Menschen mit Mundschutz in einer U-Bahn

Krankheit breitet sich weiter aus Coronavirus – "Schwarzer Schwan" für die Weltwirtschaft?

von Lothar Gries

Stand: 04.02.2020, 10:49 Uhr

Das Coronavirus hat sich zu einer ernsten Bedrohung für die Weltwirtschaft entwickelt. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich das Wachstum im ersten Quartal verlangsamen wird. Wie kritisch ist die Lage und welche Gefahren drohen wirklich?

Sicher ist, dass ein massiver Einbruch der chinesischen Wirtschaft die gesamte Weltwirtschaft treffen würde, beträgt doch der Anteil Chinas an der globalen Wirtschaftsleistung knapp 19 Prozent und damit mehr als doppelt soviel wie zur Zeit der SARS-Epidemie 2002/2003.

Wie ernst die Lage ist, zeigt der weltweite Rückgang der Finanzmärkte in der letzten Januarwoche. Binnen weniger Tage haben sich viele Milliarden Euro in Luft aufgelöst. In China selbst sind die Börsen in Shanghai und Shenzen am ersten Handelstag nach dem Ende des verlängerten Neujahrsfestes um acht Prozent gesunken.

Xi Jinping räumt Einfluss ein

In der Folge sah sich die Notenbank gezwungen, umgerechnet 175 Milliarden Dollar in die Märkte zu pumpen, um die Folgen der Virus-Ausbreitung auf die Wirtschaft abzufedern. "Dabei weiß derzeit niemand wirklich, wie viel schlimmer das werden wird", sagt Mayank Mishra, Ökonom bei der Standard Chartered Bank in Singapur.

Marktbericht neutral - Xi Jinping

Marktbericht neutral. | Bildquelle: Imago, Montage: boerse.ARD.de

Noch ist die Ausbreitung des Virus nicht gestoppt. Im Gegenteil. Die Zahl der Infizierten steigt weiter sprunghaft an, offiziellen Angaben zufolge sind bisher über 400 Menschen an der Krankheit gestorben - mehr als seinerzeit an SARS. Chinas Staatspräsident Xi Jinping räumte inzwischen ein, dass die Eindämmung der Krankheit, "direkten Einfluss“ auf die wirtschaftliche und soziale Stabilität des Landes haben werde – "und auch auf Chinas Öffnung“.

"Könnte das Coronavirus ein Schwarzer Schwan werden? Ja, vielleicht für die Firmen, die besonders viel Geschäft in China machen", sagte Gilles Guibout von der Axa-Vermögensverwaltung. Doch genau kann das zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen. Als Schwarzen Schwan bezeichnen Börsianer unvorhergesehene Ereignisse, die weitreichende Folgen haben können.

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Ökonomen erwarten weniger Wachstum

Ökonomen der Citigroup rechnen nicht damit, dass die von den chinesischen Behörden unternommenen Schritte ausreichen werden, um einen deutlichen Abschwung im ersten Quartal einzudämmen. Sie erwarteten weitere Maßnahmen. "Da die meisten Beschäftigten nicht vor dem 9. Februar die Arbeit wieder aufnehmen, werden die Produktionseinbußen wahrscheinlich größer sein als erwartet", betonen sie.

Das Bankhaus revidierte die Gesamtjahresprognose für Chinas BIP-Wachstum auf 5,5 Prozent von zuvor 5,8 Prozent. Für das erste Quartal rechnen die Volkswirte nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 4,8 Prozent, verglichen mit sechs Prozent im vierten Quartal 2019. Sollte es so kommen, wären die Folgen der Krankheit überschaubar.

Folgen wie die von Naturkatastrophen

"In der Vergangenheit ähnelten die ökonomischen Folgen derartiger Krisen zumeist denen von Naturkatastrophen", erklären die Volkswirte der Commerzbank in einer jüngsten Studie. Weil die Beschäftigten nicht zu ihren Arbeitsstellen kommen, sinkt die Wirtschaftsleistung. Verbraucher verschieben ihren Konsum, die Umsätze im Einzelhandel und im Hotelgewerbe gehen zurück.

So wie derzeit in der schwer von dem Coronavirus betroffenen Provinz Hubei in Zentralchina, wo über 50 Millionen Menschen unter Hausarrest stehen, die Fabriken, weite Teile des Einzelhandels und des Hotelgewerbes bis zum 10. Februar geschlossen bleiben. In Macau bleiben wegen dem Coronavirus zwei Wochen lang die Casinos geschlossen.

Wirtschaft nur kurz ausgebremst

Die daraus folgenden Einbrüche würden nach Beruhigung der Lage normalerweise rasch wieder wett gemacht, zusätzliche Investitionen – vor allem für den Wiederaufbau – beschleunigten die Erholung zusätzlich, versichern die Volkswirte der Commerzbank. "Auf den Wachstumstrend entwickelter Wirtschaften haben solche Naturkatastrophen daher gewöhnlich keine Auswirkung".

Auch der Ausbruch von SARS in der chinesischen Provinz Guangdong zwischen November 2002 und Mitte 2003 hatte die Wirtschaft nur kurz ausgebremst, bevor es zu einer deutlichen Erholung kam. Trotzdem schätzten Studien den damals durch das Virus verursachten weltweiten Schaden auf 40 Milliarden Dollar.

Wuhans Anteil am BIP Chinas ist gering

Und heute? Die vom Virus besonders betroffene Stadt Wuhan hat 11 Millionen Einwohner und ist ein wichtiger Verkehrsknoten, sowie ein Produktionsstandort ausländischer Autohersteller. Ihr Anteil am BIP Chinas wird auf zwei Prozent geschätzt. Damit ist Wuhans Wirtschaftskraft mit der Portugals, Vietnams oder Tschechiens vergleichbar - zu wenig, um weltweite Schockwellen auszusenden.

Doch noch ist das Virus nicht eingedämmt., der Fortgang der Krise ungewiss. Die chinesischen Behörden erwarten den Höhepunkt des Ausbruchs erst in einer Woche - im günstigsten Fall. Je länger der Ausnahmezustand, besonders das Ausgeh- und Reiseverbot, andauern, desto größer werden die wirtschaftlichen Auswirkungen sein. Allerdings zeigt die massive Geldspritze der chinesischen Notenbank zu Beginn der Woche, dass die Pekinger Führung fest entschlossen ist, die Folgen der Krankheit so gering wie möglich zu halten.

Medizin hat Fortschritte gemacht

Auch hat die Medizin deutliche Fortschritte gemacht, weltweit wird fieberhaft an einem Impfstoff gearbeitet, teilweise werden bereits erste Erfolge gegen die Krankheit gemeldet. Zu Panik besteht also kein Anlass. Vielmehr gehen die meisten Ökonomen derzeit nicht davon aus, dass das Virus die weltweite Konjunktur zum Entgleisen bringen wird. Das zeigt auch die Erholung an den Finanzmärkten seit Beginn der Woche. Eine Wachstumsdelle dürfte es aber geben.

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Wem das Virus zusetzt – und wem nicht Die Reaktionen an den Finanzmärkten

Goldbarren

Gold: Wie gewöhnlich, wenn die Welt in den Krisenmodus schaltet, gehört das Edelmetall Gold als "sicherer Hafen" zu den gefragten Anlageklassen. Gold gewinnt ein Prozent und ist mit mehr als 1.580 Dollar je Feinunze so teuer wie zuletzt während der USA/Iran-Krise vor drei Wochen.