Stefan Wolff

Kommentar Der Jahrhundert-"Wumms"

von Stefan Wolff

Stand: 30.07.2020, 17:07 Uhr

"Grenzenloses Grauen", "Turborezession", "Historischer Einbruch" - angesichts der aktuellen Konjunkturzahlen aus Deutschland und den USA kennen die Kommentatoren aus der Ökonomen-Szene nur Superlative. Das ist kein Wunder.

In der Geschichte hat es einen solchen Konjunktureinbruch noch nicht gegeben. Die Deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal um über zehn Prozent eingebrochen. In den USA kollabierte das Bruttoinlandsprodukt gar um ein Drittel.

Spätestens jetzt ist klar, dass der Lockdown wie ein Ausknopf für weite Teile der Wirtschaft gewirkt hat. Was Golfkriege, Öl- und Finanzkrise nicht vollbracht haben, ist dem Coronavirus gelungen. Das liegt an der Breite dieser Konjunkturbremse. Produktionen wurden gestoppt, Lieferketten unterbrochen, Läden und Verkaufsräume wurden geschlossen, Büros geräumt.

Das ist ein in der Historie einzigartiger Vorgang, der in Deutschland seit Beginn der Messungen (1970) noch nie vorkam. In den USA haben Volkswirte bis 1875 zurückgeschaut, ohne ein ähnlich einschneidendes Ereignis vorzufinden. Es war am Ende des ersten Quartals klar, dass es noch schlimmer werden musste, bevor es nun besser werden kann. Die Frage ist eben nur, wie lange es dauert.

Unstrittig ist, dass es im Vergleich zum zweiten Quartal im Sommer nur steil aufwärts gehen kann. Danach aber dürfte das viel zitierte "V" an der Seite ausfransen. Das Comeback der Wirtschaft wird dauern und es wird eine holperige Fahrt werden. Zwar profitiert Deutschland sehr vom Kurzarbeitergeld (das es beispielsweise in den USA nicht gibt), doch stottert der Exportmotor bedenklich. Ohne dass es der Weltwirtschaft besser geht, ist nachhaltige Besserung auch hierzulande nicht in Sicht. Und dazu gehören eben auch Kundenländer, wie Frankreich, Italien oder Spanien.

Darüber, wie es weitergeht, entscheiden nun ganz maßgeblich drei Faktoren, die von Volkswirten als die drei "I" bezeichnet werden. Über allem steht natürlich die weitere Entwicklung der Infektionen mit dem Corona-Virus. Eine zweite Welle, ein zweiter Lockdown, würden noch die pessimistischsten Prognosen übertreffen. Die von Urlaubsrückkehrern entzündeten Infektionsherde machen ein solches Szenario durchaus möglich.

Wachstum ist auf Investitionen angewiesen. Nicht nur der Staat - auch Unternehmen müssen wieder Mut fassen und Geld in die Zukunft investieren. Das wird nicht ganz leicht werden. So ist die Autoindustrie in der Krise um die Hälfte geschrumpft. Gleichzeitig muss sie die aktuellen Herausforderungen, den Wandel, meistern. Dritter Faktor sind die Insolvenzen. Beobachter sind sicher, dass hier die wahre zweite Welle auf uns zurollt. So gilt in der Gastronomie jeder vierte Betrieb als bedroht.

Natürlich spielen noch viele weitere Faktoren eine Rolle, wie die von den Regierungen geschnürten Konjunkturpakete, die ja durchaus eine gewisse Wirkung entfalten. So hat sich in Deutschland das Konsumklima schnell wieder aufgehellt. Deutsche Konsumentinnen und Konsumenten planen wieder Anschaffungen. Auch teurere.

Am Ende bleibt in dieser Krise die Fahrt auf Sicht. Erst zum Jahresende werden sich die Nebel ein wenig lichten.