Stefan Wolff

Kommentar Geplatzte Träume

von Stefan Wolff

Stand: 10.05.2019, 17:43 Uhr

Dieser Tage platzen Fusionsvorhaben in Serie, konstatiert Stefan Wolff. Dabei liegt jeder Fall anders. Bei Thyssenkrupp muss man das Kursfeuerwerk von Freitag mit Vorsicht genießen.

Die Deutsche und die Commerzbank, Thyssen und Tata, Siemens und Alstom - momentan platzen Fusionsvorhaben in Serie. Während beim diskutierten Bankenzusammenschluss die Beteiligten (völlig zu Recht) nicht wirklich einen Sinn in dem politisch motivierten Planspiel sahen, so ist es bei den Letztgenannten zweimal die EU-Kommission, die den Fusionskandidaten einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Es würde der EU gut zu Gesicht stehen, in Wirtschaftsfragen über den europäischen Tellerrand zu blicken. Denn Eisenbahn- und Stahlgeschäft sind von weltweiter Relevanz; die Konkurrenz sitzt in Asien und anderswo und damit außerhalb des Brüsseler Einflussgebiets. Ungeachtet dessen bleibt die Frage, ob denn die Fusionsvorhaben sinnvoll gewesen wären.

Während man diese Frage in Sachen Siemens-Alstom fast uneingeschränkt mit “ja” beantworten kann, fällt die Antwort bei Thyssen-Tata nicht ganz so leicht. Größe ist - klar - gerade in der Schwerindustrie ein Faktor. Die Stahlsparte von Thyssen wäre mit Tata zum zweitgrößten Stahlhersteller hinter ArcelorMittal aufgestiegen.

Jetzt muss sich Thyssen allein dem immer härter werdenden Wettbewerb stellen, das übrigens nicht nur wegen der  EU-Wettbewerbshüter: Seit Thyssen im September 2017 bekanntgegeben hatte, seine Stahlsparte mit Tata Steel zu verschmelzen, hat sich der Börsenwert von Thyssenkrupp fast halbiert. Die für eine Fusion maßgebliche Währung “Aktienpreis” ist zu weich geworden.

Der Kurssturz zeigt aber auch, wie zwiespältig der angestrebte Zusammenschluss gesehen wurde. Allerdings sieht die Zukunft nun auch nicht klarer aus. Thyssenkrupp muss sich neu erfinden. Der Teilverkauf der Aufzugsparte über einen Börsengang ist dabei nur ein erster Schritt. So wie die Thyssen-Führung es darstellt, scheint alles möglich zu sein. Partner sind nun für alle Bereiche denkbar.

Der neue Thyssen-Konzern wird schlanker daherkommen müssen. Ein erster Job-Abbau wurde bereits angekündigt. 6.000 Stellen werden gestrichen, davon 4.000 in Deutschland. Weitere solche Schritte werden folgen. Die Gewerkschaften hatten dem Management im Zuge der Fusionsverhandlungen umfassende Arbeitsplatz- und Standortgarantien abgetrotzt. Die sind jetzt obsolet.

Der Aktienkurs feiert die Absage an die Fusion. Das Feuerwerk könnte sich aber bald als Strohfeuer erweisen, falls der Konzern das Ruder nicht rumreißen kann. Die Geschäfte laufen eigenem Bekunden nach schlecht, das erste Halbjahr, das für Thyssen im März endete, verlief schwach. Man sei immer noch ein starker Industriekonzern, hieß es auf der eilig anberaumten Pressekonferenz. Das klingt fast schon trotzig.