Buch-Rezension Das Ende der Banken

von Notker Blechner

Stand: 06.04.2018, 14:35 Uhr

Was Microsoft-Gründer Bill Gates und einige Fintechs prophezeiten, fordern nun auch zwei Finanzprofis in einem Buch: Das Ende der Banken. Nur ohne Geldinstitute könne das Finanzsystem wieder funktionieren, meinen sie. Ihr Buch ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der aus den Fugen geratenen Bankenwelt.

"Die Zeit ist gekommen, um den Banken ein Ende zu bereiten" - mit solchen Sätzen wollen der Wirtschaftsjournalist Jürg Müller und ein anonymer Top-Banker, die unter dem Pseudonym Jonathan McMillan veröffentlichen, nicht nur provozieren. Sie meinen es ernst. Die beiden haben jahrelang die Veränderung der Bankenbranche betrachtet und sind überzeugt, dass die Institute Brandbeschleuniger der letzten Krise waren.

In der Industrialisierung waren Banken unentbehrlich

Detailliert - fast wie in einem Lehrbuch - schildern sie, wie die Bankenwelt entstanden und später aus den Fugen geraten ist. Anfangs funktionierte das System noch: In der Industrialisierung waren die Banken das Rückgrat des Kapitalismus. Das beschreiben die Autoren eindrucksvoll im ersten Teil des Buches, wo es um den Ursprung des traditionellen Bankwesens geht, der Geldschöpfung aus Krediten. "Die Banken erfüllten damals eine unentbehrliche wirtschaftliche Funktion." Sie konnten in großem Umfang Kredite schöpfen und an Unternehmen vergeben.

Zwar gab es auch damals schon Bank-Zusammenbrüche und "Bank-Runs". Mit dem "Zuckerbrot und Peitsche"-Ansatz konnten aber nach der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre weitere Krisen verhindert werden. Als "Zuckerbrot" gab es staatliche Garantien wie Einlagenversicherungen und Zugang zur Liquidität der Zentralbanken. Gleichzeitig wurden als "Peitsche" die Banken streng reguliert.

Der Aufstieg der Schattenbanken

Doch im digitalen Zeitalter geriet das Bankwesen außer Kontrolle. Computer und elektronische Kommunikationsnetzwerke führten dazu, dass sich Kredite aus den Bankenbilanzen herauslösten. Die Banken begannen ihre Aktivitäten so zu organisieren, dass die Regulierung und die Eigenkapitalvorgaben umgangen werden konnten. Es entstand der Schattenbankensektor - der Anfang allen Übels."Von den 1970er Jahren bis 2008 überflügelte das Schattenbankensystem das althergebrachte Bankenmodell", beklagen Müller und McMillan im zweiten Teil des Buches.

Das Schattenbanken-System funktioniert vor allem über die Kreditverbriefungen. Eine in der Bilanz abgetrennte Zweckgesellschaft begibt Darlehen in Form von forderungsbesicherten Wertpapieren (Asset backed securities). Illiquide Darlehen werden im Laufe der Zeit zu ABS und CDS verbrieft, die sodann als Sicherheiten in Repo-Geschäften dienen können.

Der Weg in die Finanzkrise

Wie das Autoren-Duo herausarbeitet, erwies sich jedoch das komplexe Schattenbanken-System bald als ähnlich riskant wie das traditionelle Banking: Wenn nämlich zu viele Besitzer von Geldmarktfondsanteilen und Repo-Gläubigern ihre Anlagen gleichzeitig liquidieren, kann es zur Panik im Schattenbankensystem kommen. Das passierte in der Finanzkrise 2008/09, schreiben die Autoren. In den USA wurde durch das Schattenbanken-System eine Finanzblase aufgepumpt.

Die Autoren des Pseudonyms Jonathan McMillan

Die Autoren des Pseudonyms Jonathan McMillan. | Bildquelle: Boran Basic

Irgendwann gerieten die Hypotheken-Schuldner in Zahlungsverzug. Prompt fielen die Preise der hypothekenbesicherte Wertpapiere, eine zunehmende Zahl von Zwangsversteigerungen und eine wachsende Leerstandsquote waren die Folge. Die Abwärtsspirale griff auf die ABS über - und brachte schließlich auch traditionelle Banken ins Schleudern. Die Panik unter den Geldmarkt-Akteuren bezeichnen die Autoren als "stillen Bank-Run". Nur mit Hilfe staatlicher Hilfsmaßnahmen und der massiven Intervention der US-Notenbank konnte der Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert werden.

Die verschärften Regeln für den Bankensektor (Basel III) und die Eingriffe der Fed schafften es aber nicht, die Kreditvergabe im Schattenbankensektor zu begrenzen. Die höheren Eigenkapitalvorgaben entpuppten sich als wirkungslos.

Banken sollen kein Geld durch Kreditvergabe mehr schöpfen

Was also tun? Die Autoren schlagen ein Finanzsystem ohne Innengeld vor. Das heißt: Sie wollen den Banken verbieten, bei der Kreditvergabe selbst Buchgeld zu schaffen, also eine Geldschöpfung durch Kreditvergabe verhindern. Möglich machen soll das eine systemische Solvenzregel. Demnach "soll der Wert der realen Vermögenswerte eines Unternehmens mindestens den Wert der Verbindlichkeiten in einer Worst-Case-Finanzlage entsprechen", fordern die Autoren.

Geld soll künftig dann nur noch der Staat schaffen dürfen. Die Währungsbehörde bringt neues Geld in Umlauf, in dem sie es einfach an die Bürger auszahlt. Jeder erhält ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das enge Band zwischen Geld und Kredit wird durchtrennt.

Denkanstoß für eine Reform unseres Finanzsystems

Mit dieser radikalen Position, die an die "Vollgeld-Bewegung" anknüpft, gehen die beiden Finanzexperten einen Schritt weiter als bisherige Modelle wie das Narrow Banking, bei dem eine vollständige Fristenkongruenz zwischen Einlagen und Ausleihungen vorgeschrieben ist. Auch das Modell der Limited Purpose Banking, nach dem Banken nur in Kredite investieren dürfen, die vom Regulator überprüft werden, halten die Autoren für nicht ausreichend, um künftige Krisen zu vermeiden.

Das Buch der beiden Bankexperten ist eine schonungslose Analyse der Kreditschöpfung und unseres Geldsystems. Es ist ein lehrreicher Denkanstoß für eine Reform des heutigen Finanzsystems, das sich in ein komplexes Monster verwandelt hat. Zwar werden die Autoren mit ihrem Werk die breite Masse der Bevölkerung wohl nicht erreichen. Denn das Buch erfordert volkswirtschaftliche Kenntnisse. Für Aktienprofis und Banker ist die Lektüre des Titels aber absolut zu empfehlen! In der Gilde der Ökonomen hätten Müller und der anonyme Banker auf jeden Fall eine breite Debatte für ihre Vorschläge verdient.

Lob gibt es bereits von der Europäischen Zentralbank. EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio hat das Werk als "interessante und herausfordernde Vision" gewürdigt. Ob sich die Autoren mit ihrer radikalen Forderung nach einem Ende der Banken durchsetzen, bleibt indes fraglich. Dazu müsste wahrscheinlich erst ein neuer schlimmer Crash an den Finanzmärkten passieren…