Stefan Wolff

Kommentar Können vor Lachen!

von Stefan Wolff

Stand: 07.06.2019, 15:08 Uhr

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird auch im kommenden Jahr die Zinsen nicht anheben. Dieser Schritt kann nicht wirklich überraschen, meint Stefan Wolff.

Auch wenn EZB-Chef Mario Draghi vor allem die wachsenden internationalen Unsicherheiten ins Feld geführt hat, also den Brexit und die vielen schwelenden Handelskonflikte, so sind den Währungshütern vor allem die Hände gebunden, weil Europas Banken die Folgen der Finanzkrise noch nicht verdaut haben.

Der Haushaltsstreit hat diese Situation noch verschärft. Mögliche Abschreibungen auf italienische Anleihen würden zwar vor allem italienische Banken belasten. Doch deren Arm reicht weit. Die HypoVereinsbank ist eine Tochter der UniCredit.

Auch sonst präsentieren sich Finanzunternehmen immer noch wackelig. Steigende Zinsen würden ihnen das Leben schwer machen. Immobilienunternehmen profitieren stark vom niedrigen Zins. Auch in Deutschland. Es ist also nicht so, dass die EZB die Zinsen nicht anheben will. Sie kann es nicht.

Weidmann ist aus dem Rennen

Von dieser Grundannahme ausgehend, ist Jens Weidmann aus dem Rennen. Wenn die EZB die Zügel nicht anziehen kann, kann der Bundesbank-Chef nicht die Geschicke der EZB leiten. Weidmann gehörte stets zu den internen Kritikern einer expansiven Geldpolitik und den Befürwortern einer Zinswende. Auch wenn Weidmann zuletzt sanftere Töne anschlug und unter Verweis auf die Preisstabilität den Kurs der EZB verteidigte, so wird er in der Finanzwelt als Hardliner, als “Falke” wahrgenommen.

Mario Draghi wird mit dem Zitat in Erinnerung bleiben, “alles” zu unternehmen, um den Euro zu bewahren. Kann ein Nachfolger etwas anderes sagen, ohne Panik auszulösen?

Die Lage gestaltet sich kompliziert. In den USA und damit an den Finanzmärkten weltweit werden wieder Zinssenkungsfantasien lauter. Im Umfeld einer sich abschwächenden Wirtschaft wächst der Wunsch, den Aufschwung so lange wie möglich am Leben zu halten. Eine großzügige Geldpolitik macht das möglich.

Zinsen bleiben noch sehr lange sehr niedrig

Auch in Deutschland wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Das zeigen die desaströsen Aprildaten mit deutlichen Rücksetzern bei der Industrieproduktion und beim Export. Der Rückgang bei den Einzelhandelsumsätzen zeigt zudem, dass die Binnenwirtschaft ebenfalls einen Knacks erleiden könnte. Dagegen spricht der brummende Bau. Doch auch der ist auf niedrige Zinsen angewiesen.

Es bleibt dabei: Der Welt werden niedrige Zinsen auf sehr lange Sicht erhalten bleiben. Nicht nur bis Ende 2020. Wer das akzeptiert, kann sich drauf einrichten.