Stefan Wolff

Kommentar Inflation? Wohl eher nicht!

von Stefan Wolff

Stand: 21.04.2020, 15:50 Uhr

"Markt" bedeutet auch, den Dingen einen Wert zu geben. Spargel ist am Beginn der Saison teurer als zur Hoch-Zeit, wenn das Angebot größer ist. Und wenn eine Ware gar nicht benötigt wird, lässt sie sich zu keinem Preis der Welt verkaufen.

Beim US-amerikanischen WTI-Öl (West Texas Intermediate) konnte man diese allgemeingültigen Marktmechanismen schön beobachten. Die Lager sind knallvoll, weil immer noch viel mehr Öl produziert als verbraucht wird. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass die Nachfrage gegenüber dem Vorjahresmonat um 29 Millionen Barrel einbrechen wird. Deshalb benötigen Ölhändler kein oder wenig frisches Öl. So liefen Spekulationen auf einen Kontrakt ins Leere - mit der kuriosen Folge, dass auf diesen Kontrakt gehandeltes Öl auf einmal einen negativen Preis auswies.

Finanzmärkte nicht wie beim Bäcker!

An negative Zinsen haben wir uns ja schon fast gewöhnt. Aber negative Preise? Kein Bäcker wird auf jedes Brötchen 20 Cent drauflegen. Wenn er merkt, dass seine Ware nicht ankommt, wird er irgendwann zähneknirschend seinen Laden zusperren und sich ein anderes Betätigungsfeld suchen. An den Finanzmärkten verhält sich das anders.

In Krisen gibt es stets bizarre Übertreibungen. Nach dem Kollaps des Neuen Markts (der vor 20 Jahren seinen Anfang nahm), konnten Aktien auf einmal zu Preisen unter einem Cent gehandelt werden. Im Auge der Finanzkrise, kam nach mehreren Bankenpleiten das Verleihgeschäft der Banken untereinander für einen kurzen Moment komplett zum Erliegen. Nach dem Zusammenbruch der Hypo Real Estate gab es einen Pfandbrief, der kurzzeitig eine Verzinsung von mehr als 25 Prozent aufwies. 

Warum ein Ölpreis auch negativ werden kann

Ein negativer Ölpreis ist ebenso spekulationsgetrieben und bizarr. Allerdings bleibt es grundsätzlich bei dem Umstand, dass die Ölpreise in den vergangenen Monaten dramatisch gefallen sind. Während die Crashpropheten gerade wieder das Gespenst der Hyperinflation durchs Dorf jagen (und versuchen, entsprechend Profit aus dieser "Prognose" zu schlagen),  geschieht nun das genaue Gegenteil. Die Ölmärkte erleben einen deflationären Schock.

Dieser dürfte auch weitere Kreise ziehen. Denn die Welt schwimmt nicht nur in zu viel Öl. Auch bei anderen Rohstoffen übersteigt das Angebot bei weitem die Nachfrage. Es gibt zu viele produzierte  Autos und viele weitere Waren und Gütern, die momentan keinen Abnehmer finden. Wer möchte jetzt noch Mode-Frühjahrskollektion kaufen? Mit der Öffnung der Wirtschaft dürfte in vielen Bereichen ein Preiswettkampf eröffnet werden, der nicht selten in  einer Rabattschlacht enden wird. Nicht umsonst rufen die Autohersteller nach einer staatlich geförderten Kaufprämie für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor unter dem Deckmäntelchen, eine bessere CO2-Bilanz anstreben zu wollen.

Das Gespenst der Deflation

Schon in der Finanzkrise hatten viele Beobachter eine rasante Inflation vorhergesagt. Sie ist ausgeblieben, weil das viele Geld der Zentralbanken in einen geschlossenen Kreislauf gepumpt worden war und die folgende Staatsschuldenkrise keinen Boom bei Konsum und Investitionen ausgelöst hatte. Auch dieses Mal wird Inflation nicht das Thema sein. Das Gespenst heißt Deflation. Aber damit lässt sich kein Gold verkaufen.