Porträt

Team des Berliner Börsenkreis'

Die Welt des Berliner Börsenkreises Punk, Stammtisch und Führerschein

von Bettina Seidl

Stand: 31.08.2016, 09:15 Uhr

Wer Auto fahren will, macht einen Führerschein. Ganz klar. Und wer sich auf die Börsenstraße begibt? Der braucht ebenso das nötige Rüstzeug. Das bietet der Berliner Börsenkreis. Neben Börsen-Führerschein gibt's noch Stammtisch-Flair on top.

Es ist kein Geheimnis: Der Deutsche ist nicht gerade ein Aktien-Liebhaber. Gerade einmal sieben Prozent der Bevölkerung sind in Aktien investiert. "Ich frage mich, warum der Deutsche Daimler fährt, aber nicht eine Aktie kaufen will", wundert sich Finn Kordon, der im Vorstand des Berliner Börsenkreises sitzt. Der Verein ist eine Studenteninitiative, die für alle Unis und Hochschulen in Berlin zuständig ist.

Finn Kordon, Berliner Börsenkreis

Finn Kordon, Berliner Börsenkreis. | Bildquelle: Berliner Börsenkreis

Der Börsenkreis hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Aktienkultur in Deutschland zu fördern. "Wir wollen den Leuten die Angst nehmen vor der Börse", sagt Kordon. Er will aufräumen mit Missverständnissen. Erklären, dass die Aktie als langfristiges Investment für die Altersvorsorge sinnvoll ist und bei 30 bis 40 Jahre Anlagehorizont nicht ausgeklammert werden darf. Ziel des Berliner Börsenkreises ist der aufgeklärte Anleger.

Der Berliner Börsenkreis
Seit 30 Jahren gibt es ihn schon: Der Berliner Börsenkreis e. V. wurde 1986 an der Freien Universität Berlin von Studies und wissenschafltichen Mitarbeitern gegründet. Mit rund 450 Mitgliedern ist es die größte Studenteninitiative in Berlin und einer der größten Börsenvereine in Deutschland. Seit 1993 gehört der Kreis dem Bundesverband der Börsenvereine an deutschen Hochschulen (BVH) e.V. an.

Der Investment-Punk spricht

Jedes Semester bietet der Börsenkreise dafür eine Vielzahl von Vorträgen, manchmal sogar zwei bis drei pro Woche. Da geht es um Grundlagenwissen zu Vermögensaufbau, Trading und Geldpolitik oder auch um aktuelle Themen wie FinTech, Brexit oder Finanzkrise und Spezielleres wie Insiderhandel, Islamic Finance oder etwa Investitionsmöglichkeiten in Afrika.

Der Unterhaltungsfaktor kommt dabei nicht zu kurz. Der Börsenmoderator Holger Scholze hat zum Beispiel über Gier und Angst an der Börse referiert. "Wir hatten auch Gerald Hörhan als Referent, den Investment-Punk", berichtet Kordon. "Da war der Hörsaal komplett voll." Um die 150 Leute verfolgten den Vortrag des österreichischen Investmenbankers und Buch-Autors, der in seiner Freizeit lieber Punk-Klamotten als Anzug trägt und der gern mit Aussagen wie "Warum ihr schuftet und wir reich werden" provoziert. Im Schnitt ist es aber eher 50 bis 60 Leute, die zu den Vorträgen kommen.

Der direkte Draht zum Unternehmen

Der Börsenkreis sucht auch den direkten Draht in Unternehmen - also zu vielleicht künftigen Arbeitgebern der Studenten. Es werden beispielsweise Recruiting-Workshops organisiert. Mit der Comdirect Garage gab es jüngst den Fintech Day, auf dem Gründer mit der besten Geschäftsidee 1.000 Euro Startkapital für ihr Start-Up gewinnen konnten.

FinTechs sind ein Schwerpunkt-Thema für die Berliner. "Das ist etwas, was die anderen Vereine nicht in dem Ausmaß machen können. Hier in Berlin gibt es eine viel höhere Dichte an FinTech-Firmen." Im November steht der nächste FinTech Day an. Eingeladen werden neben den Newcomern auch Vertreter der etablierten Banken, denen die FinTechs Konkurrenz machen.

Der Börsen-Führerschein - fit in sechs Tagen

Für absolute Börsenneulinge bietet der Verein jedes Jahr im Oktober an, einen Börsen-Führerschein zu machen. In einer Reihe von sechs Fachvorträgen werden die Teilnehmer fit gemacht für die Börse, sie lernen die Grundlagen aus der Welt der Aktien, Fonds und Anleihen: Was ist die Börse? Wie läuft ein Trade ab? Was sollte ich bei der Auswahl des Brokers beachten?

Börsenführerschein

Börsenführerschein. | Bildquelle: Berliner Börsenkreis

Am Ende gibt es einen Test, bei dem das neu erworbene Wissen abgefragt wird, und als Bonus dann ein Zertifikat: den Börsen-Führerschein. "Das ist keine Lizenz zum Geldverdienen", so Kordon, "das muss ich den Leuten immer wieder erklären". Eigentlich ist das auch nicht anders als beim Auto-Führerschein: Der Anleger muss die Augen immer aufhalten in der Börsenwelt. Um das Risiko zu minimieren, muss man sich stets intensiv mit den aktuellen Themen beschäftigen.

"Direkt am Bloomberg-Terminal - wie ein Investmentbanker"

Bisweilen wird es auch mal halbernst im Börsenkreis: In einer Arbeitsgruppe, der Trading AG, sind zwei Gruppen in einer Art Börsenspiel gegeneinander angetreten. Zwei Musterdepots, ein Sieger. Nächstes Jahr gibt es ein ähnliches Projekt.

Einmal im Jahr organisieren die Berliner eine Fahrt in die deutsche Finanzhauptstadt. Dort, wo mit echtem Geld getradet wird. Nach Frankfurt. Im vorigen Frühjahr durften die Studenten die Parkettluft der Frankfurter Börse schnuppern. Weitere Stationen waren Union Investment und die Commerzbank. "Ein Highlight war für mich aber der Besuch bei Bloomberg, da durften wir sogar das Bloomberg-Terminal bedienen", sagt Finn Kordon und lacht: "Wie die echten Investmentbanker."

Berliner Börsenkreis

Der Berliner Börsenkreis in Frankfurt. | Bildquelle: Berliner Börsenkreis

Im Novenber geht es in eine andere Finanzmetropole: nach London. Der Börsenkreis informiert über seine Webseite sowie seine Facebook-Seite über aktuelle Veranstaltungen, weist dort auch auf andere interessante Vorträge hin und postet bildende Videos, in denen zum Beispiel die Duration einer Anleihe, Cost-Average-Effekt oder die Subprime-Krise erklärt werden.

Börsenkreisler - längst nicht nur Studis

Auch wenn der Börsenkreis fest in der Berliner Hochschullandschaft verwurzelt ist, BWLer, VWLer wie Wirtschaftsmathematiker anzieht: Es kommen längst nicht nur Studenten in den Verein, sondern auch Berufstätige und Azubis. Es gibt Mitglieder aller Altersklassen und Berufe. "Eine bunte Mischung aus Börsenneulingen und alten Hasen, wo mancher sogar sein Geld mit Daytrading verdient", sagt Finn Kordon. "Mir macht es Spaß, mit so vielen verschiedenen Leuten zusammenzukommen."

Was es bringt, was es kostet
Für Studenten kostet die Mitgliedschaft im Börsenkreis 15 Euro im Semester, für Berufstätige 30 Euro. Dafür sind alle Veranstaltungen kostenlos. Lediglich bei Reisen wie etwa nach Frankfurt müssen die Mitreisenden einen kleinen Anteil tragen - und diese Reisen sind den Studenten vorbehalten. Die Mitglieder können kostenlos verschiedene Fachzeitschriften abonnieren, dazu gehören etwa Capital, Euro, Euro am Sonntag und Focus.

Und noch was für den Spaßfaktor...

Auch der Spaß kommt nicht zu kurz. Einmal im Monat trifft sich der Börsenkreis zum Stammtisch - in einer echten Kiezkneipe, im "Anna Koschke" in Berlin-Mitte. "Da kommt Stammtisch-Atmosphäre auf", freut sich Kordon. Schon bei dem einleitenden kleinen Vortrag geht es eher ungezwungen los. "Es kann gut sein, dass der Referent mit einem Bierglas da steht."

Berliner Börsenkreis - Stammtisch

Berliner Börsenkreis - Stammtisch. | Bildquelle: Berliner Börsenkreis

Danach diskutieren die Teilnehmer weiter bei einem Kaltgetränk, meist geht das rund eine Stunde. "Bei spannenden Themen haben wir aber auch schon mal bis halb eins nachts diskutiert", so Kordon. Dabei sind reichlich aktuelle Themen auf der Agenda, die Stoff für Kontroversen bieten. Neulich war es der Brexit. Beim nächsten Treffen am 6. September bekommt die Deutsche Bank ihr Fett weg, die schon länger in den Schlagzeilen steht. "Ich finde, das bekommen wir richtig gut hin, die Mischung aus Stammtisch und Austausch auf gutem Niveau."