Charles Munger

Warren Buffetts Alter Ego Charles Munger: 95 Jahre und ein bisschen weise

von Julian Herbst und Thomas Spinnler

Stand: 02.01.2019, 15:22 Uhr

Charles Thomas "Charlie" Munger ist Aktionär und Vice Chairman von Berkshire Hathaway, Warren Buffetts legendärer Investmentgesellschaft. Beide vereint nicht nur eine lange Freundschaft, sondern auch eine ähnliche Anlagestrategie. Am 1. Januar wurde der Milliardär Munger 95 Jahre alt.

Auf 183 Jahre gemeinsame Lebenserfahrung bringen es die Freunde, schließlich ist Warren Buffett auch schon 88. Und einen Großteil ihrer Zeit verbringen die beiden bis heute mit - investieren. Dabei hatte Charles Munger zunächst einen anderen Weg eingeschlagen. Er erwarb 1948 den Doktorgrad in den Rechtswissenschaften in Harvard mit magna cum laude. Wer das schafft, dem stehen die meisten Türen offen. Zunächst arbeitete Munger tatsächlich als Anwalt, später gründete und leitete er Immobilien- und Investmentfirmen. Buffett soll bei Mungers Entscheidung, den Anwaltsberuf aufzugeben und Finanzinvestor zu werden, eine Rolle gespielt haben.

Denn "Die Orakel von Omaha", Warren Buffett und Charlie Munger, kommen aus derselben Stadt in Nebraska und lernten sich 1959 auf einer Dinner Party kennen. Eine gewisse Verbindung zwischen beiden Familien existierte aber schon viel länger: Als Junge arbeitete Munger im Gemüseladen von Warren Buffetts Großvater in Omaha. Der Lohn: zwei Dollar für zehn Stunden Arbeit.

Munger und Buffett investierten anschließend nicht selten unabhängig voneinander in dieselben Unternehmen. So kam es auch, dass Buffett Munger 1978 aus der Beteiligung an einer Einzelhandelskette rauskaufte. Im Gegenzug gab es zwei Prozent von Berkshire Hathaway und den Posten als Vice Chairman. 1984 übernahm Munger noch die Leitung der Berkshire-Tochter Wesco Financial Corporation.

Charles Munger, Vice Chairman (l.) und CEO Warren Buffett von Berkshire Hathaway

Charles Munger, Vice Chairman (l.) und CEO Warren Buffett von Berkshire Hathaway.

"I have nothing further to add"

Seit Jahrzehnten präsentieren die beiden nun zusammen auf den traditionell unterhaltsamen Berkshire-Hauptversammlungen überwiegend erfreuliche Zahlen. Wobei das konkret bedeutet, dass meist Buffett präsentiert und Munger nur anmerkt, er habe nichts hinzuzufügen.

Die Aktienbesitzer sind dann nicht nur wegen der guten Zahlen bei bester Laune, sondern auch wegen des Humors der beiden Junggebliebenen. Buffett, selbst Jahrgang 1930, erklärte schon vor mehr als zehn Jahren, dass sie die Hauptversammlungen deshalb gemeinsam machten, weil der eine noch halbwegs gut sehe und der andere noch etwas höre. Munger, geboren im Jahr 1924, steht bei der alljährlichen Veranstaltung zwar mit im Mittelpunkt, sonst bleibt er aber deutlich im Schatten Buffetts.

Die vier Prinzipien des Value Investing

Charlie Munger wie auch sein Partner Warren Buffett standen und stehen mit beiden Beinen auf der Grundlage des "Value Investing" nach ihrem großen Vorbild Benjamin Graham. Die vier Prinzipien dieses Investmentstils ziehen sich wie ein roter Faden auch durch die Geschichte von Buffett und Munger mit ihrer Beteiligungs-Gesellschaft Berkshire Hathaway: Eine Aktie sollte man als proportionale Beteiligung an einem Unternehmen betrachten. Man sollte sie mit einem deutlichen Abschlag zu ihrem inneren Wert kaufen, um einen Sicherheitspuffer aufzubauen. Man sollte den "manisch-depressiven Markt" zu seinem Diener machen und nicht zu seinem Herren. Und man sollte "rational, objektiv und leidenschaftslos" handeln.

Gleichwohl spielt er eine wichtige Rolle. Buffett betont oft, keine Investition ohne Rücksprache mit Munger zu tätigen. Beim Kauf von Aktien des texanischen Energieversorgers Energy Future Holdings machte Buffett allerdings einen kostspieligen Alleingang. Er erwarb für zwei Milliarden Dollar Anteile am Unternehmen, das im April 2014 Insolvenz anmeldete. "Das nächste Mal rufe ich Charlie an", versprach Buffett.  

Munger seit 2009 auch solo unterwegs

Buffett und Munger arbeiten mit vergleichbaren Investitionsstrategien, beide sind sogenannte Value-Investoren und verfolgen häufig eine Contrarian-Strategie. Das bedeutet, sie spekulieren gegen die aktuelle Richtung des Marktes, in der Erwartung, von einer Gegenbewegung zu profitieren.

So kaufte sich Munger beispielsweise auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2009 bei Daily Journal Corp. ein. Ende März des Jahres besaß er 65 Prozent der Anteile. Offensichtlich war es keine ganz schlechte Idee, bei dem Verlag einzusteigen. Von damals rund 30 Dollar kletterte die Aktie bis auf mehr als 260 Dollar im Jahr 2016. Aktuell kostet eine Aktie knapp 230 Dollar. Fachzeitschriften und Software sind die Kerngeschäftsfelder des 1986 gegründeten Unternehmens. Munger hat es bislang zu einem Vermögen von rund 1,7 Milliarden Dollar gebracht, sein Kumpel Buffett ist mit 82 Milliarden der drittreichste Mann der Welt.

"Größenwahn, Irrsinn und Bosheit"

Nach Jahrzehnten in der Branche ist es nicht überraschend, dass Munger die Finanzwelt kritisch betrachtet. Als Grund für die Finanzkrise machte Munger "Größenwahn, Irrsinn und Bosheit" aus, weshalb er auch für eine effektivere Finanzmarktregulierung wirbt.

Bewunderer schätzen an Munger auch seine beinahe philosophisch anmutenden Überzeugungen und lebensklugen Ratschläge, die er unter anderem in seinem Werk "Poor Charlie's Almanack" niedergeschrieben hat. "Das wirklich große Geld verdient man nicht mit Kaufen und Verkaufen, sondern mit Warten", lautet eine seiner Weisheiten. Der Investor beruft sich beispielsweise auch auf Sokrates: Zu wissen, was man nicht weiß, sei viel nützlicher als brillant zu sein, findet Munger.

In einem Interview mit dem Sender CNN Money aus dem Jahr 2011 spricht er erfrischend offen über die Bankenbranche. Er investiere in die Welt wie sie ist, so Munger. "Aber wenn sie mich fragen, wie die Welt sein sollte, dann würde ich sagen, dass wir besser dran wären, wenn man den globalen Bankensektor um 80 Prozent schrumpfen würde."

Für den griechischen Philosophen Sokrates war die richtige Einsicht die Voraussetzung für das Entscheidende, das richtige Handeln. Berkshire Hathaway hält ziemlich bedeutende Beteiligungen im Bankensektor. Aber mit solchen Inkonsequenzen leben wohl die meisten von uns.