Deutsche Börsendynastien

Zwei Fresenius-Logos

Von der Hirsch-Apotheke zur Dialyse Das Erbe des Dr. Fresenius

von Lothar Gries

Stand: 16.09.2015, 09:55 Uhr

Der in Bad Homburg ansässige Medizinkonzern Fresenius ist einer der größten Familienkonzerne Deutschlands. Doch welche Familie steckt eigentlich hinter der börsennotierten Gesellschaft und ihrer Dialysetochter FMC?

So viel gleich vorweg: Ein klassisches Familienunternehmen wie Aldi, Würth oder Schaeffler, in denen die Gründer oder deren Erben die Mehrheit halten, ist Fresenius nicht mehr, befinden sich doch mehr als 60 Prozent der Anteile in Streubesitz. Dennoch deutet die Rechtsform einer Kommanditgesellschaft auf Aktien, KGaA, darauf hin, dass es hier einen Hauptaktionär gibt, der darum bemüht ist, sich vor feindlichen Übernahmen oder unliebsamen Aktionären zu schützen.

Tatsächlich haben sich hierzulande auch andere Familienunternehmen, allen voran Henkel und Merck, für die Rechtsform einer KGaA entschieden. Der Vorteil liegt auf der Hand, denn bei einer KGaA liegt die Macht beim Komplementär beziehungsweise dem persönlich haftenden Gesellschafter. So ist es auch bei Fresenius.

Keimzelle Hirsch-Apotheke

Doch der Reihe nach. Keimzelle des heutigen Fresenius-Konzerns ist die Hirsch-Apotheke in Frankfurt. 1912 gründete ihr Inhaber, der Apotheker Eduard Fresenius, ein Pharmazieunternehmen. Schwerpunkte der Fertigung waren Arzneispezialitäten wie Injektionslösungen, serologische Reagenzien und Nasensalbe. Die Geschäfte laufen so gut, dass Fresenius 1933 beschließt, die Produktionsfirma von der Hirsch-Apotheke zu trennen und in das nahe Bad Homburg zu verlagern. Die Firma beschäftigte bis zum Ausbruch des Krieges etwa 400 Mitarbeiter.

Eduard Fresenius

Eduard Fresenius. | Bildquelle: Unternehmen

Allerdings bleibt die Ehe von Eduard Fresenius kinderlos. Da trifft es sich gut, dass in seinem Haus die Familie Christoph und Therese Fernau mit Tochter Else lebt. Als der Vater stirbt, adoptiert Eduard Fresenius die junge Else - und regelt damit die Firmennachfolge. Schon früh vermacht Fresenius seiner Adoptivtochter und deren leiblicher Mutter sowohl die Apotheke als auch die Pharmaproduktion. Als Fresenius 1946 stirbt, hinterlässt er der damals 21-jährigen Else Fernau allerdings ein stark geschrumpftes und vor allem überschuldetes Unternehmen. Der studierten Apothekerin gelingt es jedoch, auch dank des Wirtschaftsaufschwungs, das auf nur noch 30 Mitarbeiter gesunkene Unternehmen zu stabilisieren und mit Hilfe ihres 1964 geheirateten Mannes, des Juristen Hans Kröner, wieder anzukurbeln.

Mit Glück und Geschick

Mit Glück und Geschick erschaffen die beiden einen stattlichen Konzern. Bereits in den 1950er Jahren hatte sich Hans Kröner dafür eingesetzt, den Infusionslösungsbereich auf das Geschäft mit Krankenhäusern zu konzentrieren, was das Unternehmen deutlich voranbrachte. Ein Jahrzehnt später erkannte Kröner den steigenden Bedarf an künstlichen Nieren und entschied sich für den Einstieg in das bis dahin ausschließlich von US-Konzernen dominierte Dialysegeschäft. Damit legte er den Grundstein für die heutige Tochter Fresenius Medical Care, die mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes erwirtschaftet und zum weltweit führenden Anbieter von Produkten und Dienstleistungen für Menschen mit chronischem Nierenversagen aufgestiegen ist.

1988 stirbt Else Kröner mit Anfang 60, nach einem Herzinfarkt. Das Vermögen vermacht sie ihrer Stiftung. Dazu gehören 95 Prozent der Fresenius-Anteile, außerdem Wertpapiere und Grundstücke. Ihr Mann Hans Kröner verzichtet zwar auf sein Vorerbe, übernimmt aber ab 1995 bis zum seinem Tod 2006 den Vorsitz der Stiftung.

Lösung KGaA

Bedingt durch den Börsengang von Fresenius und spätere Kapitalerhöhungen geht der Anteil der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS) in den Folgejahren kontinierlich zurück, sie bleibt aber die größte Aktionärin. Nach einem erbitterten Streit zwischen den Nachkommen von Else Kröner und dem Unternehmen entscheidet sich Fresenius im Jahr 2011, sich in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) umzuwandeln. Dadurch wurden die Vorzugsaktien und die Stammaktien des Unternehmens zusammengelegt. In der Folge schrumpfte der Anteil der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung am stimmberechtigten Kapital von 58 Prozent auf knapp 29 Prozent.

Else und Hans Kröner

Else und Hans Kröner. | Bildquelle: Else Kröner-Fresenius-Stiftung

Dank der KGaA-Lösung behält die Stiftung - und damit indirekt die Kröner-Erben - trotzdem ihren maßgeblichen Einfluss auf die Geschicke des Unternehmens. Denn der Fresenius-Satzung zufolge kann die Hauptversammlung wichtige Entscheidungen nicht gegen die Stiftung und deren Vertreter treffen. Auch die Tochter Fresenius Medical Care (FMC) steht unter der Kontrolle der Stiftung. Zwar hält Fresenius lediglich knapp über 30 Prozent der FMC-Anteile. Doch auch dort sichert eine KGaA-Konstruktion den beherrschenden Einfluss.

Die Rolle des Dieter Schenk

Hier kommt nun der Rechtsanwalt Dieter Schenk ins Spiel. Er ist einer von drei Testamentsvollstreckern Else Kröners und Vorsitzender des Stiftungsrates der EKFS. In dieser Eigenschaft ist er bis heute einer der mächtigsten Personen im Fresenius-Konzern. Er sitzt im Nominierungsausschuss des Aufsichtsrates, der heute unter dem Namen Fresenius Management firmiert. Die Mitglieder dieses Gremiums bestellen und überwachen die Vorstandsmitglieder des Konzerns - und bestimmen damit über sein Wohl und Wehe.

Die Rolle von Schenk war zeitweise heftig umstritten und Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen, doch dem Unternehmen Fresenius hat dieses Konstrukt letztlich mehr genutzt als geschadet.

lg