Seifenblasen mit
Audio

Was bleibt von der New Economy? Dotcom-Blase: Als die Blütenträume platzten

von Thomas Spinnler

Stand: 01.07.2019, 06:45 Uhr

Heute vor 20 Jahren wurde der Nemax 50 erstmals an der Frankfurter Börse notiert. Der Neue Markt startete als einzigartige Erfolgsgeschichte. Deutschland entdecke die Aktie, wurde gejubelt. Das Anleger-Ziel: Reich werden ohne Risiko. Das Resultat: Ein Milliardengrab für Kleinanleger.

Es ist gerade einmal rund 20 Jahre her, als Millionen Deutsche den Traum vom leistungslosen Einkommen träumten. Damit ist nicht das bedingungslose Grundeinkommen gemeint. Sie wetteten auf Aktien, um ihr Vermögen durch Kursgewinne zu vervielfachen. Das Zauberwort für die magische Geldvermehrung hieß: New Economy.

Aktien sind grundsätzlich eine ausgezeichnete Idee, wenn man sich ernsthaft mit Vermögensaufbau befassen will. Aber dass es keine dominante Strategie ist, die Depots blind aufzufüllen, diese Erfahrung war für viele Kleinanleger damals schmerzhaft und teuer. Denn was Mitte der 90er Jahre wie eine unglaubliche Erfolgsstory begann, wurde schließlich zu der Finanzmarkt-Katastrophe, die wir heute die Dotcom-Blase nennen.

Mobilcom-Chef Gerhard Schmid (r.) mit Deutsche-Börse CEO Reto Francioni

Mobilcom-Chef Gerhard Schmid (r.) mit Deutsche-Börse CEO Reto Francioni: Der erste Handelstag, Francioni gibt die Richtung vor.

In Chancen denken, nicht in Risiken?

Alles hatte vielversprechend angefangen. Die New Economy sollte die Art revolutionieren, wie Wirtschaft funktioniert. Dauerhaftes Wachstum, permanente Innovation, Abschied von Konjunkturzyklen, ungeheure Produktivitätsgewinne; nun sollte es nur noch aufwärts gehen: „Diesmal ist alles anders!“      

Experten versprachen sich davon ein nicht endendes Wachstum. Die Hoffnung lag auf der Globalisierung, neuen Informationstechnologien, Innovationen im Bereich der Telekommunikation und der Erfindung des Internets. Rezession: Das gab es mal in grauer Vorzeit. Der Zeitgeist: Fortschrittsglaube und Optimismus.

Audio

Börsianer erinnern sich an die Dotcom-Blase

Sogenannte Dotcom-Unternehmen boomten. Geschäftsmodelle waren gesucht, die das ungeheure Potenzial des Internets nutzbar machen wollten. Es entstand ausgerechnet im biederen und risikoscheuen Deutschland so etwas wie eine Startup-Kultur. Wer eine Idee hatte, die irgendwas mit New Media oder Internet zu tun hatte, gründete ein Unternehmen.

Willkommen im Nemax

Immer mehr Wagniskapitalgesellschaften standen bereit, um die Ideen der oft geschäftlich unerfahrenen Gründer zu finanzieren. Genau geprüft, ob die Geschäftsmodelle tragen, wurde kaum, solides Wirtschaften war zweitrangig. Es ging vor allem um rasantes Wachstum, nicht um Profitabilität. Hauptsache, die entscheidenden Schlagworte konnten im Businessplan abgehakt werden.

Der Deutschen Börse war der Hype um die New Economy nicht entgangen. Der Börsenbetreiber startete am 10. März 1997 den „Neuen Markt“ (Nemax). Vorbild war die US-Technologiebörse Nasdaq, die damals dank New Economy bereits von Rekord zu Rekord eilte. Bertrandt und Mobilcom hießen die ersten beiden Nemax-Unternehmen.

Das neue Börsensegment richtete sich direkt an Wachstums-Unternehmen, die sich per Börsengang Kapital beschaffen konnten. Und für die Venture-Kapitalisten bot sich eine Exit-Strategie per IPO. Der Kreislauf war geschlossen, jetzt mussten nur noch die Anleger mitspielen und die Aktien kaufen.  

Nemax

Nemax. | Bildquelle: Deutsche Börse, Grafik: boerse.ARD.de

Irrationaler Überschwang

Das taten sie, und wie: Die Menschen rissen sich um Aktien, mehr als die Finanzwelt je zu träumen gewagt hätte. Die globale Wirtschaft boomte, die neuen Technologien sorgten für Überschwang, die Weltbörsen haussierten. „Die Deutschen entdecken die Aktie“, hieß es damals. Die Zahl der direkten Aktionäre stieg hierzulande kräftig an.

Ein Börsengang jagte den nächsten, die Kursgewinne waren fantastisch. Wer ein paar tausend Euro auf das richtige Unternehmen setzte, konnte es wirklich binnen kurzem zum Millionär bringen. Wenn der Nachbar reich wird, will man selbstverständlich auch ein Stück vom Kuchen haben. „Gekauft wird, was da ist", meinte damals ein Börsenhändler. Aktien wurden zum Tagesgespräch, die "Bild"-Zeitung fragte: „Kann ich auch reich werden?“ Aber sicher! Nur war es damals leichter, reich zu werden, als reich zu bleiben.

Der Nemax 50 erreichte seinen Rekordstand am 10. März 2000 mit 9.631,53 Punkten. Der Nemax All Share notierte am selben Tag bei 8.559,32 Zählern. Der Börsenwert der knapp 300 Firmen, die mittlerweile im Nemax gelistet waren, stieg auf bis zu 235 Milliarden Euro. Auch bei den eher soliden Standardwerten grassierte das Spekulationsfieber. Der Dax erreichte damals einen historischen Höchststand mit 8.136 Punkten.

Dirk Müller am 6.9.2001 mit sorgenvoller Miene an der Frankfurter Börse

Dirk Müller, mittlerweile bekannt als "Mr. Dax", nach dem Platzen der Blase an der Frankfurter Börse im September 2001. | Bildquelle: picture alliance / dpa

„Zum Neuen Markt darf man nicht gehen“

Audio

Börsianer erinnern sich an die Dotcom-Blase

Es regiere die Gier und nichts anderes, zitiert der "Spiegel" im März 2000 Gerhard Schleif, den Börsenchef der DGZ-Dekabank, der damals zweitgrößte Fondsverwalter in Deutschland. Warnungen wurden ignoriert. Es werde ein Blutbad am Neuen Markt geben, prophezeite die 92-jährige Börsenlegende André Kostolany im Jahr 1999. „Zum Neuen Markt darf man nicht gehen“ sagte er in einer Talkshow des NDR. „Das ist ein Betrug mit gezinkten Karten.“

Es gab auch Fälle von Manipulation. Aber die Anleger hatten vor lauter Freude vor allem das Wichtigste übersehen. Die hohen Bewertungen der Firmen, die sich in den fantastischen Kursen niederschlugen, waren durch nichts gerechtfertigt. Denn an der Börse und in der Weltwirtschaft war dann doch nicht alles anders: Es bleibt im Wesentlichen die wirtschaftliche Leistung, die den Aktienkurs bestimmt.

Jedenfalls behielt Kostolany, dessen Börsenweisheiten bis heute gerne zitiert werden, recht. Als sich zeigte, dass die sich die utopischen Gewinnerwartungen in Luft auflösen würden, dass die Firmen kaum materiellen Gegenwert boten, als die ersten Pleiten und massiven Betrugsfälle auftraten, ging es so rasend rückwärts, wie es zuvor nach oben gegangen war. Die Dotcom-Blase platzte. Von den 235 Milliarden Börsenwert waren im September 2002 noch weniger als 30 Milliarden übrig, der Nemax stürzte ins Bodenlose. Auch an den Weltbörsen ging es scharf nach unten.  

André Kostolany rät: Fernhalten vom Neuen Markt. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Vor allem unerfahrene Kleinanleger litten unter der massiven Kapitalvernichtung, denn sie haben schlicht den Ausstiegszeitpunkt verpasst. In den Worten Kostolanys: „Spekulieren kann jeder. Es zur richtigen Zeit zu tun, das ist die Kunst.” Das Timing ist entscheidend.

New Economy 2.0    

Die Deutschen hatten für eine längere Zeit genug vom Aktienmarkt und die Skepsis überwiegt bis heute. Dabei lässt es sich belegen, das sich ein längeres Engagement am Aktienmarkt trotz Finanzkrisen und Kurseinbrüchen lohnen kann - gerade in der Niedrigzinsphase, die schon ein paar Jahre anhält und deren Ende nicht absehbar ist.  

Wer sich vom Aktienmarkt an den vergangenen Jahren ferngehalten hat, verpasste es, etwas für seine Rente, das Haus auf Malle oder seinen Fuhrpark zu tun. Und dass viele Kleinanleger begriffen haben, dass man am Aktienmarkt nicht ohne Risiko, ohne Strategie und ohne Kenntnisse und wirtschaftliche Bildung steinreich werden kann, ist ein positiver Aspekt der geplatzten Blase.

Dierekte Aktionäre in Deutschland

Direkte Aktionäre in Deutschland. | Bildquelle: Statista, Grafik: boerse.ARD.de

Heute sind Internet und die digitale Wirtschaft zu dem bedeutenden Markt geworden, den man sich damals erhofft hatte. Google, Apple, Facebook oder Amazon sind hochprofitable Konzerne. Ohne moderne Informationstechnologie ist die globale Wirtschaft nicht mehr denkbar.