Jubiläum

Das erste Werksgebäude von Boeing

Vom Model 80 zum Dreamliner Boeing: 100 Jahre Traum vom Fliegen

Stand: 15.07.2016, 10:11 Uhr

Als sich der Westfale Wilhelm Böing einst aufmachte, um in Amerika ein besseres Leben zu suchen, dürfte er kaum geahnt haben, welche Erfolgsgeschichte seine Familie einmal schreiben würde. Sie begann vor 100 Jahren an der fernen Pazifikküste.

Wir schreiben das Jahr 1916, als William Boeing in Seattle im Bundesstaat Washington die Pacific Aero Products Company gründet. Ein Jahr später wird sie in Boeing Airplane Company umbenannt - und schon nach wenigen Jahrzehnten in die Geschichte der Luftfahrt eingehen. Dabei war Williams Vater, Wilhelm Böing, erst 1868 als 22-Jähriger aus dem bitterarmen Hohenlimburg, heute ein Stadtteil von Hagen, nach Amerika ausgewandert, um dort ein besseres Leben zu führen. Mit Erfolg. In Detroit gelingt ihm der Aufstieg vom Tagelöhner zum Millionär. Tatsächlich bringt es Böing mit dem Handel von Bauholz zu beträchtlichem Reichtum.

Doch das Familienglück währt nur kurz. Bereits ein Jahr nach der Geburt seines berühmten Sohnes Wilhelm Eduard Böing am 1. Oktober 1881 stirbt der Vater an einer Grippe. Weil es an Geld nicht mangelt - das Vermögen des Vaters wird auf 1,5 Millionen Dollar geschätzt - wird der Sohn zur Ausbildung in die Schweiz geschickt. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten 1910 ändert er seinen Namen in William Edward Boeing und widmet sich der Fliegerei.

Von der Fliegerei fasziniert

Boeing ist von der technischen Neuerung so fasziniert, dass er 1915 den Pilotenschein macht und sich mit Freunden wie dem Ingenieur George Conrad Westervelt dazu entschließt, eigene Flugzeuge zu bauen. Boeing hat das Geld dazu und Westervelt versucht sich als Konstrukteur. Doch der große Wurf will zunächst nicht gelingen. Das erste Flugzeug von Boeing, nach den Initialen der beiden Erbauer B&W genannt, ähnelt zu sehr den schon fliegenden Vorbildern und findet deshalb gerade einmal zwei Abnehmer. Aber der Anfang ist gemacht.

Nach schwierigen Jahren, in denen die Firma mehrmals nahe dem Bankrott steht, geht es Ende der 20er Jahre endlich aufwärts. Entscheidend trägt dazu die Entwicklung des Model 80 bei, eines als Doppeldecker ausgelegten dreimotorigen Verkehrsflugzeugs. Es hat einen Stahlrohrrumpf und kann bis zu 18 Passagiere transportieren. Zur Ausstattung gehören Ledersitze, Leselampen, Frischluftzufuhr und fließendes Kalt- und Warmwasser. Die 80A ist außerdem das erste Flugzeug, in dem weibliche Flugbegleiter eingesetzt wurden. Und noch ein Novum: Die Piloten sitzen erstmals in einem geschlossenen Cockpit.

Boeing 707-430 der Lufthansa

Boeing 707-430 der Lufthansa. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Zur Aufspaltung gezwungen

Möglich wurde der Aufschwung aber durch einen Erfolg auf einem anderen Gebiet: Boeing bekommt in den 20er Jahren den Zuschlag für die Postbeförderung zwischen San Francisco und Chicago. Dafür gründet er eigens die Boeing Air Transport (BAT), die später in der United Airlines aufgeht. Die Postflüge auf dieser Hauptlinie erweisen sich als so lukrativ, dass BAT schnell expandieren und andere Postfluggesellschaften aufkaufen kann.

Doch die privaten Postflieger werden den Behörden zu übermächtig, zumal sich herausstellt, dass sie Briefsendungen falsch abrechnen und dafür viel Geld verlangen. Im Juni 1934 beschließt deshalb der US-Kongress im Air Mail Act, den Postflugverkehr neu auszuschreiben - mit verheerenden Folgen für die betroffenen Fluggesellschaften. Die sind nämlich auf die Einnahmen aus dem Postflugverkehr angewiesen, können ohne sie nicht überleben. Sie werden deshalb bis zum Jahresende 1934 quasi zur Aufspaltung gezwungen. William Boeing, der sich um sein Lebenswerk betrogen sieht, protestiert gegen die Entscheidung, wird aber abgewiesen.

Wieder auf Seiten der Regierung

Er tritt daraufhin von seinen Ämtern zurück und verkauft seine Firmenanteile. Die restlichen Jahre seines Lebens verbringt er mit dem Erwerb von riesigen Grundstücken nördlich von Seattle, die er dann bebauen lässt und an Manager von... Boeing verkauft. Außerdem versucht er sich mit der Zucht von Rennpferden. Im Zweiten Weltkrieg wird Boeing dann als "Berater" der US-Regierung tätig. Die von seiner früheren Firma gebauten Bomber helfen mit, die deutschen Städte in Schutt und Asche zu verwandeln. Dabei falllen auch Teile des Familienarchivs in Westfalen der Zerstörung zum Opfer.

Boeing 787 Dreamliner

Boeing 787 Dreamliner . | Bildquelle: picture alliance / dpa, Montage: boerse.ARD.de

Nach dem Krieg profitiert das Unternehmen dann vom stupenden Aufstieg der zivilen Luftfahrt. Es sollte Boeing vergönnt bleiben, noch er noch vor seinem Tod den Bau der ersten zivilen Passagierjets miterleben zu dürfen - durch das Unternehmen, das er 40 Jahre zuvor gegründet hatte. Am 28. September 1956 starb William Edward Boeing, drei Tage vor seinem 75. Geburtstag an einem Herzinfarkt an Bord seiner klassischen, fast 40 Meter langen Motoryacht "Taconite".

Leichte Turbulenzen

Und heute? Bis auf 158 Dollar sind die Boeing-Aktien im vergangenen Jahr gestiegen - ein Rekordniveau. Doch ausgerechnet im Jubiläumsjahr 2016 ist die Aktie unter Druck geraten und in der Spitze bis auf 108 Dollar abgerutscht.

Grund war der Verdacht auf Unregelmäßigkeiten bei der die Buchhaltung. Genauer ging es dabei um die Frage, ob die Prognosen zur langfristigen Profitabilität der großen Passagiermaschinen der Typen 787 Dreamliner sowie 747-800 (Jumbo Jet) auf seriösen Zahlen basieren. Nach Informationen aus dem Umfeld der SEC hat Boeing dabei wohl gezielt die Zahlen manipuliert. Um die Kosten von rund 29 Milliarden Dollar für den Bau des Dreamliners hereinzuspielen, müssen davon mindestens 1.300 Exemplare verkauft werden, heißt es.

Boeing 787 Dreamliner Montagehalle

Boeing 787 Dreamliner Montage. | Bildquelle: Unternehmen

Doch sowohl für den Dreamliner wie auch für den vor fünf Jahren neu konstruierten Jumbo-Jet vom Typ 747-800 wurden die internen Kalkulationen "schöngerechnet“, indem die mit beiden Modellen verbundenen Verluste klein gehalten, Investitionen nur in geringem Umfang verrechnet sowie der erwartete Absatz zu optimistisch angesetzt wurde. Weder Boeing noch ein Sprecher der SEC wollten den Bericht bisher kommentieren.

Zuletzt haben Absatzprobleme beim Jumbo-Jet und ein neues Tankflugzeug dem Luftfahrt- und Rüstungskonzern Boeing im ersten Quartal des laufenden Jahres zu schaffen gemacht. Unter dem Strich stand mit 1,2 Milliarden Dollar neun Prozent weniger Gewinn als ein Jahr zuvor. Damit schnitt der Airbus-Rivale schwächer ab als von Analysten erwartet.

An seinen Zielen für 2016 hält Boeing-Chef Dennis Muilenburg fest. So will der Konzern im laufenden Jahr 740 bis 745 Jets an die Kunden übergeben. Außerdem verkündete er einen Sparplan, dem mehrere Tausend Arbeitsplätze zum Opfer fallen. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr ist Boeing also in leichte Turbulenzen geraten. Die Feierlaune dürften die unangenehmen Lüftchen aber kaum stören.

lg

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Boeing 247D