Christian Sewing als Paketbote

09.04.2018 Der neue Jägermeister

von von Stefan Wolff

Stand: 31.10.2018, 10:37 Uhr

Christian Sewing beginnt seinen Job als Deutsche-Bank-Chef mit Kratzern im Lack: Er kann nicht für sich beanspruchen, als erster gefragt worden zu sein. Jetzt muss er aber erstmal tüchtig die Ärmel hochkrempeln.

Chefwechsel bei der Deutschen Bank, doch von einer Überraschung kann man wohl kaum sprechen. Schließlich pfiffen es seit Wochen die Spatzen von den Dächern, dass der Stuhl von Deutsche Bank-Chef Cryan wackelt. Jetzt kam der Schritt schneller als gedacht und heftiger als gedacht. John Cryan musste den Stab unmittelbar an Christian Sewing abgeben.

Vorausgegangen war diesem Schritt ein unwürdiges Gezerre. Seit Wochen befinden sich Aktien der Deutschen Bank auf Talfahrt. Allein seit Jahresbeginn verloren die Papiere fast 30 Prozent und fielen zwischenzeitlich sogar auf das Niveau des Krisenjahres 2016, als an den Finanzmärkten spekuliert wurde, die Deutsche Bank müsse vom Staat gerettet werden.

Flankiert wurde die Talfahrt von einem höher als erwarteten Verlust für das Geschäftsjahr 2017 und eben den Gerüchten um die Ablösung Cryans. Während sich der Chef selbst mit hochgekrempelten Ärmeln zeigte, bereit die Bank (wie vereinbart) bis mindestens 2020 zu führen, konnten sich die berühmten “gut informierten Kreise” nicht einmal ein halbherziges Dementi abringen. Ganz im Gegenteil sah man Aufsichtsratschef Achleitner weltweit beim Klinkenputzen. So funktioniert Demontage. 

Und Selbstdemontage. Denn den Posten des Chefs des größten deutschen Geldhauses wollte niemand haben, zumindest nicht aus der Geldelite dieser Welt. Ein paar Kratzer im Lack hat dann auch gleich Christian Sewing. Er kann nicht für sich beanspruchen, als erster gefragt worden zu sein.

Jetzt also stehen die Zeichen auf Neuanfang. Mal wieder und doch so deutlich wie seit Jahren nicht mehr. Mit Christian Sewing rückt der Chef des Privatkundengeschäfts an die Spitze des Geldhauses. Da spricht vieles dafür, dass sich die Deutsche Bank anders ausrichten wird als bisher. Sewing spricht von einer Rückkehr der Jägermentalität. Auf was der neue oberste Jägermeister der Deutschen Bank ansitzen will, ist noch nicht klar. Klar scheint nur: Die Deutsche Bank wird ihren Schrumpfkurs fortsetzen werden. Der Wandel zu was auch immer wird weitere Arbeitsplätze kosten.

Sewings Vorgänger agierten allesamt eher glücklos. Der Schweizer Josef Ackermann war angetreten, die Bank auf Internationalität und Rendite zu trimmen. Das hat nicht geklappt. Von den einst ausgegebenen Zielen (25 Prozent Eigenkapitalrendite) ist die Deutsche Bank weit entfernt, gehört im europäischen Vergleich zu den unprofitabelsten Häusern.

Dass sich solche Renditen mit sauberen Mitteln wohl kaum erwirtschaften lassen, mussten Ackermanns Nachfolger Anshu Jain und Jürgen Fitschen ausbaden. Das Führungsduo hatte sich den Kulturwandel auf die Fahnen geschrieben. Doch während der Amtszeit der beiden kam die Deutsche Bank nicht aus den Negativschlagzeilen heraus.

Auch John Cryan hat sich in den vergangenen Jahren eher nicht mit Ruhm bekleckert. Er sollte vor allen Dingen die hohen Kosten der Deutschen Bank senken. Drei Jahre in Folge gelang es ihm nicht, sein Haus aus den roten Zahlen zu führen. Im vierten Quartal 2017 lag die Cost-Income-Ratio bei 121 Prozent. Das heißt: Für jeden Euro, den die deutsche Bank verdiente, gab sie 1,21 Euro aus. Dabei wurden jene, die die roten Zahlen mit schrieben, zuletzt mit großzügigen Boni gepampert, weil man diese Leistungsträger nicht an die ausländische Konkurrenz verlieren wolle. Eine solche Einschätzung ließ nicht nur Aktionäre ratlos zurück.

Sewing muss nun das Vertrauen der Investoren und der Kunden gewinnen. Viel Zeit hat er nicht und angesichts einer desolaten Ertragslage, jeder Menge nach wie vor ungeklärter Rechtstreitigkeiten und eines atomisierten Aktienkurses dürfte das auch keine leichte Aufgabe werden. Irgendwann wird sich auch Aufsichtsratschef Paul Achleitner die Frage nach seiner Rolle gefallen lassen müssen. Er amtiert seit dem Weggang Ackermanns, hat also das ganze Elend miterlebt und beaufsichtigt, wie die Deutsche Bank zu einem Schatten ihrer selbst wurde. Alte Fußball-Regel: Es bringt nichts, immer nur den Trainer zu feuern.