Neulich vor 85 Jahren

Die Wall Street 1929

Wall-Street-Crash von 1929 Der Schwarze Freitag, der ein Donnerstag war

von Bettina Seidl

Stand: 24.10.2014, 14:36 Uhr

Es war einer der schwärzesten Tage an der New Yorker Börse: Der 24. Oktober 1929. Er war Auftakt zu einem Kurs-Gemetzel, das in nur sechs Tagen die Kurse halbierte. Es war der Auftakt zur Weltwirtschaftskrise. Die Legendenbildung will es, dass Joseph Kennedy den Crash vorhersah – durch den Wink eines Schuhputzers.

Der Legende nach ereignete sich die Geschichte so: Im Winter 1928 legte Joe Kennedy auf dem Weg ins Büro einen kurzen Stopp ein. Der Millionär, Spekulant und Vater des späteren amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy ließ sich seine Schuhe polieren. Als der Schuhputzer seine Arbeit beendet hatte, gab dieser Kennedy einen Aktientipp. Ein Alarmsignal für den Börsenfuchs. "Wenn schon Schuhputzer Dir Aktientipps geben, ist es Zeit, Aktien zu verkaufen." Denn das sei ein untrügliches Zeichen der Übertreibung.

Wenn die Börseneuphorie die Massen der Bevölkerung und Kleinanleger erreicht, haben die Kurse längst ein Niveau erreicht, das sich nicht mehr mit der wirtschaftlichen Realität deckt. Erfahrene Anleger machen sich in solchen Übertreibungsphasen aus dem Staub und verkaufen ihre Aktien. Auch Kennedy machte nach dem Tipp des Schuhputzers seine Aktien zu Geld, was ihn vor dem Ruin bewahrte. Er überlebte den Crash des nächsten Jahres finanziell unbeschadet.

Roaring Twenties

Dabei schien es, als würde der Aktienboom nie enden. Die Börse schien in den Jahren zuvor nur eine Richtung zu kennen: aufwärts. Viele Anleger nahmen Kredite auf, um dabei zu sein, um Aktien kaufen zu können. Es war die Zeit der Goldenen 20er; die Wirtschaftsleistung stieg in den "Roaring Twenties" um 25 Prozent.

Man träumte vom ewigen Wohlstand. Warnende Stimmen wurden in den Wind geschlagen. Anfang 1929 gab es erste Anzeichen einer konjunkturellen Trübung. Aber noch hielt sich die Stimmung an den Börsen, von einigen wenigen Kursrücksetzern abgesehen. Am 3. September 1929 erreichte der Dow Jones ein historisches Hoch bei 381,17 Zählern. Danach begann das amerikanische Börsenbarometer erst langsam, dann immer schneller zu sinken.

Der Crash beginnt

Mitte Oktober war die Nervosität dann greifbar, Hektik und Angst herrschte auf dem Parkett, Makler arbeiteten bis tief in die Nacht. Einen größeren Kursrutsch gab es bereits am Mittwoch, den 23. Oktober. Der Dow sackte gut sechs Prozent abwärts und lag nur noch bei etwas über 300 Punkten. Der nächste Tag, der als "Schwarzer Donnerstag" bekannt ist, begann eigentlich ruhig, was sich gegen 11 Uhr auf einen Schlag änderte. Bis zum Handelsende verlor der amerikanische Leitindex weitere sechs Prozent. Die Zeitungen titelten "Black Thursday! Wall Street in Panic". Hier in Europa ging der Tag wegen der Zeitverschiebung als Schwarzer Freitag in die Börsengeschichte ein.

Es folgten weitere verlustreiche Tage. Seine größten Verlust erlitt der Dow Jones am folgenden Montag, als er bis auf 260,64 Punkte nachgab. Da viele Kredite mit Aktien als Sicherheit hinterlegt waren, beschleunigte sich der Kursverfall quasi selbst. Weil die stark gefallen Aktien nicht mehr reichten, um die Kredite zu decken, forderten Banken ihr Geld zurück und zwangen Anleger zum Auflösen ihrer Investments.

Black Thursday 1929

Black Thursday 1929.

Beginn der Weltwirtschaftskrise

Der endgültige Zusammbruch kam am "Schwarzen Dienstag", den 29.10.29, der auch als Black Tuesday oder Tragic Tuesday bekannt wurde. Da sackte der amerikanische Leitindex bis auf 230,07 Punkte. Die Verzweiflung unter den Anlegern war groß, einige begannen Selbstmord. Bis heute ist das Bild des Managers bekannt, der sich aus einem Bürofenster stürzte. Die Talfahrt ging noch drei Wochen weiter, erst am 15. November mündete sie in eine Seitwärtsbewegung ein.

Der Wall-Street-Crash hatte großen Einfluss auf die amerikanische Wirtschaft und die Weltwirtschaft. Banken kollabierten, viele Privatanleger verloren ihr Vermögen. Alles mündete in der großen Weltwirtschaftskrise. Bis heute diskutieren Historiker, ob der Börsencrash wirklich der Auslöser dafür war, oder ob er nur zeitlich zusammenfiel mit dem Platzen der kreditfinanziereten Wirtschaftblase. Statistiken zeigen, dass vor dem Crash nur 16 Prozent der Haushalte am Aktienmarkt investiert waren - aber ob das auch ein Indiz dafür ist, dass der Börsenkrach nur wenig Breitenwirkung gehabt haben kann?

War Finanzjongleur Hatry Schuld?

Bisweilen wird der Bankrott des Londoner Finanzjongleurs Clarence Hatry, der aber auf den 20. September fällt, als Anlass für den Crash angeführt. Hatry hatte ein weit verzweigtes, nicht mehr durchschaubares Firmenimperium aufgebaut. Wie sich herausstellte, gab er mit betrügerischen Methoden Wertpapiere heraus, nahm mit waghalsigen Spekulationen mehr als zehn Millionen Pfund ein – und ließ alles in seinem dichten Geflecht an Beteiligungen verschwinden. Die Londoner Börse crashte, als Hatry pleite ging. Das schwächte den Optimismus der Amerikaner in die Übersee-Märkte. Das britische Pfund fiel dramatisch.

Hatry mag die Unsicherheit der Börsianer geschürt haben. Doch gelten die Ursachen für den Crash an der Wall Street bis heute als nicht völlig geklärt. Letztlich endet jede übertriebene Euphorie irgendwann, wenn die reale Wirtschaft den Aufschwung nicht mitträgt. Hatry ist aber sicher als ein Symptom der extremen Übertreibung dieser Zeit zu sehen.

Klopft ein neuer Crash bereits an?

Mancher sieht eine ähnliche Phase auch jetzt wieder gekommen. Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller warnte in diesem Sommer davor. US-Aktien seien bereits zu teuer, so Shiller. Das zeigt ihm eine eigens entwickelte Rechenformel, womit er die Aktienkurse ins Verhältnis dazu setzt, was die Unternehmen wirtschaftlich leisten.

Das Cape oder Shiller-KGV

Das CAPE ist so eine Art KGV oder Kurs-Gewinn-Verhältnis: Es setzt die Bewertung einer Aktie ins Verhältnis zum Gewinn, den ein Unternehmen erwirtschaftet, und kann damit Aufschluss darüber geben, ob eine Aktie fair bewertet ist. Im Gegensatz zum KGV handelt es sich um eine über zehn Jahre geglättete und zugleich inflationsbereinigte Variante dieser Kennziffer. Daher dient sie einem eher langfristig orientierten Anleger.

Dieses "Cycle-Adjusted Price-Earnings-Ratio" – auch CAPE oder Shiller-KGV genannt, zeigt in der Tat: Die Kurse sind überdurchschnittlich hoch. So hoch wie jeweils vor den Krisen 1929, 1999 und 2007. Kein gutes Omen.

Zeitstrahl

Black Monday 1987, New York

Weltwirtschaftskrisen

Krisen, Crashs und Chaos

Ob Tulpen, das Internet oder Immobilien: Die Auslöser für Wirtschaftskrisen könnten unterschiedlicher nicht sein. Allen gleich aber ist die aberwitzige Gier nach immer höheren Gewinnen.