Straßenschild der Wall Street

Das Geheimnis meines Börsenerfolges Irene Bergman - die Wall-Street-Oma

Stand: 26.06.2015, 13:28 Uhr

"Tue nichts Dummes!" Die ganz simple Börsenweisheit einer 99-Jährigen. Irene Bergman nennt es das Geheimnis ihres Erfolges an der Wall Street. Eine Dummheit muss sie sich aber doch eingestehen.

»Ich habe Apple völlig verpasst. Apple war einfach zu viel für mich.«

Allzu viele Dummheiten hat die Finanzberaterin aber offenbar nicht begangen. Ihre Kunden schwören auf sie. Irene Bergman, die auch mit fast 100 Jahren immer noch für das Investmenthaus Stralem & Co aktiv ist und dort weiterhin im Investmentausschuss sitzt, hat ein glückliches Händchen. Dass ihr der Erfolg der Apple-Aktie durch die Lappen ging, ist da zu verzeihen. Im Interview mit "Bloomberg" verrät sie das Geheimnis ihres Erfolges in dieser Halsabschneider-Welt: "Tue nichts Dummes!" Zu ihren verinnerlichten Börsenweisheiten gehört die Langsamkeit. Viele Investoren seien heutzutage besessen von schnellen Gewinnen. Bergman dagegen rät:

»Es ist besser, mindestens drei Jahre zu warten, besser noch viel länger, bevor man ein Investment in Erwägung zieht. Aber scheuen Sie sich auch nicht davor, Ihre These zu überarbeiten. Wenn gründliche Recherche für eine Portfolioänderung spricht, seien Sie mutig und nehmen Sie Änderungen vor.«

Die Suche nach Up-Market-Aktien

Solche Dinge rät sie auch ihren Kunden, mit denen sie von ihrem New Yorker Apartment aus telefoniert. Hier sitzt sie umgeben von Gemälden alter niederländischer Meister und Louis-Quinze-Stühlen und sagt Dinge wie: "Denken Sie an die Anlagerendite!" Bis Dezember 2014 ging die 99-Jährige sogar immer noch ins Büro.

Jetzt verwaltet sie das Vermögen von knapp zwei Milliarden Dollar von zuhause aus. Sie konzentriert sich auf die Identifizierung von "Up-Market"- und "Down-Market"-Aktien. Zum Kundenkreis von Stralem gehören Institutionen und Privatkunden, Bergman betreut elf davon.

Alles in US-Staatsanleihen

Philippe Labaune, Handelschef bei Stralem, hat in seinen 20 Jahren bei der Firma nie erlebt, dass Bergman einen Kunden verloren hat. Es sei denn, er verstarb. Kunden vertrauen ihr. Ein Arzt aus Manhattan lobt ihr gutes Gefühl dafür, wohin sich die Dinge entwickeln. Sein Vermögen hat Bergman komplett in US-Staatsanleihen angelegt.

Bergman hatte einen Traum. Sie wollte ihrem Vater, der Privatbankier war, an die Berliner Börse folgen. Aber die Nazis durchkreuzten ihre Pläne. Die jüdische Familie musste erst aus Deutschland, dann aus den Niederlanden fliehen, und kam 1942 in die USA. Es dauerte ein Jahrzehnt, bis die Familie das von den niederländischen und amerikanischen Behörden eingefrorene Vermögen zurückbekam.

"Messer im Rücken"

An der männerdominierten Wall Street musste sich Bergman durchbeißen. Anfangs arbeitete sie als Sekretärin bei einer Bank. 15 Jahre später wechselte sie zu Hallgarten & Co, später zu Loeb, Rhoades & Co. Schließlich fing sie 1973 bei Stralem an. Dort wurde sie in dem Männerzirkel das erste Mal gleichwertig behandelt. Sie ist eine der ältesten Finanzberaterinnen in einer Branche, die von Männern dominiert wird, die halb so alt sind wie sie. Bergman hat den Wandel der Wall Street live miterlebt. Die Börsenwelt ist schneller geworden. Das bietet Vorteile, weil große Aktienpakete viel leichter verschoben werden können als früher. Die Finanzwelt ist aber auch härter geworden, viel mehr noch auf Rendite ausgerichtet. Bergmann spricht von dem immer härteren Wettbewerb, "es gibt viel mehr Messer im Rücken!"

Und wie übersteht man all das? Wie kann man so fit sein, wenn man im August 100 Jahre alt wird? Die Gene, sagt sie. Aber auch ihre Aktivität. Bis zum Alter von 80 ritt sie Dressurpferde. Das hält den Körper gesund. Und sie ging nie in Ruhestand. Da bleibt der Kopf fit.

bs

1/14

Die Top-Frauen auf der Finanzbühne Wer ist die mächtigste Frau der Wall Street?

High Heels

High Heels im "Good Ol' Boys Club"