Stefan Wolff

27.08.2018 Riskante Wetten

von von Stefan Wolff

Stand: 31.10.2018, 09:37 Uhr

Unerfahrene Anleger sollten unbedingt die Finger von Zinswetten und anderen Konstrukten lassen. Politiker gehören eindeutig zu diesem Klientel.

Stellen Sie sich vor, Ihr Bankberater würde zu Ihnen sagen: “Lass uns zur Rennbahn gehen und alles auf ,Sausewind’ setzen.” Was würden Sie machen? Wenn Sie auch nur einen Funken Verstand haben, würden Sie den Berater vom Hof jagen und die Bank wechseln. Oder Sie sind die hessische Landesregierung. Dann würden Sie einwilligen.

Hessen hat seinen Schuldendienst zu einem Großteil mit Zinsderivaten gestemmt und diese Praxis Ende 2010 massiv ausgedehnt. Mit diesen Papieren hat sich das Land gegen deutlich steigende Zinsen absichern wollen. Wie alle wissen, kam es anders. Die Zinsen sind nach zwei Anhebungen der EZB im Jahr 2011 auf “Null” gestellt worden. Dort verharren sie bis heute.

Was am Ende bei diesem Wettgeschäft herausspringt, wird sich erst am Ende der letzten Laufzeit herausstellen. Schon jetzt aber – so haben es die Kollegen der “Welt” ausgerechnet – hat das Bundesland auf diese Art und Weise 375 Millionen Euro versenkt.

Derivate sind Finanzwetten. Wetten haben den ungeheuren Vorteil, dass man sie gewinnen kann. Dafür muss es aber auf der anderen Seite auch einen Verlierer geben. Das ist der Nachteil. In der Finanzwelt haben Derivate eine berechtigte Funktion. In Fonds können sie der Absicherung vor Verlusten dienen. Der Preis für das geringere Risiko ist dann eine kleinere Gewinnchance.

Auch Kämmerern und Finanzministern ist es gestattet, sich solcher Finanzinstrumente zu bedienen. Entsprechend fällt auch die Verteidigung aus. Man handle nicht anders als ein Häuslebauer, der sich niedrige Zinsen sichere, hieß es. Das stimmt nur zum Teil. Wer sich für die Finanzierung seiner Immobilie ein Forward-Darlehen sichert, riskiert sein eigenes Geld. Im Falle des Landes Hessen handelt es sich um fremdes Geld, um Steuergeld.

Das kann alles gründlich schiefgehen. Und ist auch schon schiefgegangen. Im Jahr 2003 hat sich der hessische Rheingau-Taunus-Kreis von seinen Yen-Geschäften getrennt. Der Kreis hatte sich in Japan verschuldet, um von den niedrigen Zinsen zu profitieren. Auf diese Weise sparte der Kreis seit 1994 knapp 17 Millionen Euro. Zwischenzeitlich hatten allerdings gut 27 Millionen Euro Verlust in den Büchern gestanden.

Weil man so schön mit einem blauen Auge davon gekommen war, setzte der Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises im  Jahr 2015 mit Spekulationen auf den Schweizer Franken 70 Millionen Euro in den Sand. Kein Einzelfall. Die hochverschuldete Stadt Essen verspekulierte sich mit Schweizer Franken, das chronisch klamme Hagen verlor mit Derivaten 50 Millionen Euro.

Wer eine Wette eingeht, hält sich immer für schlauer als der andere. Nur ist er das oft genug nicht. Das ist am Stammtisch genauso wie an der Börse. Aus diesem Grund sollten unerfahrene Anleger unbedingt die Finger von Zinswetten und anderen Konstrukten lassen. Politiker gehören eindeutig zu dieser Klientel. Das ihnen anvertraute Geld, beziehungsweise die Schulden sollten ultrakonservativ finanziert werden.

Die Hessen werden übrigens erst in 40 Jahren erfahren, ob sie für die damalige Fehleinschätzung zahlen müssen oder vielleicht sogar als Gewinner dastehen. Leider können sie sich dann nicht mehr bedanken.