Ferdinand Porsche

Deutsche Börsen-Dynastien Das Erbe des Ferdinand Porsche

Stand: 23.07.2015, 16:11 Uhr

Seit dem Abtritt von VW-Firmenpatriarch und Übervater Ferdinand Piëch richtet sich der Blick verstärkt auf die überaus fein austarierten Machtstrukturen im Weltkonzern. Wer hat eigentlich das Sagen beim Autobauer, der auch heute noch ein deutsches Politikum ist?

Eigentlich hatte der heute 78-jährige Ferdinand Piëch einen solchen Abgang nicht verdient. Ohne die sonst üblichen Dankesworte für die geleistete Arbeit seitens der Aufsichtsräte verließ der langjährige Macher des Konzerns das VW-Kontrollgremium. Noch vor der jüngsten Hauptversammlung vom 5. Mai. Der Enkel von Firmengründer Ferdinand Porsche hatte den Machtkampf gegen Firmenchef Martin Winterkorn im April erst völlig überraschend vom Zaun gebrochen und dann verloren.

Ferdinand Piëch

Ferdinand Piëch. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Dabei sind seine Verdienste für den Konzern unbestritten. Ohne Piëch würde der heute aus insgesamt zwölf Marken bestehende Weltkonzern in dieser Form nicht existieren. Nahezu alles was Räder hat, vom Motorrad bis zum Lastwagen, ist heute unter dem VW-Konzerndach gebündelt - genauer gesagt unter dem der Holding-Gesellschaft Porsche SE, die 50,73 Prozent der Stimmrechte am Wolfsburger Konzern hält. Spätestens ab hier fängt es an, kompliziert zu werden bei der Frage, wer bei VW das Sagen hat.

Gründervater Ferdinand Porsche

Am Anfang des deutsch-österreichischen Porsche-Piechs-Imperiums steht Firmengründer Ferdinand Porsche (1875-1951). Porsche erhielt seinerzeit von Diktator Adolf Hitler den Auftrag, ein "Volksauto" zu bauen und nutzte den ihm dazu von den Nationalsozialisten gewährten Freiraum im Unternehmen. Ihm wurde später vorgeworfen, ähnlich wie bei anderen Familien-Clans während dieser Zeit, die Verbrechen des Regimes verdrängt zu haben.

Der Grundstein des Imperiums war gleichwohl gelegt, wobei die damaligen Machthaber das enteignete Vermögen des damaligen "Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftbundes (ADGB)" nutzten, um den Konzern in Wolfsburg als DAF-Unternehmen zu gründen (Deutsche Arbeitsfront). Er galt in der Propaganda als ein wichtiger Bestandteil des NS-Wohlfahrtstaates.

Eigentlich gehört der "Volkskonzern" also den Gewerkschaften, mit deren Geld schließlich der Grundstein gelegt wurde. Eine Tatsache, die für das Selbsverständnis des Unternehmens noch heute wichtig ist, gerade wenn man über die Machtverteilung spricht.

Stammbaum der Porsche-Familie

Die Porsche-Familie. | Bildquelle: Unternehmen, Grafik: boerse.ARD.de

Der Clan entwickelt sich

Fedinand Porsche hatte zwei Kinder, Ferry und Louise. Beide waren sich nach dem Tod des Vaters 1951 zunächst einig, wer welche Aufgaben übernehmen sollte. Während Ferry Porsche in Stuttgart begann Sportwagen zu bauen, steuerte Louise, verheiratete Piëch, von Salzburg aus den Verkauf von Volkswagen und Porsche-Autos. Ferdinand Piëch, geboren 1937, war eines von vier Kindern aus der Ehe von Louise mit Österreicher Anton Piëch. Bruder Ferry hatte mit seiner Frau ebenfalls vier Kinder, allesamt Söhne.

Wolfgang Porsche

Wolfgang Porsche. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die Wege der beiden Familienzweige sollten sich in der Folge immer wieder kreuzen - und dabei für heftige Streitereien in der Familie sorgen. Letzlich geht die heutige Aktionärsstruktur des VW-Konzerns maßgeblich auf den Zwist zwischen dem Ferry-Sohn Wolfgang Porsche und dem Louise-Sohn Ferdinand Piëch zurück.

Piëch, der Macher

Trotz aller Streitigkeiten in der Familie - Ferdinand Piëch hat den Konzern zu dem geformt, was er heute ist. Über viele Jahre war der schweigsame, ruppige Top-Ingenieur und -Manager das Machtzentrum von VW. Wenn "der Alte" mal wieder etwas zu sagen hatte, zitterte der ganze Vorstand in Wolfsburg. "Mein Harmoniebedürfnis ist gering", hatte Piech einst erklärt. Das musste der eine oder andere Firmenchef bitter spüren, unter anderem auch Ex-Chef Bernd Pischetsrieder.

Der gelernte Maschinenbauer Piëch startete seine Karriere bei Porsche. In den 70er Jahren wechselte er zu Audi und arbeitete sich zum Technikvorstand hoch. 1988 übernahm Piëch den Chefsessel bei Audi. Nach Ansicht vieler Branchenkenner legte er den Grundstein für den Aufstieg der Marke mit den vier Ringen in die Oberklasse.

Fünf Jahre später wurde Piëch nach Wolfsburg an die VW-Konzernspitze geholt. Der Top-Manager führte den Autobauer zurück aus der Krise. VW galt damals als Übernahmekandidat. Piëch weitete so seine Macht im VW-Imperium systematisch aus. Sein Meisterstück als Taktiker lieferte Piëch, als er, mittlerweile an der Spitze des Aufsichtsrates stehend, den Spieß nach der gescheiterten Übernahme von VW durch Porsche umdrehte und der Wolfsburger Konzern sich schließlich Porsche als zehnte Marke einverleibte. Seit dem Einstieg der Porsche-Holding als Großaktionär ist der Porsche-Miteigentümer indirekt auch erheblich an VW beteiligt.

Die Porsche Holding SE - Kernstück des Familienclans

In der börsennotierten Beteiligungsholding Porsche Holding SE, nicht zu verwechseln mit dem Autobauer Porsche AG, der zu 100 Prozent zum Konzern gehört, haben die beiden Familenclans das unumschränkte Sagen. Sie kontrollieren 100 Prozent der Stammaktien, wobei der Porsche-Clan ein leichtes Übergewicht hat.

Volkswagen AG Aktionärsstruktur

Volkswagen AG Aktionärsstruktur. | Bildquelle: Volkswagen AG, Grafik: boerse.ARD.de

Zurückzuführen ist dieser Umstand, der das Gleichgewicht der Macht durcheinander brachte, übrigens auf eine Eskapade des älteren Bruders von Ferdinand Piëch, Ernst Piëch. Dieser verkaufte heimlich seine Porsche-AG-Anteile an einen arabischen Investor, weil er bei einem Immobiliengeschäft in Schieflage geraten war. Die Familie musste die Anteile für einen dreistelligen Millionenbetrag zurückkaufen.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
145,84
Differenz relativ
-0,15%

Das Organigramm zeigt, dass die Porsche SE mit 50,73 Prozent Mehrheitsaktionärin im VW-Markenreich ist. Ferdinand Piëch hält nach aktuellen Informationen 13,16 Prozent der Porsche Holding SE Stammaktien, womit ihm rechnerisch 6,7 Prozent der VW-Stammaktien gehören. Mit den im Dax notierten VW-Vorzugsaktien hat dies nichts zu tun, betroffen sind nur die Stammaktien. Vorzüge werden gerne begeben, wenn der Konzern frische Mittel braucht, die Mehrheitseigner aber keinen neuen Mitentscheider ins Boot holen wollen.

Auch Porsche hat beim Übernahmeversuch natürlich nur auf die Stämme abgestellt, die Vorzugsaktien dümpelten derweil vor sich hin. Seit 2009 sind die Vorzüge im Dax, da die Stämme überwiegend in festen Händen sind. Neben dem Land Niedersachsen mit 20 Prozent ist auch das Scheichtum Katar über seine Holding mit 17 Prozent an VW beteiligt. Der Streubesitz liegt nur bei gut 12,3 Prozent.

Ohne Gewerkschaften geht nichts

Bezeichnend für die große Macht der Arbeitnehmervertreter ist derzeit die Tatsache, dass der IG Metall-Gewerkschafter Berthold Huber nach Piëchs Abgang derzeit kommissarisch das Kontrollorgan führt. Ihm zur Seite steht mit Bernd Osterloh der Betriebsratsvorsitzende. Kaum eine Betriebsratsvertretung ist so eng in die Entscheidungen des Managements eingebunden wie die von VW.

Piëchs Niederlage im Kampf um die Ablösung Winterkorns ist nicht nur auf die Streitigkeiten innerhalb der Familie zurückzuführen. Auch die mächtige Arbeitnehmerseite zog nicht mit. Piëch wurde Opfer seiner eigenen Erkenntnis, dass bei VW gegen die Gewerkschaften nichts erreicht werden kann. Die Macht bei VW liegt also nicht nur bei der Famile, sondern ist ein fein austariertes Verhältnis mit den Gewerkschaften und dem Land Niedersachsen.

Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG auf der Hannover Messe 2015

VW-Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Apropos Niedersachen. Für VW gab und gibt es sogar ein eigenes Gesetz, das sogenannte VW-Gesetz. Es besagt, dass wichtige Beschlüsse der Hauptversammlung wie Kapitalerhöhungen oder Satzungsänderungen nur mit einer Mehrheit von 80 Prozent getroffen werden können. De facto hat das Land Niedersachsen mit seinem 20-Prozent-Anteil damit eine Sperrminorität, üblich sind meist 25 Prozent.

Ist der Abgang das letzte Wort?

Noch immer hat der alte Fuchs Ferdinand Piëch übrigens nicht genau gesagt, warum er Martin Winterkorn plötzlich nicht mehr wollte. Denn der Wechsel des bestbezahltesten Managers eines Dax-Unternehmens (rund 16 Millionen Euro pro Jahr) an die Spitze des Aufsichtsrates war eigentlich ausgemachte Sache.

Vielleicht dämmerte es Piech, dass der VW-Konzern angesichts rückläufiger Märkte dringend die zuletzt ramponierte Profitabilität der Kernmarke stärken muss - bittere Entscheidungen womöglich, bei denen die Gewerkschaftsseite wohl nicht mitziehen dürfte. Kaum einer kann sich derzeit vorstellen, dass der "Golf" mal nicht mehr in Wolfsburg gebaut wird. Der Standort ist aber weltweit nicht zuletzt wegen der gut bezahlten Belegschaft der teuerste.

VW Golf VII

Volkswagen Golf 7. | Quelle: picture-alliance/dpa

Vielleicht war Winterkorn aber zuletzt einfach zu selbstbewusst aufgetreten. Eine Eigenschaft, die bei Piëch gar nicht gut ankommt. Für ihn ist wichtig, dass immer klar ist, wer Eigentümer und wer "nur" Angestellter ist. In jedem Fall halten Beobachter sogar ein Comeback des Patriarchen für möglich - welche Pläne er wirklich hat, hat er jedenfalls bisher ebenfalls für sich behalten.

Vierte Generation kaum vertreten

VW-Aufsichtsrätin Louise Kiesling

VW-Aufsichtsrätin Louise Kiesling. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Aus der vierten Generation der VW-Erben sind übrigens nur Ferdinand Piëchs Nichten Louise Kiesling und Julia Kuhn-Piëch als Nachfolger für ihn und seine Frau Ursula in den VW-Aufsichtsrat nachgerückt. Sie wurden auf Vorschlag ihres Onkels Wolfgang Porsche aufgenommen, gegen den Widerstand von Ferdinand, versteht sich. Die 34-jährige Julia ist die Tochter seines Bruders Hans-Michel, der ebenfalls im Aufsichtsrat sitzt. Die 57-jährige Louise Kiesling ist die Tochter seiner 2006 verstorbenen Schwester Louise Daxer-Piech.

Trotzdem sind die Clan-Mitglieder der nachfolgenden Generation insgesamt kaum verteten. Kandidaten gäbe es nämlich genug. Allein Ferdinand Piëch hat zwölf Kinder. Insgesamt listet der Stammbaum des Porsche-Piëch-Clans 33 Vettern und Basen auf. Ob das Imperium damit in der kommenden Generation noch so schlagkräftig sein wird, muss sich angesichts der komplizierten Verwandschaftsverhältnisse wohl erst noch weisen.

rm/nb/AB

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Das 13-Marken-Imperium von VW Von Audi bis Skoda

Ein up! und ein roter Beetle schweben im Auslieferungsturm der VW-Autostadt in Wolfsburg.

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