Portrait

Anthony Bolton

Einer der großen Stock-Picker Die Visionen des Anthony Bolton

von Robert Minde

Stand: 08.10.2014, 17:34 Uhr

Wie kaum ein anderer hat der britische Fondsmanager Anthony Bolton versucht, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Er war stets auf der Suche nach Geschäftsmodellen, die in sein Zukunftsbild der Welt passten. Für die Anleger hat es sich jedenfalls ausgezahlt, ihm zu folgen.

Auch wenn der heute 64-Jährige seit April dieses Jahres offiziell seinen Ruhestand genießt - der unter anderem von 1990 bis 2002 als Fondsmanger des bekannten Fidelity-Aktien-Schlachtschiffes "Fidelity European Growth Fund" (ISIN LU0048578792) tätige Brite kann auf eine bemerkenswerte Karriere zurückblicken.

Denn wer Bolton als Manager des auf britische Aktien spezialisierten Fonds "Fidelity Special Situations" (GB0003875100, nur in Großbritannien handelbar) im Jahre 1979 die Summe von 1.000 Pfund anvertraute, konnte nach seinem Ausstieg Ende 2007 einen Betrag von 147.000 Pfund einstreichen.

19,5 Prozent hat Bolton mit seinem Fonds im Schnitt jedes Jahr verdient, damit ist und bleibt er in der Branche eine Legende. Bolton ist nämlich damit etwas gelungen, was Fondsmanagern nur selten gelingt - den Markt zu schlagen. Denn im gleichen langen Zeitraum von 28 Jahren hat der Vergleichsindex FTSE All Share "nur" 13,5 Prozent zugelegt.

Die Rückkehr aus dem (Un)-Ruhestand

Seinen ersten Versuch, Ende 2007 in den Ruhestand zu treten, hat Bolton nicht lange durchgehalten. Seine Begeisterung für die Möglichkeiten in China hat ihn zurück an den Schreibtisch und nach Hong Kong getrieben. Dabei ist er seinem alten Arbeitgeber Fidelity treu geblieben.

Mit dem "Fidelity Asian Specials" (ISIN LU0054237671) setzte Bolton seine Visionen für das Reich der Mitte um. Im April dieses Jahres gab er schließlich seine Abschiedsvorstellung. In einem Markt, in dem zwar Fidelity schon lange vertreten, Bolton sich allerdings weniger auskannte, verlief der Start zunächst holprig. Erst zuletzt hat der Fonds an Dynamik gewonnen und liegt derzeit auf Fünf-Jahres-Sicht bequem mit über 42 Prozent Wertentwicklung im Plus. Bolton kann also mit kräftigem Rückenwind zum zweiten Mal in den Ruhestand gehen.

Was aber ist das Geheimnis des Mannes, dem anscheinend leicht fällt, was andere nicht schaffen?

Der Contra-Anleger

Bolton entschied vor allem zu Beginn seiner Karriere in der 80er und 90er Jahren, sich auf kleine und mittlere Unternehmen in Großbritannien zu konzentrieren. Wirklich Neues sei nämlich bei den großen Unternehmen kaum mehr zu erwarten, so eng würden sie von Analysten verfolgt. "Bei einer kleinen Gesellschaft kann ich in das Gespräch mit dem Management gehen und komme heraus mit einem Wissen, das kaum ein anderer hat", erklärte er.

Dabei kaufte Bolton nur Aktien von Unternehmen, deren Geschäftsmodelle er auch verstand, ähnlich wie Großinvestor Warren Buffett. Er fragte sich beispielsweise, warum Ärzte in Ölaktien investieren und nicht in Gesundheitsaktien, wo sie sich doch eigentlich viel besser auskennen. Nachdem er mit einem "Tipp" eines Kollegen für eine Zinnmine zu Beginn seiner Karriere heftige Verluste machte, hielt er sich an diese Regel. Denn von Zinn hatte er keine Ahnung, wie er rückblickend freimütig einräumte.

Bolton tanzte jedenfalls mit seinen Käufen gegen den Strom aus der Reihe, sein Ruf als Contra-Anleger war geboren. Auch bei späteren Investments sollte diese Neigung bei ihm immer wieder durchkommen. Die Kursentwicklung gab ihm Recht, die kleinen und mittleren Titel liefen besser als die im Blue-Chip-Index FTSE 100 enthaltenen Großkonzerne.

Weitere Erfolgsgeheimnisse

Die Tendenz zum Contra-Anleger war eines seiner Erfolgsgeheimnisse, die Bolton der Zeitung "Telegraph" offenbarte. Aber nicht nur das Herausfinden neuer Anlagemöglichkeiten sei eine stetige Herausforderung, so Bolton weiter, auch die Beobachtung der im Portfolio befindlichen Titel dürfe nicht vernachlässigt werden. Darin sieht er übrigens die Hauptaufgabe seines Mitarbeiterstabes aus Analysten und Marktbeobachtern - nicht etwa in der eher werbewirksamen Versicherung dem Investor gegenüber, dass der Fonds auch weiter konstant fährt, wenn der Kapitän mal von Bord geht.

Während sein Team (immerhin bis zu 50 Analysten) also klar instruiert war, konnte sich Bolton nach bewährtem Muster auf die Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten machen. Bis zu drei Unternehmen hat er pro Tag gesprochen, seine Notizbücher mit den wichtigsten Punkten dieser Besprechungen sind legendär.

Sentiment und Fundamentaldaten

Ein weiterer Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die Dispositionen. Ausgehend von der Tatsache, dass die Investoren meist einem Herdentrieb folgen, kommt neben den Fundamentaldaten des Unternehmens dem Sentiment, also der Anlegerstimmung, eine ebenso zentrale Bedeutung zu: "Am Aktienmarkt geht es nicht nur darum, was die Zukunft bringt, sondern was die Leute meinen, was sie bringt."

"Ich würde es sogar vermeiden, eine gute Aktie zu kaufen, wenn das Sentiment schlecht ist", erklärte Bolton weiter. Aber auch klare Grundsätze sind kein Erfolgsgarant. Auch Bolton musste vor allem zu Beginn seiner Investments in China Rückschläge hinnehmen. In den ersten 18 Monaten verlor der Fonds 30 Prozent.

Die größten Erfolge

Bolton blieb stets ein Contra-Anleger. Nach dem Platzen der Dot.com-Blase ab 2000 trauten sich Fondsmanager weltweit kaum, in Technologieaktien zu investieren. Bolton sammelte die Aktien in der Baisse zum Schnäppchenpreis ein. Auch seine Engagements in Rohstoffaktien ab dem Jahr 2005 zahlten sich aus, Aktien dieser Branche gehörten vor der Finanzkrise zu den Top-Performern auf dem Kurszettel.

Sein besonderer Blick auf den Technologiesektor begründete auch einen seiner größten Erfolge. Vom aufkommenden Hype für Handys ab der zweiten Hälfte der 90er Jahre profitierte er, indem er sich mittelbar an der seinerzeit zum Platzhirsch British Telecom gehörenden Cellnet beteiligte, eines von nur zwei Netzwerken in Großbritannien zu dieser Zeit (neben Vodafone). Aus Cellnet wurde letzten Endes O2, das mittlerweile zur spanischen Telefonica gehört. Ende 2005 bezahlten die Spanier für O2 die unglaubliche Summe von 17,7 Milliarden Pfund.

Internet und China

Zurück zum Ende seiner Karriere, dem Markt in China. Hier musste Bolton trotz aller Wachstumsvisionen für das Reich der Mitte zunächst Lehrgeld bezahlen. Bei seinem Abschied im April ließ er denn auch an den chinesischen Standards für Unternehmensführung kein gutes Haar.

"Corporate Governance" ist seiner Meinung nur ein Euphemismus für schlichten Betrug. Er empfiehlt, sich von den immer noch dominierenden Staatsunternehmen fern zu halten. Deren Margen sind niedrig und Vorstände und Kontrolleure werden in aller Regel von der Regierung ernannt und verfolgen ihre eigenen Interessen.

Das, was Bolton "Neues China" nennt, findet sich allerdings im Fonds. Konsum, Informationstechnologie oder Gesundheit. Da gefallen ihm natürlich Stories wie Alibaba oder Tencent. Nach wie vor bietet China also reichlich Gelegenheiten, auch wenn man dafür Geduld mitbringen muss. Darum muss sich aber künftig sein Nachfolger kümmern.

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