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Geringes Wissen und Verlustängste Deutsche und Aktien - eine gestörte Beziehung

von Marc Stephan

Stand: 02.12.2019, 16:21 Uhr

Nur 16 Prozent der Deutschen nehmen direkt am Aktienmarkt teil - im Vergleich zu anderen Ländern eine desaströse Quote. Seit Jahren verändert sich die Zahl der Aktionäre kaum. Doch welche Gründe hat das und wie könnte man das Problem lösen?

54 Prozent. Das ist die Quote der US-Bürger, die 2018 am Aktienmarkt teilnahmen. In Deutschland waren es im gleichen Jahr lediglich 16 Prozent. Und das ist hierzulande schon seit Jahren so. Trotz Bemühungen von Verbänden und Medien, die Börse und den Aktienmarkt für Verbraucher verständlicher und attraktiver zu machen. Der Frage, warum das nicht hilft und was die Gründe für die Scheu so vieler Deutscher sind, sind Wissenschaftler der Frankfurt School of Finance und der Goethe-Universität Frankfurt im Auftrag der Deutschen Börse nachgegangen.

Bildungslücke Börse

Für viele Deutsche scheint die Börse ein Ort der Angst zu sein. Einer, an dem sich die Risiken nur so tummeln. Dabei ist es fast egal, ob die Menschen jung oder alt, Frauen oder Männer sind. Die Hauptgründe sind bei allen ähnlich: Angst vor hohem Verlust durch eine ökonomische Katastrophe, zu kleines Vermögen und fehlendes Wissen.

Über 50 Prozent der Nicht-Aktienbesitzer bewerten die Aussage "Mir fehlt das Wissen, wie man am Aktienmarkt investiert" als "eher zutreffend" oder "voll zutreffend". Aus der Studie geht auch hervor, dass für viele derjenigen, die keine Aktie besitzen, die Eröffnung eines Depots als schwierig erachtet wird.

Weniger Wissen erforderlich als gedacht

Michael Grote, Frankfurt School of Finance & Management

Michael Grote.

Einer der Studienautoren, Prof. Dr. Michael Grote von der Frankfurt School of Finance, ist der Meinung, dass Kenntnisse über den Aktienmarkt zwar notwendig sind, aber sie bei weitem nicht so umfangreich sein müssen, wie es viele Menschen denken. Denn als Einsteiger eigneten sich besonders Fondssparpläne oder sogenannte ETFs. Diese sind breit gestreut und werden über einen langen Zeitraum angelegt, sodass das Risiko geringer ist. "Viele wissen nicht, dass man nicht vieles wissen muss", argumentiert der Wissenschaftler. "Man denkt, man muss ein großer Experte sein, um in den Aktienmarkt zu investieren. Es geht aber viel einfacher."

Zu viele Produkte? Zu unübersichtlich?

Christine Laudenbach

Christine Laudenbach. | Bildquelle: Arero

"Es gibt so viele Produkte, dass man als Anfänger da ein bisschen überfordert ist", sagt Christine Laudenbach von der Frankfurter Goethe-Universität, Mitautorin der Studie. Und die Abkürzung "ETF" erschließt für Börsenlaien nicht sofort, was sich dahinter verbirgt. 72 Prozent derer, die keine Aktien besitzen, wissen nicht, was ein ETF ist.

Um die Aktienteilnahmequote in Deutschland zu erhöhen, müsse das Finanzwissen erhöht und das Risikoverständnis der Menschen geschult, aber auch Komplexität reduziert werden. Das könnte beispielsweise so aussehen, dass Verbraucher für ihre Altersvorsorge zwischen fünf Fonds wählen können. Denn: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Verbraucher für einen von fünf anstelle für einen von hunderten entscheide, sei deutlich höher, skizziert Laudenbach.

Risikoverständnis muss geschult werden

Ein weiterer Grund für die mangelnde Teilnahme am Aktienmarkt ist laut den Autoren das Risikoverständnis vieler Deutscher. So wussten nur 41 Prozent der Nicht-Aktienbesitzer, dass dass Risiko bei Aktienfonds deutlich geringer ist als bei Einzelaktien.

Wichtig sei, wie potenzielle Aktionäre das Risiko einschätzen und wie sie mit dem Risiko umgehen. Deutsche sind sehr risikoscheu, das zu verändern sei allerdings kaum möglich, macht Mitautor Sebastian Ebert deutlich. "Eine gezielte Aufklärung über die tatsächlichen Risiken und Chancen einer Anlage in Aktien wäre sicher hilfreich", erklärt Michael Grote.

Frankfurt School of Finance and Management

Frankfurt School of Finance and Management. | Bildquelle: Frankfurt School of Finance and Management

"Niemand sollte ein Risiko eingehen, das er oder sie nicht eingehen möchte, das ein ungutes Gefühl verursacht oder gar für schlaflose Nächte sorgt", schreiben die von der Deutschen Börse mit der Spurensuche zum "Rätsel der Aktienmarktteilnahme in Deutschland" beauftragten Wissenschaftler. "Doch vielleicht lohnt es sich darüber nachzudenken, ob das Risiko, das mit dem Aktienmarkt verbunden wird, ein überschätztes Risiko ist."

Denn: Das Deutsche Aktieninstitut rechnet im "Dax-Renditedreieck" vor, dass sich langfristiges Sparen in Aktien in den vergangenen 50 Jahren in der Regel ausgezahlt hat. Selbst, wer im Jahr der Finanzkrise 2008 eingestiegen ist, und die Aktien bis Ende 2018 hielt, erzielte in den zehn Jahren demnach im Schnitt 8,2 Prozent Rendite pro Jahr.