Hochfrequenzhandel

Umstrittene Rolle China-Crash: Alles Algotrader oder was?

Stand: 01.09.2015, 14:00 Uhr

Hochfrequenzhändler spielen an den Börsen eine wachsende Rolle, setzen sie doch auf kurzfristige Bewegungen und heizen diese massiv an. Welche Rolle sie beim jüngsten Crash am 24. August gespielt haben, ist umstritten.

Seit vier Jahren gab es an den Börsen keine so heftigen Ausschläge mehr. Der Dow-Jones-Index bricht am 24.8. um bis zu 1.000 Punkte ein. In Frankfurt springt der Volatilitätsindex (VDax), mit dem die Schwankungen an der Börse gemessen werden, auf über 40 Punkte. An der Wall Street steigt der entsprechende Index VIX sogar über 50 Punkte. So hoch standen sie zuletzt 2011, nachdem die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten überraschend herabgestuft worden war.

Bei einigen Werten kommt es zu unglaublichen Schwankungen von mehr als 20 Prozent und das binnen kürzester Zeit. Händler sprechen von einer Reihe von Mini-Flash-Crahs. So stürzte die Aktie des wertvollsten Unternehmens der Welt, Apple, gleich zu Handelsbeginn um 13 Prozent ab, um im späteren Handelsverlauf zeitweise sogar ins Plus zu drehen. Auch die Papiere anderer Schwergewichte wie Ford und General Motors gehen auf eine atemberaubende Achterbahnfahrt. "Wir sind mitten in einer Panikattacke und China ist das Epizentrum", urteilen die Analysten von JPMorgan Cazenove.

Eigenständige Verkaufssignale

Viele machen Computer und Algorithmen, Indexfonds und Hochfrequenzhändler für die Kursschwankungen verantwortlich, denn für den jähen Absturz am 24. August gab es keinen unmittelbaren Auslöser. Es sind keine Flugzeuge in Türme geflogen, es gab kein Erdbeben oder sonstige Katastrophen. Die Probleme Chinas waren bereits in den Vortagen bekannt geworden.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
11.325,44
Differenz relativ
-1,77%
Dow Jones (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
Kurs
25.526,08
Differenz relativ
-1,76%
Nasdaq Composite: Kursverlauf am Börsenplatz NASDAQ Indizes für den Zeitraum Intraday
Kurs
7.244,90
Differenz relativ
-2,19%

Tatsächlich haben Hochfrequenzhändler zu den Kursschwankungen beigetragen. Diese Trader arbeiten mit Computerprogrammen, die im Extremfall eigenständig Kauf- und Verkaufssignale errechnen und daraus folgende Orders ebenso selbständig ausführen. Solche automatischen Ausführungen verstärken natürlich die Abwärtsbewegung, wenn alle Algotrades gleich programmiert sind. Durch das dadurch entstehende Herdenverhalten werden Tendenzen verstärkt und somit eine Krise noch verschärft.

Umstrittene Rolle

Die anschließende massive Erholung im Tagesverlauf wurde nach Meinung vieler Beobachter ebenso von Hochfrequenzhändlern eingeleitet: Sie haben die gefallenen Kurse zum Wiedereinstieg genutzt - und damit die Kurse wieder befeuert. Wie groß der Einfluss dieser Trader tatsächlich war, ist allerdings umstritten.

Börsenhändler sitzt vor zahlreichen Computermonitoren

Händler oder Computer?. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Einige Investoren verhehlten ihre Freude nicht. "Unsere Firma ist für solche Märkte gemacht“, sagte etwa Douglas Cifu, Chef von Virtu Financial. Der Montag sei einer der ertragreichsten Tage für sein Unternehmen, sagte er. In Paniksituationen wird mehr gehandelt, steigen die Umsätze, so dass diese Unternehmen mehr Geschäft machen. Auch Brian Donnelly, der Boss von Volant Trading, jubelte öffentlich. "Das sind die Tage, wofür wir hier alle arbeiten. Es ist wohl unser bester Tag seit dem Flash Crash 2010." Die Aktie von Virtu hat in den vergangenen Handelstagen zugelegt.

Zahlreiche Stop-Loss-Orders

Dagegen ist Bernhard Langer von der Investmentgesellschaft Invesco der Meinung, dass Hochfrequenzhändler diesmal eher eine Randerscheinung waren Mehr noch: Für sie sei der Montag wegen der vielen Handelsunterbrechungen gar nicht gut gelaufen. Auch die Angesprochenen selbst wehren sich vehement. "Wir haben die fallenden Messer aufgefangen", sagte Ari Rubenstein, Mitgründer des Hochfrequenzhändlers Global Trading Systems, dem "Wall Street Journal". Sie hätten gegen Mittag US-amerikanischer Zeit für die Gegenbewegung der Kurse gesorgt.

Ein Mann steht vor einer Kurstafel mit fallenden Kursen  an der Börse in Haikou City,China

Börse China Haikou City. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Broker wie Comdirect machen auch die in den Depots vieler Anleger eingebauten Stop-Loss-Orders für die Schwankungen verantwortlich. Dabei wird eine Aktie sofort verkauft, wenn sie einen zuvor festgelegten Wert unterschreitet. Die Zahl solcher Notverkäufe, um weitere Verluste zu vermeiden, lag bei Comdirect am Montag, dem 24. August, achtmal so hoch wie an normalen Tagen.

Weniger potenzielle Käufer

Zu der hohen Volatilität beigetragen hat offenbar auch die gesunkene Zahl der potenziellen Käufer. Die Zahl der Banken und Handelsfirmen, die an das Handelssystem Xetra angeschlossen sind, ist in den vergangenen Jahren von 280 auf weniger als 200 gesunken. Zudem haben viele Banken wegen den hohen Eigenkapitalanforderungen den Eigenhandel aufgegeben, kommen also kurzfristig als Käufer nicht mehr in Frage.

Und nun? Vom Ruf nach stärkerer Regulierung oder Handelsunterbrechungen halten die meisten Experten wenig, zeige doch gerade das Beispiel China, dass sich Kursschwankungen an den Börsen selbst durch massive staatliche Interventionen und mit Hilfe von Hunderten von Milliarden Dollar nicht verhindern lassen.

lg