Geothermie-Grundstück Schnaitsee

Anlegerschutz Forever Green zahlt wieder keine Zinsen

Stand: 18.07.2016, 13:42 Uhr

Anleger der Regensburger Forever Green-Gruppe erhalten derzeit keine Zinsen. Nach Informationen von boerse.ARD.de erlaubt die wirtschaftliche Lage des Geothermie-Unternehmens die Zahlung der versprochenen Rendite von über sieben Prozent nicht. Trotzdem wirbt die Firma weiter um Neu-Anleger – bis zu 100 Millionen Euro will sie am Markt einsammeln.

Von Valerie Krall und Daniel Moßbrucker, boerse.ARD.de

FG-Firmenzentrale in Regensburg

FG-Firmenzentrale in Regensburg. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Daniel Moßbrucker

Als Rainer Harbeck (Name geändert) Ende Mai Post von der Regensburger Forever Green-Gruppe (FG) aus seinem Briefkasten holte, war er gespannt. Endlich wieder Neuigkeiten. Immerhin verwaltet die Firma mehrere tausend Euro, die Harbeck der FG geliehen hat, damit diese Geothermie-Kraftwerke in Bayern bauen kann. Mit heißem Wasser aus der Tiefe will die FG Strom produzieren und obendrein von der üppigen EEG-Umlage profitieren. Harbeck sollte für sein Investment jährlich 7,25 Prozent Zinsen erhalten und tat gleichzeitig etwas für die Energiewende – es klang nach dem perfekten Deal. Nachdem Harbeck den Brief gelesen hat, ist er wütend.

Alte FG-Werbung von dem Angebot, bei dem jetzt keine Zinsen mehr gezahlt werden

Alte FG-Werbung von dem Angebot, bei dem jetzt keine Zinsen mehr gezahlt werden. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Daniel Moßbrucker

Die FG teilte ihm mit, dass es für das Geschäftsjahr 2015 erstmal keine Zinsen geben wird. Schon für 2014 war die Rendite vorerst gestrichen worden, weil die nötigen Jahresüberschüsse fehlten. „Ich fühle mich schlecht informiert. Es gibt immer nur Post, wenn feststeht, dass Zinsen nicht gezahlt werden“, ärgert sich Harbeck, der einer von rund 2.700 Anlegern ist. Die FG betont zwar, dass alle ausgefallenen Zinsen gezahlt würden, sobald die Gewinne sprudeln. Aber wann soll das sein? Dem Regensburger Unternehmen läuft offenbar die Zeit davon, um die ambitionierten Ziele noch zu erreichen.

Kein einziges Kraftwerk in Bau

Anleger, Geschäftspartner und bayerische Lokalpolitiker wundern sich, warum bei den FG-Projekten seit fast einem Jahr nichts Sichtbares mehr passiert. Im Örtchen Kirchweidach etwa hatte die FG bereits Ende 2010 nach heißem Wasser gebohrt, im Geschäftsbericht 2013/14 war die Fertigstellung noch für „Ende 2015“ erwartet worden. Heute ist noch nicht einmal mit dem Bau des Kraftwerkes begonnen worden.

Blick ins Gewächshaus

Blick ins Gewächshaus. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Daniel Moßbrucker

Mit dem neuerlichen Brief erscheint zudem ein Geschäft im neuen Licht, das die FG gerne als Nachweis für eine positive Entwicklung genannt hatte. In Kirchweidach hat sich ein Gemüsebauer angesiedelt, der mit FG-Wärme seine riesigen Gewächshäuser heizt. Seitdem wachsen im Herzen Südostbayerns tonnenweise Tomaten und Paprika. Das seien Einnahmen, „mit denen in der ursprünglichen Konzeption nicht zu rechnen war“, schrieb die FG einmal. Nun gibt die Firma zu, dass diese Einnahmen so gering sind, dass gerade einmal der laufende Geschäftsbetrieb gedeckt werden könne. Rendite? Fehlanzeige.

„Kalkulierbare Gewinne“ dank EEG-Umlage

Recherchen von boerse.ARD.de hatten bereits 2015 nahegelegt, dass die offizielle Darstellung die Realität bestenfalls teilweise wiedergibt. Tatsächlich floss bei den Bohrungen nämlich weniger Wasser als erwartet, sodass sich das ursprünglich geplante Kraftwerk nicht mehr lohnte. Nun soll ein kleineres gebaut werden, doch damit erhält die FG auch weniger von der lukrativen EEG-Umlage. Die wird nur fällig, wenn aus der Wärme Strom produziert wird – bisher keine einzige Kilowattstunde. Ursprünglich war die EEG-Umlage ein starkes Marketing-Argument für die FG, sie versprach „kalkulierbare Gewinne“. Wärmeenergie schien eher als Zusatzgeschäft eingeplant zu werden.

Im jüngsten Anleger-Schreiben ist von der EEG-Umlage keine Rede mehr. Stattdessen sei ein Vertrag aus dem Jahr 2013 der Grund, weshalb das Geschäft derzeit nicht laufe. Es ist wohl jener Vertrag, der bisher die Einnahmen sicherte, mit denen „nicht zu rechnen war“. Im Brief räumt die FG nun ein, dass der Wärmeverkauf nicht genug Geld abwirft, um die üppige Rendite auszuschütten. Zu marktüblichen Preisen wäre die verkaufte Wärme laut FG 2,1 Millionen Euro für das Jahr 2015 wert gewesen, doch Gemeinde und Gemüsebauer zahlten weniger. Nach Informationen von boerse.ARD.de waren es gerade einmal rund 267.500 Euro. Eine eklatante Differenz. Wie konnte das passieren?

Notlösung als Erfolgsgeschichte präsentiert

Marcus Hansen am Bohrloch, an dem ein Kraftwerk errichtet werden soll

Marcus Hansen am Bohrloch, an dem ein Kraftwerk errichtet werden soll. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Daniel Moßbrucker

Es scheint, als würde das Unternehmen langsam von der Realität eingeholt, die sich mit der gern erzählten Erfolgsgeschichte nur zu Teilen überschneidet. Der Wärmeverkauf war nach den enttäuschenden Bohrungen wohl eher eine Notlösung. Das warme Wasser floss und bis der erste Strom produziert werden konnte, würde Zeit vergehen. Marcus Hansen von der Gemeinde Kirchweidach spricht daher von einer „Win-Win-Situation“, die sich für alle Seiten ergeben habe. Der Gemüsebauer konnte investieren, die Gemeinde baute ein Fernwärmenetz – im Gegenzug erhielt die FG  erste Einnahmen und musste das Wasser nicht ungenutzt in die Erde pumpen.

Die Kehrseite: Offenbar erwirtschaftete die FG weniger Gewinn als mit der eingeplanten Stromproduktion. „Es macht mich wütend, wenn die Erweiterung der Wärmelieferungen an das Gewächshaus als Erfolg dargestellt wird“, sagt Anleger Harbeck, „und jetzt muss ich lesen, dass nicht 2,1 Millionen daraus generiert werden, sondern nur ein Bruchteil davon.“

Mittlerweile sind es nicht mehr nur enttäuschte Anleger, die schlecht auf die FG zu sprechen sind. Auch Kommunalpolitiker und Geschäftspartner finden deutliche Worte. In ihrem Schreiben schieben die neuen Chefs der FG-Tochter Geokraftwerke.de, Franz Heidelsberger und Jean-Paul Müller, die Schuld von sich. Verantwortlich für den damaligen Vertrag, so darf man ihre Zeilen wohl interpretieren, sei nicht die FG, sondern die GeoEnergie Bayern, mit der die FG gemeinsam das Kraftwerk bauen möchte. „Anscheinend soll hier wohl der Eindruck aufkommen, dass ich persönlich an den fehlenden Zinszahlungen der FG eine Art Mitschuld hätte, was ich an dieser Stelle entschieden von mir weise“, sagt deren Geschäftsführer Bernhard Gubo. Die FG habe dem Vertrag zugestimmt, er sei gemeinsam von FG und GeoEnergie Bayern „vorverhandelt und finalisiert“ worden. Die Gemeinde Kirchweidach, mit der verhandelt wurde, bestätigte diese Darstellung. „Die FG-Gruppe hat vermutlich völlig übertriebene Erwartungen an die Schüttung aus der Bohrung gehabt und wurde von der Realität eingeholt“, sagte Gemeindevertreter Hansen.

Die FG bleibt trotz des Gegenwinds dabei: Der Preisunterschied sei nicht gerechtfertigt.

FG sucht in Schnaitsee nach Investor

Geothermie-Grundstück Schnaitsee

Geothermie-Grundstück Schnaitsee. | Bildquelle: privat

Einige Kilometer weiter ist die Stimmung kaum besser. In Schnaitsee will die FG ebenfalls ein Kraftwerk bauen, für 2015 war der Start der Bohrungen angekündigt worden. Bis heute ist das nicht passiert. „Von der FG haben wir in der Vergangenheit zum wiederholten Mal Daten über den zeitlichen Ablauf des Projektes bekommen, die in keiner Weise eingehalten wurden“, ärgert sich Bürgermeister Thomas Schmidinger. Für ihn sei das Vorhaben mangels Fortschritt „auf  Eis gelegt“.

Auch dafür hat die FG aber eine Erklärung. In Schnaitsee habe man mit einem ausländischen Investor verhandelt, der dann jedoch vorerst woanders eingestiegen sei. Nach der Prokon-Pleite habe sich „der Markt für Privatanleger in Erneuerbare Energien grundlegend gewandelt“, sagt Prokurist Heidelsberger. Also sei man auf einen Investor angewiesen gewesen und die Verhandlungen seien „weit gediehen“ gewesen – geklappt hat es bisher noch nicht. Sorgen um ihr Geld müssten sich die Anleger jedoch nicht machen. In Kirchweidach soll das Kraftwerk laut der FG bis „Anfang 2018“ ans Netz gehen.

Programm soll bis zu 100 Millionen Euro eintreiben

Den Vertrieb hochverzinster Programme stellen die Regensburger trotz der Probleme nicht ein. Zwar werde die erste Namensschuldverschreibung seit Anfang 2015 nicht mehr vertrieben, im „Green Tech Portfolio Nr. 2“ lockt die FG-Gruppe aber weiterhin mit bis zu 6,5 Prozent Zinsen. Bis zu 100 Millionen Euro soll das Programm in die klamme Firmenkasse spülen.

Erklärgrafik zur Geothermie

Geothermie. | Bildquelle: boerse.ARD.de

Es wird nun ein Kampf gegen die Uhr. Zum 31.12.2018 können die ersten Anleger ihre Investments kündigen und die FG müsste deren Einlagen zurückzahlen. Heidelsberger erklärte gegenüber boerse.ARD.de, man sei durch den dann einjährigen Kraftwerksbetrieb in der Lage, dieses Geld auszuzahlen. Geht das Kraftwerk tatsächlich zu Beginn 2018 ans Netz, bliebe etwa ein Jahr, um die Summe zu erwirtschaften. Zur Erinnerung: In einem früheren Geschäftsbericht sprach die FG einmal von einer Fertigstellung Ende 2015.

Heidelsberger beunruhigt das offenbar nicht. Er geht davon aus, dass nicht alle Anleger direkt aus ihrem Investment flüchten. „Der Großteil unserer Anleger hält zu uns, stärkt uns den Rücken und traut uns auch zu, dass wir die richtigen Maßnahmen ergriffen haben und noch ergreifen werden, um die Projekte zum Erfolg zu führen“, berichtet der Prokurist.

Menschen wie Rainer Harbeck erreicht er mit solchen Statements kaum noch. „Man wird als Anleger alles andere als ausreichend und neutral informiert. Ich bin weit davon entfernt, der FG den Rücken zu stärken und kann mir anhand der Nachrichten nicht vorstellen, dass es viele Anleger tun.“ Er könnte sich am Geschäft mit dem heißen Thermalwasser die Finger verbrannt haben.

Nachtrag vom 20. Juli 2016: Nach der Veröffentlichung des Beitrages teilte Prokurist Franz Heidelsberger unserer Redaktion mit, dass die FG nach Abgabe der Stellungnahme an boerse.ARD.de und vor der Veröffentlichung des Beitrages das "Green Tech Portfolio Nr. 2" seit dem 9. Juli 2016 nicht mehr vertreibe. In einer früheren Version des Beitrages hieß es zudem, in Schnaitsee sei ein ausländischer Investor "abgesprungen". Die FG teilte mit, dass der Investor zwar vorerst in andere Projekte investiert habe, ein Einstieg des Investors in Schnaitsee aber weiterhin möglich sei. Wir haben den Beitrag daraufhin angepasst.

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Zwischen Bohrlöchern und Tomaten

FG-Firmenzentrale in Regensburg

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