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US-Konzernchefs fordern Umdenken Abschied vom Shareholder-Prinzip?

Stand: 20.08.2019, 12:04 Uhr

Ausgerechnet die Vorstandschefs der größten börsennotierten Unternehmen der Welt sind des Grundgedankens überdrüssig, der seit Jahrzehnten ihr Handeln bestimmt hat: Das "Mantra" vom "Shareholder Value" hat ausgedient, meinen sie - nun soll der "Stakeholder" im Zentrum stehen.

Die Erklärung eines exklusiven Clubs der US-Konzernchefs vom Montag macht die Runde: Der "Business Roundtable", ein loser Zusammenschluss von rund 200 US-Unternehmenschefs, möchte einen "Paradigmenwechsel" einleiten. Zu den Unterzeichnern gehören Apple-Chef Tim Cook, Amazon-Gründer Jeff Bezos oder auch der Chef des einflussreichen Vermögensverwalters Blackrock Larry Fink. Den Vorsitz des illustren Unternehmer-Kreises hat Jamie Dimon, Chef der US-Großbank JPMorgan.

In der Erklärung fordern sie nicht weniger als eine grundlegende Neuorientierung: Der Zweck eines Unternehmens soll es danach nicht mehr sein, vorrangig den Interessen der Shareholder, also der Anteilseigner zu dienen, sondern den "Stakeholder" ins Zentrum des unternehmerischen Handelns zu rücken.

Auch Mitarbeiter, Staat und Umwelt

Der Stakeholder-Gedanke stellt damit die seit Jahrzehnten herrschende Managementlehre (fast) auf den Kopf. Denn Stakeholder sind nicht nur die Eigentümer eines Unternehmens, also in der Regel die Aktionäre, sondern auch Mitarbeiter und Führungskräfte. Der Stakeholder-Gedanke schließt aber auch Interessengruppen außerhalb des Unternehmens ein, etwa Kunden und Lieferanten. Und nicht zuletzt sind auch Staat und Gesellschaft als Stakeholder zu betrachten, denn das Unternehmen agiert nicht losgelöst von staatlichen Rahmenbedingungen, zahlt Steuern und spielt in Gesellschaft und Umwelt eine Rolle.

Für den Verband ist die neue "Erklärung über den Zweck eines Unternehmens" eine kleine Revolution. In der letzten vergleichbaren Erklärung aus dem Jahr 1997 wurde der Gewinn für die Aktionäre noch deutlicher als erstes Ziel genannt.

In der aktuellen Erklärung heißt es nun: "Während jedes einzelne unserer Unternehmen seinem eigenen Firmenzweck dient, vereint uns eine gemeinsame Verpflichtung gegenüber allen Stakeholdern." Dabei muss auch in die Mitarbeiter, den Schutz der Umwelt und den Umgang mit Lieferanten und Kunden investiert werden.

Von der Realität gedrängt?

Dass die US-Konzernlenker im Jahr 2019 zunehmend die eigenen Lehren der vergangenen Jahrzehnte infrage stellen, kommt nicht von ungefähr. Die drastische Ungleichheit in Sachen Vermögen und Einkommen hat sich gerade in den USA in den vergangenen Jahren eklatant verschärft. Rund 50 Millionen US-Bürger leben inzwischen unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, immer mehr Menschen benötigen zwei oder mehr Jobs, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Dazu kommen politische Strömungen im Lager wie sie vom parteilosen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders angeführt werden. Sanders, wie ein Teil des demokratischen Lagers in den USA sehen sich auch als Anwälte gegen die Ungleichheit bei Löhnen in den US-Unternehmen.

Die Erklärung der Firmenchefs steht, wie der Weg zu einem neuen Denkansatz in den Konzernen aber umgesetzt wird, ließen Cook, Bezos und Fink allerdings offen. Auch die hohen Management-Gehälter gerade in Vorstandsetagen von US-Konzernen waren kein Thema des Roundtables. Ob den Worten der Manager auch Taten folgen werden, bleibt abzuwarten.

AB