Lädierte türkische Flagge

14.08.2018 Der Bosporus ist nah

von von Stefan Wolff

Stand: 31.10.2018, 10:10 Uhr

Die aufziehende Finanz- und Wirtschaftskrise in der Türkei wird an den Aktienmärkten wie ein regionales Phänomen abgehandelt. Das ist kurzsichtig. Politisch wie wirtschaftlich haben die bestehenden Probleme das Potenzial, eine erneute Finanzkrise auszulösen.

Wenn die schwindsüchtige türkische Lira den Euro auf ein Jahrestief zieht, dann kann die Warnung wohl kaum deutlicher ausfallen. Die Verknüpfungen zwischen dem Bosporus und dem Euroraum sind einfach zu eng. Da sind zum einen die Banken. Spanische, französische, italienische und niederländische Banken sind im türkischen Finanzsektor aktiv.

Die spanische BBVA besitzt die Hälfte aller Anteile an der Garantie Bankas. Die italienische Unicredit hält 40 Prozent an der an Yapi Kredi. Sollte die Unicredit Probleme bekommen, sind Probleme bei der deutschen Tochter nicht weit, immerhin die drittgrößte Privatbank hierzulande.

Hinzu kommen die Auslandskredite türkischer Firmen, die sich Angaben zufolge auf 330 Milliarden Dollar summieren. Hier sind spanische Banken am stärksten involviert. Wenn die heimische Währung fällt, werden auf Dollar und Euro laufende Kredite horrend teuer. Für türkische Unternehmen ist der Schuldendienst um 40 Prozent teurer geworden – allein im laufenden Jahr. Da sind Zahlungsschwierigkeiten nicht ganz ausgeschlossen.

Türkeis Präsident Erdogan hat zwar Unternehmenspleiten verboten, doch dürfte auch das im Notfall nicht helfen. Auf den ersten Blick sieht es für die türkische Wirtschaft rosig aus. Sie ist im 1. Quartal um 7,4 Prozent gewachsen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 9,6 Prozent. Die Türkei ist mit 30 Prozent des BIP verschuldet. Das ist mit Blick auf Italien oder Griechenland (aber auch Deutschland) lächerlich. 

Sorge bereitet die Inflationsrate, die mit fast 16 Prozent exorbitant hoch ausfällt. Gepaart mit den hohen Auslandsschulden birgt die Teuerungsrate Sprengstoff.  Und: Der Aufschwung ist in weiten Teilen erkauft. Die Verschuldung privater Haushalte ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die gesenkte Mineralölsteuer fällt angesichts der Teuerungsrate kaum ins Gewicht.

Auch politisch ist eine Lösung schwer vorstellbar. Der Streit zwischen den USA und der Türkei dürfte weiter eskalieren. Aufgehängt an einem inhaftierten Pfarrer aus den USA geht der Konflikt tiefer. Die Türkei mag der freundlichen Einladung der USA, auf den Sanktionskurs gegen Iran und Russland einzuschwenken, nicht folgen. Zu wichtig sind die wirtschaftlichen Beziehungen, zu sehr werden Öl und Gas aus den Regionen benötigt.

Vergangene Woche hat US-Präsident Trump die Zölle auf türkischen Stahl und Aluminium verdoppelt. Die Eskalationsspirale dreht weiter. Die Türkei will Elektronik aus den USA boykottieren. Fortsetzung folgt.

Wie groß die Ansteckungsgefahren sind, zeigt der Blick auf die Devisenmärkte. Währungen anderer Schwellenländer, wie der südafrikanische Rand, knicken ein. Ausländische Unternehmen betrachten das Geschehen vom Spielfeldrand aus. Sollte die Lage weiter eskalieren, werden sie handeln.  Der Mutterkonzern von Mediamarkt und Saturn, Ceconomy, stellt seine Wachstumspläne am Bosporus auf den Prüfstand. Das dürfte kein Einzelfall sein.

Die Türkei müsste die Zinsen drastisch erhöhen, um dem Währungsverfall Einhalt zu gebieten. Doch die Macht der Notenbank ist eingeschränkt. Erdogan hält nicht viel von unabhängiger Geldpolitik. Immerhin hat die Notenbank angekündigt, Banken mit Liquidität zu versorgen und gegebenenfalls die Lira zu stützen. Bislang mit mäßigem Erfolg.

Eine andere Maßnahme wären Kapitalausfuhrkontrollen. Eine Zwangsmaßnahme, die sich nahtlos in andere Maßnahmen einfügen würde, die aber das Vertrauen der Investoren eher nicht erweckt. Letzteres ist ohnehin angeknackst. Ausländische Firmen brauchen wieder Rechts- und Planungssicherheit.

Ratingagenturen bezeichnen die bisher getroffenen Schritte als unzureichend. Ein weiterer Verfall der Währung würde eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit nach sich ziehen. Das verteuert den Schuldendienst und verschärft die Probleme. Auch das ist eine Blaupause für andere Länder.

Wer nun glaubt, dass die Sorgen übertrieben sind und dass die Banken schon transparent mit ihren Risiken umgehen, hat in den vergangenen 15 Jahren einen sehr tiefen Schlaf gehabt.