Koryphäen der Börsengeschichte

Charles Henry Dow und Edward Davis Jones (r.)

Dow Jones Average Dow und Jones: Pioniere des Finanzjournalismus

von Claudia Wiggenbröker

Stand: 14.10.2016, 13:31 Uhr

Der Dow Jones ist wohl der bekannteste Index. Doch wer waren eigentlich dieser Charles Henry Dow und sein Kumpane Edward Davis Jones, deren Idee seit über 100 Jahren als das Fieberthermometer unserer Wirtschaft gilt?

Die Welt der Computer und des Internets ist schon etwas Feines – schließlich stellt sie uns innerhalb von Sekunden die neuesten Nachrichten über Kurse, Unternehmen und Wirtschaft zur Verfügung. Kaum vorstellbar, dass es eine Zeit gab, in der die brandheißesten News per Hand geschrieben wurden. Um danach in die Finger von Botenjungen zu kommen, die durch Straßen und Gebäude flitzten, um sie an Börseninteressierte weiterzuleiten. Diese Ära war die Glanzzeit von Charles Dow und Edward Jones.

Charles Henry Dow

Charles Henry Dow. | Bildquelle: picture alliance / Everett Collection

Noch heute scheint die Geburt von Charles Henry Dow das größte Highlight in der Geschichte des nicht einmal 4.000 Seelen zählenden Örtchens Sterling in Connecticut zu sein. Hier erblickte der Börsenpionier am 6. November 1851 das Licht der Welt.

Dows Vater war Farmer, starb allerdings als sein Sohn sechs Jahre alt war. Daraufhin soll Charles seine Mutter beim Bestellen der Felder unterstützt haben. Eine höhere Schulbildung blieb ihm verwehrt. Das hinderte Dow allerdings nicht daran, Journalist zu werden.

Edward Davis Jones

Edward Davis Jones. | Bildquelle: picture alliance / Everett Collection

Über Edward Davis Jones ist bei Weitem nicht so viel bekannt wie über seinen Kollegen. Er wurde 1856 in Worcester, Massachusetts, geboren. Seinen Abschluss machte er auf der Worcester Academy, die noch heute als Mathe-Talentschmiede gilt.

Indes schlug sich Charles Dow mit ersten Jobs durch, bis er mit 21 Jahren beim Springfield Republican als Reporter landete. Dow kam unter die Fittiche von Samuel Bowles, dem Herausgeber des Blattes. Nach fünf Jahren verließ Charles Dow dann seinen Mentor, um beim Providence Star in Rhode Island anzufangen. Eine Entscheidung, die für Dow wegweisend sein sollte – denn hier lernte er Edward Jones kennen und mögen.

Bald darauf wechselte Dow zum prominenten Providence Journal. Es heißt, der Herausgeber dort hätte ihn gar nicht anstellen wollen – ein Nein sei für Dow allerdings keine gültige Antwort gewesen. Dow soll bei der Zeitung seinen Gefallen an wegweisenden Geschichten gefunden haben. Er wollte nicht einfach schreiben – er wollte Artikel verfassen, deren Wert Bestand hat. Schon bald hatte er sich den Ruf eines nachdenklichen Autors erarbeitet, der sich durch Beharrlichkeit und Rechtschaffenheit auszeichnete.

Dann, 1879, zog es den jungen Visionär in eine größere Stadt – nach New York. Er machte sich auf, um Finanzjournalist zu werden. Man sagte dem 28-Jährigen ein ruhiges, sicheres Auftreten nach – eine Eigenschaft, die auch den Finanzier Cyrus Field beeindruckt haben soll. Das Lebenswerk des Geschäftsmannes ist ein Telegrafen-Kabel, das durch den Atlantischen Ozean gelegt wurde und von da an die Kommunikation zwischen Amerika und Europa vereinfachte.

Field wurde auf Dow aufmerksam und engagierte ihn, um Finanzberichte für die New York Mail and Express zu verfassen. Die Agentur Kiernan News Agency wurde auf den Schreibstil des jungen Mannes aus Connecticut aufmerksam und heuerte ihn an. Doch Dow wollte nicht allein bei Kiernan arbeiten – er drängte darauf, dass die Agentur Edward Jones anstellte.

Bereits nach kurzer Zeit hatte sich das Zweiergespann einen guten Ruf erarbeitet: Dow und Jones verband man mit klarer, unverzerrter Finanzberichterstattung.

Wall Street nach einem Regenschauer. Die Straße in einer Pfütze gespiegelt

Wall Street. | Bildquelle: (c) dpa - Report

Im April 1881 heiratet Dow Lucy Martin Russell. Das Paar bekam keine eigenen Kinder, zog allerdings gemeinsam eine Tochter aus der früheren Ehe von Lucy Russell groß.

Eineinhalb Jahre nach dem Einstieg bei Kiernan beschlossen Dow und Jones, ihr eigenes Ding zu machen. Die Inspiration soll von Charles Bergstresser gekommen sein, einem Kollegen bei Kiernan, der angeblich unzufrieden mit seiner Beschäftigung dort war. Bergstresser entschied sich, stiller Teilhaber bei Dow Jones and Company zu werden – dem Unternehmen, das er mit seinen beiden Kollegen 1882 gründete.

Die junge Nachrichtenagentur saß in der 15 Wall Street, in einem angeblich schäbigen Büro im Kellergeschoss eines Süßigkeitenladens. Die Unternehmer leisteten sich eine Sekretärin, die viel Zeit damit zubrachte, den als ungehalten und nervös geltenden Jones vom Fluchen abzuhalten.

Dow Jones: Kursverlauf am Börsenplatz Dow Jones Indizes für den Zeitraum 10 Jahre
Kurs
25.064,50
Differenz relativ
-0,53%

In dieser Umgebung entstand das erste Werk von Dow Jones and Company, der zweiseitige Customers Afternoon Letter. Die Zusammenfassung enthielt die wichtigsten Nachrichten des Börsentages sowie eine Einschätzung des Marktes, die Dow verfasste. Botenjungen brachten den Newsletter zu seinen Abonnenten.

Die Zahl der Abnehmer stieg innerhalb kurzer Zeit. Dow und Jones hatten nicht nur einen guten Ruf als Berichterstatter, sie sollen auch schneller gewesen sein als ihre Konkurrenz.

Im Juli 1884 enthielt der Afternoon Letter dann erstmals einen Index, den Dow Jones Industrial Average. Er bestand aus elf Aktien: Neun davon waren Eisenbahnunternehmen, die zu jener Zeit einen immensen Einfluss auf die Geschehnisse im Markt hatten. Der Dow Jones Industrial Average soll die Idee von Dow gewesen sein, er betrug an seinem ersten Tag 69,93 Punkte. Zwei Jahre später wurde der Index zum Dow Jones Average und bildete zwölf Aktien ab. Er gewann schnell an Bedeutung – und nahm bald noch mehr Unternehmen auf.

Gebäude des Wall Street Journal

Gebäude des Wall Street Journal. | Bildquelle: picture alliance / dpa

So wie der Index wuchs auch der Newsletter aus dem Hause Dow Jones and Company. Sein Umfang verdoppelte sich von zwei auf vier Seiten. Und er hieß bald nicht mehr Costumers Afternoon Letter - sondern Wall Street Journal.

Im Juli 1889, an einem Montag, kam das erste Journal raus – zu erwerben für zwei Cent. Wer in der Zeitung inserieren wollte, musste 20 Cent pro Zeile auf den Tisch legen. Und wer direkt treuer Abonnent wurde, kam mit fünf Dollar pro Jahr aus.

Der Erfolg des Journal gab den beiden Visionären recht: Innerhalb von vier Jahren musste das Büro der Company zweimal vergrößert werden. Dow entwickelte indes neue Geschäftsmodelle,  beispielsweise gab es bald eine Morgenversion des Blattes. Zudem etablierte er den Ticker Newswire, der die Leser auf dem neuesten Stand halten sollte.

Doch irgendwann musste Dow dem Erfolg seinen Tribut zollen: Die Gesundheit des Journalisten war stark angeschlagen. Der Mittvierziger fühlte sich ausgelaugt und erschöpft, viele Überstunden hatten ihre Spuren hinterlassen. Familie Dow zog daraufhin ins Grüne, in der Hoffnung, die Nervosität des Journalisten dadurch lindern zu können. Es half nicht.

Doch nicht nur Dow selbst litt. Kumpane Bergstresser hatte im Erscheinungsjahr des Wall Street Journal – dessen Name angeblich auf seine Idee zurück geht – Lucy Dows Cousine geheiratet. Doch nun gab es jemanden, der sich zunehmend aus diesem Kreis isoliert und weniger geschätzt fühlte: Edward Jones.

Jones traf im Januar 1899 daher eine folgenschwere Entscheidung: Er verließ das eigene Unternehmen Dow Jones and Company. Für seinen Freund Dow wurde das zu einer weiteren Belastung. Der hielt noch drei Jahre durch – dann strich auch er die Segel.

Gedruckte Ausgabe eines Wall Sreet Journals

Wall Sreet Journal. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Im März 1902 verkauften die Teilhaber ihre Nachrichtenagentur sowie das Wall Street Journal an Charles Barron. Er hatte zwei News-Büros in Boston und Philadelphia, die bereits mit Dow Jones and Company kooperierten.

Dow war gesundheitlich schwer angeschlagen. Er reist zu seiner Stieftochter, die mittlerweile in Irland lebte. Wohl in der Hoffnung, die Reise könne ihm neue Kraft verleihen – doch dem war nicht so. Am 4. Dezember 1902 starb Charles Henry Dow im Alter von 51 Jahren. Sein Wegbegleiter Edward Davis Jones tat im Jahr 1920 seinen letzten Atemzug. Er wurde 64 Jahre alt.

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Fünf Dinge, die Sie noch nicht über den Dow Jones wussten Galerie

Charles Henry Dow

1. Der Dow Jones Industrial Average ist nicht der älteste Aktienindex der Welt
Charles Dow, der Gründungsvater des "Wall Street Journal", kreierte zuerst 1884 einen Eisenbahn-Index. Erst zwölf Jahre später, im Jahre 1896, lancierte Dow den Dow Jones Industrial Average.