Manager telefoniert mit einem Smartphone

Smartphone war gestern Blackberry: Suchen und Finden eines Geschäftsmodells

von Thomas Spinnler

Stand: 28.03.2018, 14:02 Uhr

Wer wichtig war, tippte auf Tasten: Vor rund zehn Jahren war das Blackberry noch ein Status-Symbol für Manager. Der Erfolg des iPhones stürzte den Konzern in eine tiefe Krise. Jetzt könnte Blackberry ein Musterbeispiel für ein gelungenes Comeback werden – und zwar ganz ohne Smartphones.

Das Blackberry, ein Gerät des Unternehmens Research in Motion (RIM) mit Firmensitz im kanadischen Waterloo, galt seinerzeit beinahe als Synonym für das Smartphone. Aber manchmal treffen Unternehmen falsche Entscheidungen, oder schätzen neue Technologien falsch ein. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, nannte das Michail Gorbatschow einmal. Blackberrys ehemaliger Branchenmitstreiter Nokia kennt das Phänomen ebenfalls.

Mit Blackberry, wie das Unternehmen später hieß, ging es nach dem einsamen Höhepunkt im Jahr 2008 dramatisch abwärts, weil der Konzern die Entwicklung hin zum Touchscreen verschlafen hatte. Steht Blackberry mit einem völlig neuen Geschäftsmodell jetzt vor einem Comeback?  

Paris Hilton mit Blackberry 8130 Smartphone

Kurz vor dem Absturz: Das Blackberry 8130 mit Paris Hilton im Jahr 2008. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Touchscreen? Wer will denn sowas?

Der Einstieg in den Abstieg begann mit der Vorstellung des iPhones durch Apple-Boss Steve Jobs im Jahr 2007. Das Management reagierte damals fast ein wenig hochmütig auf den Rivalen: Der Co-Chef Jim Balsillie verkündete, die beruflichen Smartphone-Nutzer wollten eine Tastatur mit echten Tasten statt mit Touchscreens. Auch Gründer und CEO Mike Lazaridis teilte diese Ansicht. Heute wissen beide es besser. Und alle späteren Versuche, noch umzuschwenken, scheiterten.

Quartalszahlen erneut besser als erwartet

Mit seinen Zahlen zum vierten Geschäftsquartal (bis Ende Februar) konnte Blackberry am Mittwoch erneut die Analystenerwartungen übertreffen – immerhin das vierzehnte Mal in Folge. Damit nimmt der Turnaround des kanadischen Unternehmens Gestalt an. Der Quartalsverlust verringerte sich auf 10 Millionen US-Dollar, nach 47 Millionen Dollar vor Jahresfrist.

Mike Lazaridis, hält das Blackberry-Modell Storm hoch

Mike Lazaridis mit Blackberry Storm. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Aber zunächst war die Welt für den kanadischen Smartphone-Hersteller in Ordnung. Der Marktanteil stieg auf einen Höhepunkt und lag bei rund einem Fünftel der weltweiten Smartphone-Verkäufe. Im Juni 2008 erreichte die Aktie den Höchststand von 147,55 Dollar. Das Management hatte Grund, selbstbewusst zu sein. Der folgende Absturz war atemberaubend. Die Anleger hatten wieder einmal einen guten Riecher: Im Dezember des gleichen Jahres sackte das Papier bis auf 40 Dollar ab.

Das iPhone und das Google-Betriebssystem Android setzten sich durch. Blackberry dagegen gelang es nie mehr, die alten Erfolge zu wiederholen. Eigene Touchscreen-Produkte floppten, der Marktanteil brach ein, das Unternehmen produzierte zum Teil hohe Verluste und vor allem Ladenhüter. Selbst bei Geschäftskunden, die die Sicherheit des Betriebssystems schätzten, war das Blackberry out.

Blackberry-Chart seit 1999

Der Aktienkurs von Blackberry. | Bildquelle: und Grafik: boerse.ARD.de

Neuer Boss, neues Geschäftsmodell

Im Jahr 2013 übernahm der Software-Experte John Chen die Verantwortung und versprach, das Unternehmen wieder auf die Gewinnspur zu führen. Chen strukturierte das Unternehmen um und trennte sich im Jahr 2016 komplett von der Handysparte. Noch gibt es zwar Blackberrys, sie werden aber ausschließlich in Lizenz hergestellt.       

Chen richtet den Konzern auf das Geschäft mit Software und Unternehmens-Dienstleistungen aus. Das Thema IT-Sicherheit spielt seitdem eine tragende Rolle beim neuen Geschäftsmodell. Und es scheint zu funktionieren. Im vergangenen Quartal (bis Ende Februar) fiel der Umsatz im Jahresvergleich zwar um 19 Prozent auf 233 Millionen Dollar. Das hängt auch mit der Aufgabe des Smartphone-Geschäfts zusammen. Das Geschäft mit Software und Dienstleistungen kletterte aber um 16 Prozent auf 212 Millionen Dollar.

Doch noch Waterloo?   

Nicht nur Chen ist der Ansicht, der Turnaround sei geschafft. Viele Fachleute teilen diese Einschätzung - und insbesondere der Aktienmarkt: In den vergangenen zwölf Monaten legte das Papier um mehr als 80 Prozent zu. Die Fantasie der Investoren hängt damit zusammen, dass Blackberry Themen bedient, die derzeit als besonders heiß gelten, unter anderem autonomes Fahren und hackerfeste Software für die Automobilbranche. Mit dem Betriebssystem QNX ist Blackberry bereits ein wichtiger Zulieferer der Autoindustrie.

Blackberry-CEO John Chen

Blackberry-CEO John Chen. | Bildquelle: Unternehmen

Und mit dem als "chinesisches Google" benannten Baidu-Konzern soll Blackberry bei der Entwicklung selbstfahrender Autos zusammenarbeiten. Auch mit Microsoft ist eine Partnerschaft geplant. Blackberry soll Programme liefern, die Microsofts Firmenkunden einen sicheren Zugriff auf Word- oder Excel-Dateien über das Smartphone ermöglichen.

Im Moment scheint die Zukunft für Blackberry wieder gesichert zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass der Name der Stadt, in der Blackberrys Zentrale steht, kein schlechtes Omen ist. Auch Napoleon versuchte nach seiner Abdankung als Kaiser der Franzosen im Jahr 1814 ein Comeback. Im März 1815 kehrte er zurück nach Paris und zunächst lief alles glänzend. Aber seine "Herrschaft der Hundert Tage" wurde in der Schlacht bei Waterloo im Juni 1815 endgültig beendet und sein Schicksal damit besiegelt. Chen wird versuchen, es besser zu machen. Zeit genug hat er: Sein Vertrag läuft jedenfalls bis 2023.