Robin Hood, Walt Disney Zeichentrickfilm

Der neue Börsenboom bei Online-Banken Die "Robinhood-Hausse"

von Notker Blechner

Stand: 24.06.2020, 13:19 Uhr

Lange scheuten deutsche Kleinanleger vor Aktien zurück. Nun, ausgerechnet in der Corona-Krise, denken einige um und kaufen Wertpapiere. Die Online-Banken berichten von einem riesigen Ansturm und zahlreichen Depoteröffnungen.

Sind die Deutschen doch keine Börsenmuffel? Mitten in der Corona-Pandemie haben sie die Aktienanlage neu entdeckt. Die neuesten Statistiken deuten auf einen Sinneswandel vieler Kleinanleger hin.

ING: Noch nie so viele Neukunden in so kurzer Zeit!

So berichten mehrere Direktbanken von einem regelrechten Aktienboom in den vergangenen Monaten. "Wir haben noch nie so viele Depotneukunden in so kurzer Zeit gewonnen", sagt ein Banker der größten deutschen Internetbank ING. Alleine im März eröffneten rund 70.000 Anleger ein Depot - sieben Mal mehr als ein Jahr zuvor.

ING-Bank-Schriftzug

ING. | Bildquelle: picture alliance/Hatim Kaghat/BELGA/dpa

Seit Jahresbeginn zählt ING rund 200.000 neue Depots. "Vor allem bei den Kunden unter 40 Jahren sehen wir in den letzten Monaten eine deutlich erhöhte Nachfrage nach Depots", sagte Daniel Llano Manibardo, Vorstandsmitglied von ING Deutschland gegenüber boerse.ARD.de. Im ersten Halbjahr 2020 verdreifachten sich die Transaktionen.

"Besonders boomt das mobile Banking", verkündete Manibardo jüngst auf der Frankfurt Finance Summit. Am meisten Wertpapieraufträge werden inzwischen über die mobile Banking-App ausgeführt.

Comdirect: Größter Ansturm seit 2000

Auch die Konkurrenten spüren ein sprunghaft gestiegenes Aktien-Interesse. Comdirect hat laut "Welt am Sonntag" in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 177.000 Neukunden für Wertpapierdepots angelockt. Es ist das stärkste Wachstum seit 20 Jahren, also seit dem Höhepunkt des Neuer-Markt-Booms.

Schriftzug der Consorsbank

Consorsbank. | Bildquelle: Unternehmen

Die Consorsbank und die DKB berichten von einer Verfünffachung der Depotneueröffnungen. Auch die Billiganbieter unter den Online-Banken, die den Markt aufgemischt haben, verzeichnen rasante Zuwächse. In der Szene herrscht Hochstimmung, manche sprechen laut "Welt am Sonntag" von einer neuen Broker-Gründerzeit.

ETF-Sparpläne heiß begehrt

Neben Einzelaktien sind ETF-Sparpläne gefragt. Von Anfang Februar bis Ende Mai stieg die Zahl der neu eröffnen ETF-Sparpläne alleine bei den Direktbanken um 313.000 auf 1,7 Millionen, hat das Anlegerportal extraETF.com herausgefunden. In den Corona-Monaten lag die Zahl der Neuabschlüsse bei 78.000 pro Monat - fast doppelt so viel wie im vergangenen Jahr.

Millennials

Millennials. | Bildquelle: colourbox.de

Das neu erwachte Interesse von Kleinanlegern an Aktien mitten in der Corona-Krise ist freilich kein deutsches Phänomen. Auch im Ausland schwören zunehmend junge Anleger, insbesondere die "Millennials" auf Wertpapiere und wittern das große Geld.

Röhl: Millennials entdecken die Aktien

Christian W. Röhl

Christian W. Röhl. | Bildquelle: DividendenAdel

In den USA spreche man bereits von der "Robinhood-Hausse", benannt nach dem gleichnamigen Gratisbroker für Millennials, erklärt Investor und Dividendenexperte Christian W. Röhl ("Dividenden-Adel"). "Die Millennials saßen während des Lockdowns gelangweilt daheim rum - und weil Fortnite auf die Dauer auch langweilig ist, haben sie mal mit Börse angefangen." Aktien kaufen übers Smartphone sei schließlich sooo einfach…" und weil der Markt just dann nach oben gedreht hat, als der Lockdown begann, haben sie auch alle Geld verdient", weiß Röhl. "Jetzt fühlen sie sich als Super-Investoren."

Die Robinhood-Trading-App verzeichnet seit Jahresbeginn bereits gut drei Millionen neue Accounts. Die neuen Aktionäre mögen gehypte Titel wie Tesla, Nikola und den Corona-Impfstoff-Hoffnungsträger Moderna, aber auch heruntergeprügelte Papiere wie Boeing, United Airlines oder sogar den insolventen Autovermieter Hertz. Das geht aus einer Auswertung der Depots von Robinhood hervor.

Goldman-Sachs-Index auf die Anleger-Lieblinge

Es gibt inzwischen sogar einen eigenen Index, der die Kursentwicklung der Favoriten der neuen Kleinanleger abbildet. Der von Goldman Sachs auflegte Index liegt seit Jahresbeginn rund 23 Prozent im Plus. Zum Vergleich: Der Dow hat im selben Zeitraum fast neun Prozent eingebüßt.

Robinwood Financial-Gründer Vlad Tenev (l.) und Baiju Bhatt

Vlad Tenev (l.) und Baiju Bhatt. | Bildquelle: picture alliance / AP Images

Doch die Robinhood-Hausse dürfte nicht mehr all zu lange dauern, warnen alteingessesene Anlagestrategen und Investmentbanker. Hedgefonds-Manager Leon Cooperman prophezeit einen jähen Absturz. "Die Robinhood-Märkte werden in Tränen enden", sagte er in einem Interview mit CNBC voraus.

"Hausse wird in Tränen enden!"

Tatsächlich steht die Trading-Plattform zunehmend in der Kritik. Besonders tragisch war der Selbstmord eines 20-Jährigen, der fälschlicherweise angenommen hatte, auf Robinhood über 700.000 Dollar in einem Wertpapier-Geschäft verloren zu haben. Daraufhin nahmen die Robinhood-Gründer Änderungen am Design des Portals vor.

Die neuen deutschen Kleinanleger setzen ähnlich wie die Robinhood-Jünger auf Corona-Verlierer, unterbewertete Klassiker und Technologie-Revolutionäre. Laut einer Umfrage von "Welt am Sonntag" sind sie vor allem in Wasserstoff-Aktien, abgestürzten Klassikern wie BASF und Daimler sowie Reise- und Touristik-Aktien wie Lufthansa und die Tui investiert.