MIFID II

Mehr Gebührentransparenz, aber auch mehr Bürokratie Nützt MiFID II den Anlegern?

von von Notker Blechner

Stand: 16.11.2017, 10:41 Uhr

Ab dem kommenden Jahr bricht eine neue Ära im Anlegerschutz an. Die EU-Richtlinie MiFID II soll mehr Kostentransparenz bei Wertpapiergeschäften und eine bessere Kundenberatung bringen. Doch der bürokratische Aufwand wird noch größer als bisher. Wird MiFID II zum Rohrkrepierer?

Haben Sie auch schon dicke Post von Ihrer Bank bekommen? In den vergangenen Wochen haben die Geldinstitute Briefe verschickt, in denen sie über die neuen Regeln für Wertpapiergeschäfte aufklären. Denn ab dem 3. Januar 2018 tritt die europäische Finanzmarkt-Richtlinie MiFID II in Kraft.

Aufzeichnungspflicht von Telefonaten

Ab dem kommenden Jahr müssen alle Beratungsgespräche am Telefon - auch am Handy und Smartphone - aufgezeichnet und mindestens fünf Jahre lang archiviert werden. Bei möglichen Rechtsstreitigkeiten soll sich so leichter nachvollziehen lassen, ob der Bankberater ausreichend über Risiken aufgeklärt hat.

Statt des Beratungsprotokolls gibt es künftig eine Geeignetheitserklärung. Diese soll erklären, warum ein bestimmtes Anlageprodukt empfohlen wurde und wie es zum Risikoprofil des Kunden, seinen Kenntnissen und seinen Erfahrungen passt. Anleger werden in Risikoklassen eingeteilt. Mit der Geeignetheitserklärung soll vermieden werden, dass Banken konservativen Anlegern riskante Fonds oder Produkte wie einst Lehman-Zertifikate verkaufen.

Ausweisung der Nebenkosten bei Fonds- oder Aktienkäufen

Die wohl wichtigste Neuerung für die Bankkunden ist die Kostentransparenz. Künftig müssen die Banken genau ausweisen, wie viel Geld beim Kauf eines Fondsanteils für Provisionen, Ausgabeaufschlag und Verwaltungsgebühren anfällt. Berater müssen die jeweiligen Provisionen offen legen.

Verbraucherschützer und Bafin begrüßen die neuen Regeln

Verbraucherschützer begrüßen die Neuerungen. Die Kostentransparenz helfe, Druck auf teure Anbieter aufzubauen, hofft Niels Nauhauser, Finanzexperte Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Letztlich könnte so MiFID II zur Abschaffung von Provisionen führen, glaubt er.

Auch die BaFin findet das neue Regelwerk hilfreich. "Auf der Anlegerseite wird es deutliche Verbesserungen bringen", meint Elisabeth Roegele, Leiterin der Wertpapieraufsicht der Behörde. Sie hebt die bessere Kostentransparenz und die höheren Dokumentationspflichten hervor.  

Banken warnen vor "falsch verstandenem Anlegerschutz"

Dagegen sind viele Banken gar nicht begeistert von MiFID II. Auf Finanzkonferenzen stöhnen sie über den hohen bürokratischen Aufwand und die enormen Kosten, die auf sie zukommen. Gerade kleinere Banken oder Finanzvermittler müssen viel Geld in entsprechende IT-Programme investieren, um die fünfjährige Archivierung der Telefongespräche zu gewährleisten. Der Privatbankenverband BdB rechnet wegen der Neuregelungen mit einmaligen Umstellungskosten von einer Milliarde Euro für die deutschen Banken.

Der Cheflobbyist Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbands, hat in Interviews und Konferenzen die EU-Richtlinie scharf kritisiert. MiFID II sei "ein Anschlag auf das Vertrauensverhältnis zwischen Bankberater und Kunde", monierte er in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Dass die Banken jedes Telefonat aufzeichnen und fünf Jahre aufbewahren müssten, sei falsch verstandener Anlegerschutz. "Derart weitgehende Aufzeichnungspflichten helfen niemandem und liegen auch nicht im Interesse der Kunden." Unverständlich finden Bankvertreter auch, dass für Profi-Anleger die gleichen Schutzmechanismen gelten sollen wie für Privatanleger.

Fonds in der Zwickmühle

Weil der Beratungsprozess aufwendiger und teurer wird, dürfte sich die eine oder andere Bank aus dem Wertpapiergeschäft zurückziehen, glauben Experten. Auch für Fondsgesellschaften ändert sich einiges. Sie müssen künftig die Kosten für Research - also Studien und Aktienanalysen, die sie von Banken oder Analysehäusern bekommen - separat ausweisen. Das bedeutet, dass diese bisher im Paket mitgelieferte Dienstleistung von vielen Anbietern erst jetzt explizit in Rechnung gestellt wird. Seither stehen die Fondsgesellschaften vor der Frage, ob sie diese Kosten auf die eigene Rechnung oder auf ihre Kunden übertragen.

Mehrere deutsche Fondsgesellschaften wie die Deutsche Asset Management (DWS-Fonds), die Allianz Global Investors und die Union Investment haben angekündigt, die Kosten für externe Aktien- und Marktanalysen selbst zu tragen. Dagegen wollen die Deka und einige ausländische Anbieter die Kosten auf die Kunden direkt abwälzen. Eine Konsequenz wird sein, dass die Fondsgesellschaften beim externen Research massiv einsparen werden.

Sinken die Fondsgebühren?

Profitieren von der Kosten-Transparenz könnten die Besitzer von Fonds. Unterm Strich dürften die Gebühren sinken, prophezeien einzelne Fondsanbieter. "Wir gehen von einer Reduzierung der Gesamtkosten für unsere Kunden aus", sagt Union-Investment-Chef Hans Joachim Reinke. Umgekehrt dürfte die Nachfrage nach billigeren passiven Indexfonds - ETFs - steigen, prophezeien Experten. Kein Zweifel: MiFID II wird für eine neue Anleger-Welt sorgen.