen donnern". Denn das Material für die Materialschlachten stellen die Unternehmen her. Und die Aktien dieser Unternehmen stehen natürlich hoch im Kurs, wenn deren Waren auf den Schlachtfeldern niederschmettern und permanent Nachschub gefragt ist.

Geschlossene Börsen waren dem Staat nicht unrecht

Deutscher Aufruf, Kriegsanleihen zu kaufen

Deutscher Aufruf, Kriegsanleihen zu kaufen. | Quelle: picture-alliance/dpa

Dass die offiziellen Börsen im Kaiserreich über weite Strecken des Krieges geschlossen blieben, hatte neben den Kriegswirren vor allem einen Grund. Und der hängt wiederum mit dem Wesen des industrialisierten Krieges zusammen: Denn der erfordert nicht nur Unmengen an Kriegsmaterial und permanenten Nachschub, sondern auch ausreichend Geld, um die Produktion dieses Materials finanzieren zu können. Und dieses Geld versuchte sich der Staat in Form von Krediten direkt von den Bürgern zu leihen. Der Staat gab also Kriegsanleihen heraus. So rief der damalige Präsident der Reichsbank, Rudolf Havenstein, den Untertanen des Kaiserreiches zu:

»Darum, meine Herren, wie der Kaiser unseren Truppen in Riga zurief, frisch an den Feind, mit fröhlichem Herzen und eisernem Willen zum Siege über alle Feinde Deutschlands. So mag es auch für unsere siebente Kriegsanleihe gelten. Und hinaus tönen ins Land. Mit fröhlichem Herzen und eisernem Willen. Helft kämpfen und siegen. Zeichnet Kriegsanleihen.«

Der Staat hatte damals also überhaupt kein Interesse daran, dass die Bürger ihr Geld anderweitig, zum Beispiel in Aktien investierten, sagt Franz-Josef Leven:

»Der Wunsch oder die Notwendigkeit, den Krieg zu finanzieren, war einer der wesentlichen Beweggründe, warum der Handel an den Börsen eingestellt wurde. Man wollte nicht, dass die Anleger Geld in Aktien investieren von Unternehmen, die vielleicht auch vom Krieg profitieren, sondern man wollte, dass die Anleger ihr Geld in Kriegsanleihen des Staates investierten, um damit den Kauf von Rüstungsgütern zu ermöglichen.«

ARD-Börsenstudio: Mischa Erhard
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ARD-Börsenstudio: Kaufe, wenn die Kanonen donnern

Die Rechnung ging auf. Viele Bürger folgten dem Aufruf. Sie übernahmen die Schuldscheine und liehen dem Reich auf diese Weise Geld zur Kriegführung, während die Börsen geschlossen blieben. Der offizielle Börsenhandel wurde erst nach dem Krieg wieder aufgenommen.