Montage der Protagonisten aus dem Reich-Special

Neues aus dem Hause Reich "Fake-Versammlungen" und überforderte Gerichte

von von Anja Lordieck und Julian Herbst

Stand: 26.10.2018, 13:14 Uhr

Was wurde eigentlich aus Wolfgang Wilhelm Reich? Am 14. Juli 2017 haben wir eine umfangreiche und preisgekrönte Reportage über den Unternehmer aus Heidenheim und sein weit verzweigtes Firmennetz veröffentlicht. Greift die Justiz endlich ein?

Eine mögliche Anklage wegen Untreue und Unterschlagung, einige kurze Hauptversammlungen und eine scheinbar immer noch überforderte Justiz - ein kurzes Fazit ein Jahr nach unserer Berichterstattung über Wolfgang Wilhelm Reich. In einer ausführlichen multimedialen Reportage hat boerse.ARD.de beschrieben, wie sich der junge Unternehmer seit über fünfzehn Jahren ein verzweigtes Firmennetz aufgebaut hat.

Mit mehreren eigens gegründeten AGs hat er andere Aktiengesellschaften übernommen und deren Vermögen in den Zweigen seines Firmennetzes verschwinden lassen - so die Theorie einiger Kleinaktionäre. Was wirklich in den Gefilden des Reichs und seiner Strohmänner und -frauen geschieht, ist aber schwer zu beurteilen. Seit Jahren gibt es keine vernünftigen Hauptversammlungen mehr, die die Aktionäre aufklären könnten.

Schlammschlacht bei Karwendelbahn geht weiter

Das ist ein großes Problem bei der Karwendelbahn AG. Die Karwendelbahn ist eine Bergbahn in der bayrischen Gemeinde Mittenwald. Seit die "Reich-Gruppe" durch eine andere Gesellschaft Hauptaktionär der Bahn ist, geht es dort drunter und drüber: Geschäftsberichte sind seit 2014 nicht mehr einsehbar, die Hauptversammlungen finden kaum statt und wenn, dann sehr chaotisch. Auf dem Posten des Betriebsleiters wird ständig gewechselt. Die "Reich-Gruppe", die auch den Vorstand der Karwendelbahn stellt, liefert sich eine nicht enden wollende Schlammschlacht mit der Gemeinde - vor allem mit Bürgermeister Adolf Hornsteiner.

Auch ein Jahr nach unserem Bericht hat sich die Situation in Mittenwald nicht geändert: Die Bahn scheint in einem sehr schlechten Zustand, aber keiner will noch Geld in die Aktiengesellschaft stecken. Es kann sich wegen der fehlenden Geschäftsberichte auch keiner sicher sein, in was für eine Gesellschaft er da investiert. Und die Reich-Gruppe überhäuft die Gemeinde, für die die Bahn von großer touristischer Wichtigkeit ist, und ihren Bürgermeister mit immer neuen und schwerwiegenden Vorwürfen. Auch hier also alles wie gehabt.

Reich-lich Beschäftigung für die Justiz

Nach unserer Berichterstattung scheint Wolfgang Wilhelm Reich seine Angewohnheit, Gerichte und Staatsanwaltschaften in Atem zu halten, nicht abgelegt zu haben. Noch immer verklagt er jeden, der sich ihm in den Weg zu stellen scheint. Noch immer legt er Widerspruch wegen jeder kleinsten Lappalie und gegen noch so kleine Bußgelder ein. Als der Richter des Amtsgerichts Garmisch-Partenkirchen beim jüngsten Gerichtstermin der Reich-Gruppe fragte, wie oft sich die Gemeinde Mittenwald und die Reich-Gruppe schon vor Gericht gegenüberstanden, antwortete Wolfgang Wilhelm Reich: "Das waren schon so viele Termine, das kann man gar nicht mehr mitteilen." Kurz danach stellte der Richter fest, dass die Reich-Gruppe mal wieder den falschen Rechtsweg beschritten habe und verwies den Fall an ein anderes Gericht.

Die Staatsanwaltschaften und Gerichte scheinen noch immer überfordert. Aber "wenigstens liegt nun eine Anklage beim Amtsgericht in Heidenheim vor", sagt Ralf Bake, ein Kleinaktionär einer der Gesellschaften, in die sich Wolfgang Wilhelm Reich eingekauft hat. Das Amtsgericht Heidenheim muss jetzt entscheiden, ob die Anklage gegen Herrn Reich wegen Veruntreuung und Unterschlagung zugelassen wird, wie die "Heidenheimer Zeitung" berichtete.

Träge Justitia

Vor zweieinhalb Jahren soll Wolfgang Wilhelm Reich Aktien in einem sechsstelligen Wert einer seiner Gesellschaften, der Kremlin AG, auf eine andere Gesellschaft übertragen haben. Die Staatsanwaltschaft Ellwangen wirft ihm aus diesem Grund Untreue vor. Außerdem habe er Goldbarren der Kremlin AG nicht an deren Vorstand Hans-Hermann Mindermann herausgegeben, worauf der Vorwurf der Unterschlagung steht. Mindermann war gerichtlich zum Vorstand dieser Gesellschaft bestellt worden, nachdem Wolfgang Wilhelm Reich wegen einer Verurteilung als Vorstand im Handelsregister gelöscht worden war.  

Warum die Entscheidung über die Anklage so lange dauert, kann sich Joachim Traut, ein anderer Kleinaktionär, nicht erklären. "Ernsthafte Ermittlungen scheinen da nicht aufgenommen worden zu sein. Die Justiz scheint nur minimale Aktivitäten entfaltet zu haben." Das Amtsgericht Heidenheim ist laut eigener Aussage schlichtweg bisher nicht dazu gekommen, die Anklage zu bearbeiten. Der Direktor des Amtsgerichts, Rainer Feil, vermutet, dass es in diesem Jahr nicht mehr zu einer Entscheidung kommen wird. Das Gericht müsse in diesem Fall möglicherweise weitere Ermittlungen anordnen.

Reich bleibt unterm Radar

Und auch die Hauptversammlungen werden in "Reich-Gesellschaften" immer noch nicht ordentlich durchgeführt. "Die Gruppe hat sich nun eine neue Strategie überlegt: Die Versammlung wird in fünf Minuten abgehalten. Als Aktionär darf man keine Fragen stellen und bekommt keine Informationen", erzählt Ralf Bake. "Die Gerichte sagen dazu nur:  Es hat eine Hauptversammlung gegeben, also müssen wir kein Zwangsgeld erheben." Wie sich die Kleinaktionäre aber wirklich über den Zustand der Gesellschaften informieren können, wissen sie nicht. Bisher ist auch keine Besserung in Sicht. Das Reich fliegt weiter unterm Radar.