Betrügereien am Kapitalmarkt Wer hat's aufgedeckt?

von Detlev Landmesser

Stand: 22.06.2020, 09:59 Uhr

Der Fall Wirecard hat schon jetzt das Zeug, der spektakulärste Bilanzskandal der Bundesrepublik zu werden - wenn auch bisher unklar ist, von wem genau der Betrug ausgegangen ist. Aber dieser Fall ist gerade mal die Spitze eines Eisbergs. Beispiele gefällig?

Vertrauen ist einer der wichtigsten Pfeiler für die Funktionsweise eines Finanzsystems. In Deutschland genießt der Finanzmarkt bisher noch recht viel davon. Umso krasser erscheinen die Fälle, in denen jede Kontrolle versagt und Betrüger bis in die höchsten Kreise des regulierten Kapitalmarktes aufsteigen und das Geld gutgläubiger Anleger verschleudern.

Und diese Fälle gibt es. Genau so war es im Fall Steinhoff, einem MDax-Unternehmen, das über Jahre im großen Stil Bilanzen manipulierte, ohne dass es jemand gemerkt hat.

Der Fall Wirecard, seines Zeichens Mitglied im elitären Club des deutschen Leitindex Dax, ist zwar noch längst nicht aufgearbeitet. Aber der Verdacht der Bilanzmanipulation im großen Stil ist nun endgültig nicht mehr von der Hand zu weisen. Das Unternehmen sprach von der Möglichkeit, selber Opfer eines "gigantischen Betrugs" geworden zu sein und kündigte Strafanzeige gegen Unbekannt an. Dass der Vorstand von den Vorgängen nichts wusste, war allerdings schon im Vorfeld mit gutem Grund bezweifelt worden. Ganz sicher ist derzeit allein, dass die Anleger betrogen wurden. Und dass das Renommee des Dax immensen Schaden genommen hat.

Das dürfte viele Anleger überraschen

Wir haben die jüngsten Wirtschaftsskandale, bei denen Milliarden an Anlegergeldern verloren gingen, daraufhin abgeklopft, wer sie denn aufgedeckt hat. Diese einfache Untersuchung legt Überraschendes offen - und ein eklatantes Versagen an anderen Stellen.

Faktische Arbeitsteilung: Behörden merken es zuletzt

Wer deckt solche Betrügereien auf? Die BaFin? Die Börse?? Staatsanwälte??? Analysten???? Pustekuchen. Es sind Whistleblower, Leerverkäufer (!) und Journalisten, aber äußerst selten Wirtschaftsprüfer oder Behörden. Letztere haben nicht nur in den Fällen Flowtex oder Comroad eine frühere Aufdeckung eher behindert als gefördert.

So sieht die faktische Arbeitsteilung bei der Verbrechensaufdeckung am deutschen Kapitalmarkt aus - wer das bestreitet, wird uns entsprechende Belege schuldig bleiben. Diese Tatsache sollte den Gesetzgeber wachrütteln. Der Jetztzustand am deutschen Finanzmarkt, ein Hybridmodell aus Marktdarwinismus und eher unbeholfenen behördlichen Eingriffen, erscheint nicht wirklich befriedigend.

Aufsichtsbehörden fit machen!

Vielleicht hilft ein Blick über den Tellerrand. Mehr Effizienz bei der Aufklärung krimineller Machenschaften verspricht das US-Modell. Anders als die deutsche BaFin verfügt die US-Wertpapieraufsichtsbehörde SEC über weitreichende polizeiliche Befugnisse - und die entsprechende Lösungskompetenz.

Sicher sind rechtsstaatliche Prinzipien zu beachten. Aber wenn die Ermittlungsschwelle deutlich niedriger liegt und beispielsweise Beweismittel eben unverzüglich gesichert werden und nicht erst Monate oder Jahre später, dann kann das nur im Interesse der Geschädigten sein.