Stefan Wolff

Kommentar Spar-tanische Verhältnisse

von Stefan Wolff

Stand: 30.10.2019, 14:22 Uhr

Weltspartag! Welch ein Euphemismus. Vorbei die Zeiten, als Kinder in Scharen ihre Sparschweine vom freundlichen "Bankbeamten" schlachten ließen, um dann mit einem Werbegeschenk und einem Sparbuch ausgestattet fröhlich von dannen zu ziehen...

Schließlich konnten sie von nun an von den Zinsen leben. Jetzt herrschen Null- und Strafzinsen.

Auch in der jetzt zinslosen Zeit fällt der Blick in die Vergangenheit schöngefärbt aus. Zeiten, in denen die Inflationsrate das Zinsniveau übertraf, hat es immer wieder gegeben. Auch in Hochzinsphasen. Dann herrschte eben auch eine sehr hohe Teuerung. Sehr viel ernüchternder allerdings ist der Blick auf den Ist-Zustand. Die EZB hat ihren lockeren Kurs auf Monate, wenn nicht Jahre zementiert. Immer mehr Banken und Sparkassen verhängen Strafzinsen oder heben die Gebühren kräftig an.

Trotzdem fallen die Erwartungen reichlich überhöht aus. Ein Großteil deutscher Sparer glaubt an eine Verzinsung seines Groschens von vier Prozent (Studie Postbank). Dabei kratzen Zinsprodukte eher selten an der Ein-Prozent-Marke. Hinzu kommt die aktuelle Rentendiskussion. Die wenigsten Arbeitnehmer dürften die Aussicht für reizvoll halten, bis zur Vollendung des 69. Lebensjahres zu arbeiten. Ein vorgezogener Ruhestand wird aber teurer werden, sprich: Die Lücke zwischen benötigtem und tatsächlichen Ruhegeld wird wachsen. Denn in Deutschland gehen die Menschen eher früher als später in Rente.

Damit schnappt die Demographie-Falle gleich zweimal zu. Denn jetzt kommen die geburtenschwachen Jahrgänge und die Babyboomer gehen in Rente. In den kommenden Jahren müssen immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner ernähren. Die staatlichen Zuschüsse in die Rentenkasse werden wohl nur mit höheren Steuern erkauft werden können.

Der Blick nach Japan kann angesichts dieser Entwicklung durchaus lehrreich sein. Eine alternde Gesellschaft trifft dort auf eine stagnierende Wirtschaft und die völlige Abwesenheit von Inflation. Die Bank of Japan hat ihren Instrumentenkasten komplett ausgereizt, ohne einen Erfolg zu erzielen.

Ähnliche Szenarien deuten sich auch in Europa an. Eine alternde Gesellschaft konsumiert weniger. Unternehmen, die sich keine Märkte im Ausland erschließen können, werden weniger einnehmen und entsprechend ihre Investitionen zurückfahren. Eine sich abschwächende Wirtschaft führt auch zu flacheren Wachstumskurven an den Aktienmärkten.

Und der Sparer? Der soll noch mehr sparen, so lautet die allgemeine Forderung, die Menschen müssten mehr zurücklegen. Gefragt ist ein spar-tanischer Lebensstil; bescheiden im Hier und Jetzt, um dann bescheiden die Rente fristen zu können. Doch das nutzt wenig. Wer anstelle von 100 Euro 150 Euro zurücklegt, hat zwar 50 Euro mehr, bekommt aber deswegen nicht mehr Zinsen. Außerdem hat das mögliche Sparvolumen natürliche Grenzen, die von steigenden Lebenshaltungskosten bestimmt werden.

Die Deutschen müssen nicht mehr, sondern anders sparen. Es ist höchste Zeit für ein ein wenig mehr Risiko. Dazu braucht es mehr als einen Weltspartag. Für eine umfassende Finanzbildung könnte er aber den Grundstein setzen.