Junge Frau mit Notebook und Kreditkarte liegt auf einem Sofa

Direktive PSD2 tritt in Kraft Neue Regeln vereinfachen den Zahlungsverkehr

von Notker Blechner

Stand: 12.01.2018, 17:26 Uhr

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit bricht ab diesem Samstag eine neue Ära im Zahlungsverkehr an. Die neue Richtlinie PSD2 soll Geldtransfers bequemer, billiger und sicherer machen. Profitieren die Bankkunden wirklich?

Wer PSD2 mit einer neuen Abgasnorm oder einer Joghurt-Marke verwechselt, braucht sich nicht zu schämen. Die wenigsten Menschen dürften mit dem merkwürdigen Kürzel etwas anzufangen wissen. Es sei denn, sie haben detailliert die Post ihrer Hausbank gelesen.

PSD2 ist die Abkürzung für Payment Service Directive 2. Die von der EU-Kommission beschlossene Richtlinie könnte den Zahlungsverkehr hierzulande revolutionieren - ähnlich wie die Kreditkarten Ende der 1950er Jahre oder die digitalen Überweisungen ab der Jahrtausendwende.

Ende des Banken-Monopols

Die neuen EU-Regeln sollen den Wettbewerb im europäischen Zahlungsverkehr fördern und das Monopol der Banken brechen. Bisher hatten diese alleine Zugriff auf die Kontodaten. Nun werden sie verpflichtet, diesen Datenschatz mit Wettbewerbern zu teilen. Die Geldinstitute müssen künftig eine Schnittstelle schaffen, über die Drittanbieter kostenfreien Zugang zu den Konten erhalten.

Wer heute etwas online kauft, macht das meist über Kredit- oder Bankkarten. Eine solche Bezahlung läuft über mehrere Zwischenstationen. Diesen Prozess will PSD2 nun radikal vereinfachen, denn im bestehenden System sind die Transaktionen langsam und teuer. In Zukunft soll es möglich sein, dass ein Drittanbieter wie etwa ein Händler das Geld direkt auf dem Konto des Kunden abbucht und das Karten-Netzwerk überspringt.

Fintechs, Amazon, Apple & Co profitieren

Von dieser Reform dürften vor allem Finanztechnologie-Firmen (Fintechs) profitieren. Aber auch Einzelhändler wie Aldi, Online-Händler wie Amazon, Technologiefirmen wie Apple und Kreditkartenfirmen könnten als mögliche Zahlungsdienste-Anbieter auftreten. Um die Kunden vor Missbrauch zu schützen, verlangt die EU eine Zulassung durch eine Aufsichtsbehörde wie die Bafin. "Viele neue Anbieter stehen in den Startlöchern und werden eine Lizenz beantragen", prophezeit Branchenexperte Philipp Rosenauer vom Berater PwC.

Verlierer sind die traditionellen Banken. Die Berater von Roland Berger schätzen, dass die etablierten Geldhäuser im Privatkundengeschäft 25 bis 40 Prozent ihres Gewinns verlieren könnten. Sie reagieren denn auch gar nicht begeistert von den neuen Regeln. Es sei unverständlich, dass Drittdienste einen gesetzlich definierten Zugang zur Infrastruktur der Banken bekämen, der umgekehrt nicht gelte, kritisiert der Bundesverband deutscher Banken.

Trend zur "Lego-Bank" wird verstärkt

"Die Richtlinie wird die Transparenz im europäischen Zahlungsverkehr erhöhen und vermutlich den Preisdruck verstärken", glaubt Thomas Sontheimer von der Beratungsgesellschaft Accenture. Kunden könnten mit Angeboten von Fintechs etwa mehrere Konten auf einen Blick sehen und Geld anstatt per Hausbank über Drittanbieter überweisen. Generell unterstützt PSD2 den Weg zur "Lego-Bank", in der über eine Schnittstelle verschiedene Bankprodukte - das Girokonto von der Bank A, die Kreditkarte von Bank B und die Baufinanzierung von der Bank C – eingebunden sind. Insofern könnten für die Bankkunden die Geldtransfers billiger werden.

Sie müssen aber nicht fürchten, dass Firmen unkontrolliert auf ihre Daten zugreifen. Die Bankkunden müssen ihnen die Weitergabe ausdrücklich erlauben, der Zugriff geschieht über die Hausbank und nur für den angefragten Zweck. Die EU hat das maschinengesteuerte Auslesen von Girokonten, das Auskunft über sämtliche Zahlungen und Gewohnheiten von Bankkunden gibt, verboten. "Kunden können sich auf Datensicherheit verlassen", betont der Bankenverband.

Die meisten Bürger stehen den neuen Regeln aufgeschlossen gegenüber. Laut einer Umfrage von PwC sind zwei Drittel der Deutschen bereit, Drittanbietern Zugriff auf das Bankkonto zu geben, bei den unter 30-Jährigen sind es gar 86 Prozent. "Bei der jüngeren Generation ist die Bank eine App auf dem Handy", erklärt Rosenauer.

Niedrigere Haftungsgrenze bei Kartenmissbrauch

Auch wer keine Drittfirmen nutzt, kann sich über finanzielle Entlastungen durch die PSD2-Richtlinie freuen. So sinkt die Haftungsgrenze bei Kartenmissbrauch auf 50 Euro. Bisher mussten sie bei Missbrauch der Bank- oder Kreditkarte oder von Kennziffern im Online-Banking für Schäden bis zu 150 Euro haften, solange sie Karte oder Internet-Konto nicht gesperrt hatten. Nur bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz haften Kunden weiter unbeschränkt.

Verbraucherfreundlichere Regeln gibt es ebenfalls bei der Reservierung von Mietwagen oder Hotels: Blockieren viele Firmen zur Sicherheit automatisch einen gewissen Betrag auf der Kreditkarte von Kunden, muss dieser dem nun zustimmen.

Keine Gebühren mehr für Kreditkartenzahungen

Für (Kredit-)Kartenzahlungen sowie Sepa-Überweisungen und -Lastschriften dürfen künftig keine Extragebühren mehr verlangt werden. Nur Firmenkreditkarten sind von den neuen Regeln ausgeschlossen. Die Lufthansa, die Deutsche Bahn und viele Einzelhändler haben sich schon auf die neue Situation umgestellt.

Ferner sollen strengere Regeln vor Betrug bei Online-Zahlungen schützen. Künftig reicht es nicht mehr, wenn Kunden Kartendaten und Kontonummer oder Nutzername und Kennwort bei Zahldiensten eingeben. Ein zweites, andersartiges Merkmal wie ein Fingerabdruck oder eine SMS ans eigene Smartphone soll die Sicherheit erhöhen. "Für deutsche Bankkunden ist das der zentrale Nutzen", meint Unternehmensberater Sontheimer. Die Gebühren, etwa für Überweisungen, dürften hingegen kaum sinken. "Da ist Deutschland im europäischen Vergleich schon günstig."

Durch PSD2 könnte mittel- und langfristig die Finanzbranche durcheinandergewirbelt werden. Banking ohne Banken – diese Vision von Microsoft-Gründer Bill Gates könnte schneller als gedacht Wirklichkeit werden.

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