Mogelpackung

Anlegerschutz mit Nebenwirkungen Mogelpackung MiFID II?

von von Notker Blechner

Stand: 03.01.2018, 09:27 Uhr

Vor knapp zehn Jahren verloren zahlreiche Anleger ihr Erspartes mit Lehman-Zertifikaten. Damit sich so etwas nicht wiederholt, gelten ab heute neue Finanzregeln. Die Direktive MiFID II soll Anleger schützen. Tatsächlich aber bringt sie wenig und sorgt für zusätzlichen Aufwand.

Für Bankkunden bringt das neue Jahr einige Änderungen. Die am 3. Januar europaweit in Kraft getretene Richtlinie mit dem sperrigen Namen "MiFID II" verpflichtet die Banken zu mehr Dokumentation und Transparenz bei der Beratung der Kunden. In den vergangenen Wochen hatten die Geldinstitute bereits dicke Briefe verschickt, in denen sie über die neuen Regeln aufklärten.

Aufzeichnungspflicht für Telefonate

Die für einige wohl spürbarste Änderung betrifft die Telefonate zwischen dem Kunden und dem Bankberater. Künftig müssen alle Beratungsgespräche am Telefon - auch am Handy - aufgezeichnet und mindestens fünf Jahre lang archiviert werden. Bei möglichen Rechtsstreitigkeiten soll sich so leichter nachvollziehen lassen, ob der Bankberater ausreichend über Risiken aufgeklärt hat.

Geeignetheitserklärung statt Beratungsprotokoll

Wer in die Bankfiliale geht und ein Beratungsgespräch führt, muss sich ebenfalls auf Änderungen einstellen. Statt des Beratungsprotokolls gibt es künftig eine Geeignetheitserklärung. Diese soll erklären, warum ein bestimmtes Anlageprodukt empfohlen wurde und wie es zum Risikoprofil des Kunden, seinen Kenntnissen und seinen Erfahrungen passt. Anleger werden weiterhin in Risikoklassen eingeteilt. Mit der Geeignetheitserklärung soll vermieden werden, dass Banken konservativen Anlegern riskante Fonds oder Produkte wie einst Lehman-Zertifikate verkaufen.

Unternehmensberater Lars Reese von Berg Lund & Company sieht diese Neuerung besonders positiv und rechnet mit einem anziehenden Wertpapiergeschäft. Denn durch den Wegfall des Beratungsprotokolls und die Einführung der Geeignetheitserklärung werde die Kundenberatung vereinfacht. Die Geeignetheitserklärung lasse sich künftig standardisiert abfragen, meint Reese. "Die Bankangestellten müssen nicht mehr in freier Form ein Beratungsgespräch protokollieren, sondern können einen automatisierten Fragen-Katalog nutzen."

Provisionen und andere versteckte Kosten werden ausgewiesen

Die dritte Änderung, die MiFID II mit sich bringt, ist die Kostentransparenz. Künftig müssen die Banken genau ausweisen, wie viel Geld beim Kauf eines Fondsanteils für Provisionen, Ausgabeaufschlag und Verwaltungsgebühren anfällt. Berater müssen die jeweiligen Provisionen offen legen. Versteckte Vertriebsprovisionen sollen so in Zukunft nicht mehr möglich sein. "Der Kunde sieht künftig schwarz auf weiß, was ein Fonds kostet", sagt Unternehmensberater Reese.

Allerdings erlauben die neuen Finanzregeln den Banken Provisionen weiterhin - unter der Bedingung, dass sie das Geld in die Qualitätsverbesserung der Kundenberatung investieren. Das ist ein Zugeständnis des Gesetzgebers an die Volksbanken und Sparkassen. Verbraucherschützer sehen diese Ausnahmeregelung kritisch und bezweifeln daher, ob MiFID II tatsächlich den Anlegerschutz stärkt.

Verbraucherschützer und BaFin sehen MiFID II positiv

Insgesamt begrüßen die Verbraucherschützer die Neuerungen. Die Kostentransparenz helfe, Druck auf teure Anbieter aufzubauen, hofft Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Letztlich könnte so MiFID II zur Abschaffung von Provisionen führen, glaubt er.

Auch die BaFin findet das neue Regelwerk hilfreich. "Auf der Anlegerseite wird es deutliche Verbesserungen bringen", meint Elisabeth Roegele, Leiterin der Wertpapieraufsicht der Behörde. Sie hebt die bessere Kostentransparenz und die höheren Dokumentationspflichten hervor.  

Banken stöhnen über hohen bürokratischen Aufwand

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MiFID II - Die neue Finanzmarktregulierung

Dagegen sind viele Banken gar nicht begeistert von MiFID II. Sie sehen das neue Regelwerk als großen Geldvernichter und Paragraphen-Monster. Die Geldinstiute stöhnen über den hohen bürokratischen Aufwand und die enormen Kosten, die auf sie zukommen. Gerade kleinere Banken oder Finanzvermittler müssen viel Geld in entsprechende IT-Programme investieren, um die fünfjährige Archivierung der Telefongespräche zu gewährleisten. Der Privatbankenverband BdB rechnet wegen der Neuregelungen mit einmaligen Umstellungskosten von einer Milliarde Euro für die deutschen Banken.

Der Cheflobbyist Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbands, hat in Interviews und Konferenzen die EU-Richtlinie scharf kritisiert. MiFID II sei "ein Anschlag auf das Vertrauensverhältnis zwischen Bankberater und Kunde", monierte er in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Dass die Banken jedes Telefonat aufzeichnen und fünf Jahre aufbewahren müssten, sei falsch verstandener Anlegerschutz. "Derart weitgehende Aufzeichnungspflichten helfen niemandem und liegen auch nicht im Interesse der Kunden." Unverständlich finden Bankvertreter auch, dass für Profi-Anleger die gleichen Schutzmechanismen gelten sollen wie für Privatanleger.

Research bekommt einen Preis

Weil der Beratungsprozess aufwendiger und teurer wird, dürfte sich die eine oder andere Bank aus dem Wertpapiergeschäft zurückziehen, glauben Experten. Auch für Fondsgesellschaften ändert sich einiges. Sie müssen künftig die Kosten für Research - also Studien und Aktienanalysen, die sie von Banken oder Analysehäusern bekommen - separat ausweisen. Seither stehen sie vor der Frage, ob sie diese Kosten auf die eigene Rechnung oder auf ihre Kunden übertragen.

Mehrere deutsche Fondsgesellschaften wie die Deutsche Asset Management (DWS-Fonds), die Allianz Global Investors und die Union Investment haben angekündigt, die Kosten für externe Aktien- und Marktanalysen selbst zu tragen. Dagegen wollen die Deka und einige ausländische Anbieter die Kosten auf die Kunden direkt abwälzen. Eine Konsequenz wird sein, dass die Fondsgesellschaften beim externen Research massiv einsparen werden. Folglich werden wohl viele Banken ihre Analyseabteilungen verkleinern müssen. "Die Zahl der Analysten, die Aktien unterhalb des Dax covern, werde massiv sinken, prophezeit Kay Bommer, Geschäftsführer des Deutschen Investor-Relations-Kreises (DIRK). Ralf Frank, Generalsekretär der Analystenvereinigung DVFA rechnet damit, dass das Coverage wegen MiFID II um ein Drittel abnimmt.

"Schlechtere Informationsversorgung für Privatanleger"

Privatinvestoren dürften so schwerer an Informationen über Einzelaktien kommen. "Die Informationsversorgung für Kleinanleger wird sich verschlechtern", glaubt Bommer. Diese Ansicht teilt das Deutsche Aktieninstitut (noch) nicht. Welche Folgen MiFID II für Privatanleger habe, sei noch offen, meint Norbert Kuhn vom DAI.

Gerade die Besitzer von Fonds könnten von der neuen Kostentransparenz durchaus profitieren. Unterm Strich dürften die Gebühren sinken, prophezeien einzelne Fondsanbieter. "Wir gehen von einer Reduzierung der Gesamtkosten für unsere Kunden aus", sagt Union-Investment-Chef Hans Joachim Reinke. Umgekehrt dürfte die Nachfrage nach billigeren passiven Indexfonds - ETFs - steigen, prophezeien Experten. Kein Zweifel: MiFID II wird für eine neue Anleger-Welt sorgen.