Drei Herren in Anzügen

Neue Studie Deutsche Aufsichtsräte: zu alt, zu zahlreich, zu formell

Stand: 17.05.2018, 15:16 Uhr

Die Kritik an der mangelhaften Arbeit deutscher Aufsichtsräte reißt nicht ab. Jetzt hat sich auch die US-Beratungsfirma Alvarez & Marsal mit dem Thema befasst - und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Häufig seien die Aufsichtsräte den Herausforderungen ihrer Jobs nicht gewachsen. Es handle sich in der Regel um alte Männer, die im Schnitt 67 Jahre alt sind und damit deutlich älter als ihre Kollegen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

Moniert wird auch der berufliche Hintergrund der Aufsichtsräte. So haben rund 40 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder hierzulande eine Ausbildung in den Bereichen Finanzen, Rechnungslegung oder Recht. Dieser Fokus sei viel zu restriktiv, um die komplexe Umgebung abzubilden, in der sich Unternehmen heute behaupten müssen.

Auch handele es sich in den meisten Fällen um frühere Vorstandsmitglieder, denen es an der Fähigkeit mangele, das Gesamtbild zu sehen, so die Studie. Zudem scheuten viele Aufsichtsräte rechtliche Risiken und tendierten dazu Probleme auszusitzen, statt sie aktiv zu lösen. Sie zögen es vor, "mit dem Strom zu schwimmen". Vielfach seien sie also weit vom Idealprofil entfernt, so die Studie.

Zu viel Aufsicht, zu wenig Rat

Verschiedentlich verfügten die Aufsichtsräte auch nicht über die notwendigen Instrumente, um ihre Arbeit mit der nötigen Effizienz verrichten zu können. Allerdings nähmen sie auch nicht immer ihre "Holschuld" wahr, was bedeutet, dass sie oft genug nicht selbst aktiv werden, um sich die nötigen Informationen zu beschaffen.

Auch liegt der Studie zufolge in den heimischen Aufsichtsräten die Betonung viel zu sehr auf "Aufsicht", statt auf "Rat". Die Aufsichtsräte begnügten sich also meist damit, die Unternehmensleitung zu überwachen statt auch zu beraten. Dabei wäre es wünschenswert, dass sie sich gleichzeitig auch als Mentors des Vorstands verstünden.

Und noch etwas ist den Autoren der Studie aufgefallen: Die Aufsichtsräte deutscher Dax- und MDax-Unternehmen sind überbesetzt. Statt 20 Mitgliedern würde auch die Hälfte genügen. Denn je größer ein Gremium sei, desto häufiger entstünden Ausschüsse, in denen drei oder vier Mitglieder nach Art von "Hinterzimmer-Deals" Entscheidungen treffen.

Interviews mit deutschen Führungskräften

"Sie brauchen professionelle Kandidaten, die wissen was sie tun, die über eine gewisse Erfahrung verfügen und bereit und in der Lage sind, die nötige Zeit zu investieren, um ihre Aufgabe ernsthaft zu erfüllen", wird einer der von den Autoren befragten Führungskräfte zitiert.

Grundlage der Studie waren nämlich Interviews mit 20 deutschen Vorständen und/oder Aufsichtsräten, darunter der ehemalige Adidas-Chef Herbert Hainer, der im Aufsichtsrat der Allianz SE und der Lufthansa AG sitzt, sowie der Finanzchef von ThyssenKrupp AG, Guido Kerkhoff.

lg

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