Stefan Wolff

Kommentar Mit dem Auto geht’s ums Ganze

von Stefan Wolff

Stand: 16.08.2019, 17:07 Uhr

Von einer drohenden Rezession mag Stefan Wolff nicht sprechen, wohl aber von einer handfesten Krise. In deren Mittelpunkt stehen Deutschlands Autobauer, die eine Quadratur des Kreises meistern müssen.

Die Tage der Hochkonjunktur scheinen in Deutschland gezählt. Das ist insoweit keine Überraschung, als dass sämtliche Indikatoren seit geraumer Zeit darauf hingedeutet haben. Ifo-Index und das Konjunkturbarometer des ZEW waren abgerutscht; zuletzt trübte sich sogar das lange unkaputtbar scheinende Konsumklima ein. Auftragseingänge und Produktion in der Industrie wurden mauer und mauer.

Doch inzwischen hat sich die Lage deutlicher eingetrübt als befürchtet. Im vergangenen Quartal ist die deutsche Wirtschaft geschrumpft. Experten hatten mit einer Stagnation gerechnet. Vor allem der Außenhandel schwächelt, was allerdings auch keine Überraschung ist, denn das Zollgeplänkel zwischen den USA und China kostet Nerven, Vertrauen und letztendlich viel Geld. Eine Konjunkturbremse.

Die Bremse wirkt. Im zweiten Quartal dieses Jahres sind die Gewinne der 30 Dax-Konzerne im Schnitt um fast ein Drittel eingebrochen. Generell lief die zurückliegende Bilanzsaison eher durchwachsen. Dabei ließen vor allem die Autozulieferer Federn. Rote Zahlen bei ElringKlinger, Probleme, ein überraschender Chefwechsel und ein Kurs-Desaster bei der SGL Group, und ein Gewinneinbruch bei ZF Friedrichshafen sind einige der Beispiele.

Auch klassische Industrieunternehmen geraten in den Sog der schwächelnden Automobilnachfrage, wie der Kunststoffspezialist Covestro oder Henkel, Hersteller von Klebstoffen für die Autoindustrie. Da ist es nicht mehr als ein kleiner Ausreißer, dass VW mit einer ordentlichen Gewinnsteigerung im zweiten Quartal glänzen konnte. Die Gewinne der Wolfsburger können nicht darüber hinwegtäuschen: Der deutschen Industrie droht eine handfeste Krise.

Schon macht das böse R-Wort die Runde. Doch auch wenn mit der Rezessionsangst gern an der Börse gespielt (und spekuliert) wird, so ist die Wirtschaft davon weit entfernt. Zu stark sind noch Konsum und die Investitionen aus öffentlicher Hand. Die große Abhängigkeit vom Auto könnte sich jedoch rächen. Wenn die großen Konzerne die Wende nicht hinbekommen, werden viele Unternehmen über die Klinge springen.

Dabei steht die Branche vor einem Dilemma. Der Verbraucher fordert eindeutig einen Verbrennungsmotor, viel PS und viel Stahl und Aluminium drumherum. Die Politik will E-Autos und saubere Stadtluft. Beides gleichzeitig ist schwer machbar, doch der Spagat muss gemacht werden. Es wird am Ende dieses Prozesses nicht die eine Lösung geben. Der Stadtverkehr wird mit Car-Sharing-Modellen und E-Mobilität laufen. Busse bekommen einen Wasserstoff-Motor. Für die Langstrecke und den Schwertransport werden sich Wasserstoff und (verbrauchsärmere) Verbrenner durchsetzen.

Unterm Strich bedeutet das für die Hersteller ein Maximum an Flexibilität. Die drückt auf die Gewinnmargen. Sollten sich die deutschen Hersteller nicht gegen die wachsende Konkurrenz durchsetzen, droht der gesamten deutschen Wirtschaft eine Flaute.