Stefan Wolff

Kommentar Neuer Rekord, alte Probleme

von Stefan Wolff

Stand: 23.01.2020, 17:05 Uhr

Ein kurzer Schub - und schon war er da, der neue Rekordstand für den Deutschen Aktienindex (Dax). Allerdings ging es danach erst einmal bergab. Diese Entwicklung dürfte symptomatisch für dieses Börsenjahr werden.

Am Ende bereiteten die Rally an der Wall Street und recht gute Konjunkturdaten aus China den Boden für den neuen Dax-Rekord. Doch Partystimmung kommt an der Börse nicht auf. Immer noch plagen alte Probleme die Börse. Und es kommen neue hinzu. So lässt sich noch nicht seriös abschätzen, welche Wirkung das Corona-Virus in China entfalten wird.

Zwar ziehen viele Gesundheitsexperten nicht viele Parallelen zur Sars-Epidemie, die vor 17 Jahren hunderte Todesopfer forderte und der Weltwirtschaft eine erhebliche Delle zufügte, doch die von China verhängte Quarantäne hat die Börse aufhorchen lassen. Es drohen empfindliche Beeinträchtigungen für den Luftverkehr. Tourismus und andere Branchen könnten leiden.

Die Golfregion bleibt derweil ein Pulverfass. Dass der Konflikt zwischen den USA und Iran nicht weiter eskaliert ist, bedeutet keine Garantie dafür, dass nun Ruhe herrscht. Ganz im Gegenteil lauert hier die wahrscheinlich größte Gefahr für die Börsen und die Weltwirtschaft. In Zeiten einer sich abkühlenden Konjunktur wirken steigende Ölpreise doppelt belastend.

So gern die Welt das ölfreie Zeitalter einläuten möchte - es ist noch lange nicht so weit. Die Straße von Hormus als Lebensader des Öltransports bleibt daher unter Beobachtung. An der Börse ist man da schon weiter. Tesla ist jetzt wertvoller als VW. Der E-Auto-Hersteller wurde vergangenen Mittwoch mit umgerechnet 90 Milliarden Euro an der Börse bewertet. VW brachte es da “nur” auf 86 Milliarden Euro.

Schnell sind jene zur Stelle, die VW schon abschreiben wollen. Dagegen hilft ein gutes Gedächtnis. Der Münchner Rechtehändler EMTV war auch mal teurer als der Disney-Konzern. Kennt den noch jemand? Bei Google kommt als erste Antwort auf die Anfrage “EMTV” die Seite des Elmshorner Männer-Turnvereins von 1860.

Um nicht ganz in Vergessenheit zu geraten, müssen die klassischen Autohersteller die “Abgasproblematik” (so nennt man bei VW den Dieselbetrug) hinter sich lassen. Wie weit sie davon entfernt sind, zeigen dieser Tage Daimler mit höheren Rücklagen und VW mit einer weiteren, beileibe nicht letzten Etappe, der Geldstrafe in Kanada.

Und sollte die “Abgasproblematik” mal in Vergessenheit geraten, gibt es immer noch die “Zollproblematik”. Nach der Teileinigung mit China, geht US-Präsident Trump erneut auf EU-Autokonzerne los. Handelsstreitigkeiten bleiben also der Börse erhalten. Ebenso der Brexit, wenn es später im Jahr um die Ausgestaltung einer Vereinbarung zwischen EU und Großbritannien gehen wird.

Aus all den Unsicherheiten ragt als Fels in der Brandung die EZB heraus. Sie wird die Zinsen weiter niedrig halten und so für ein grundsätzlich positives Börsenumfeld sorgen. Auch das kann Nährboden für weitere Rekorde sein.