Stefan Wolff

Kommentar Der dekorierte Mario

von Stefan Wolff

Stand: 31.01.2020, 10:16 Uhr

Auf Betreiben des Bundesaußenministers erhält Mario Draghi das Bundesverdienstkreuz. Viele Bürger, Medienvertreter und konservative Politiker sind entsetzt. Doch Draghi hat als EZB-Chef für die Deutschen mehr getan, als ihnen bewusst ist.

„In dem Wunsche, verdienten Männern und Frauen des deutschen Volkes und des Auslandes Anerkennung und Dank sichtbar zum Ausdruck zu bringen”, wurde das Bundesverdienstkreuz in einer noch jungen Bundesrepublik Deutschland aus der Taufe gehoben. Jetzt erhält der ehemalige EZB-Chef Mario Draghi den “Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland”, wie das Kreuz offiziell heißt, und landauf, landab reiben sich die Menschen die Augen.

Vertreter von CDU, CSU und FDP haben die Entscheidung zum Teil scharf kritisiert. Sie glauben nicht, dass sich der Italiener um Deutschland verdient gemacht haben könnte. “Die Politik der Europäischen Zentralbank unter Draghi hat nicht nur deutsche Sparer kontinuierlich enteignet, sondern die Altersvorsorge von Millionen Menschen in Deutschland geschmälert”, wird beispielsweise CDU-Innenexperte Axel Fischer in der Erregungspostille mit den vier Buchstaben zitiert.

Ohnehin ist es wohlfeil, die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank einfach nur doof zu finden. Die Kommentarspalten und Talkshows sind voll davon. Leider bleiben alle Kritiker die Antwort schuldig, welche Geldpolitik die EZB denn in der Finanzkrise hätte fahren sollen. Der Vorwurf, die EZB habe nur in südeuropäischem Interesse gehandelt, trägt jedenfalls nicht sehr weit.

Die Lehman-Pleite in den USA hat gezeigt, dass es nicht unbedingt schlau ist, einen solchen Riesen zu Boden gehen zu lassen. die systemischen Risiken sind einfach zu hoch. Auch der Euroraum stand in den Krisentagen am Rande der finanziellen Kernschmelze. Glauben die Kritiker ernsthaft, Deutschland wäre verschont geblieben, wäre beispielsweise die italienische UniCredit kollabiert, die 2008 immerhin mehr als eine Billion Euro Bilanzsumme in die Waagschale geworfen hat? Wären Domino-Effekte aus Spanien, Portugal und Frankreich am Ufer des Rheins aufgehalten worden? Wohl kaum.

In der Tat hat die EZB unter Mario Draghi entschieden zugepackt. Was man den Währungshütern vorwerfen kann, ist, dass sie sich schwertun damit, zurück in normale Gewässer zu finden. Die Bundesregierung hat von der Niedrigzinspolitik profitiert und macht das immer noch. Eine aktive Enteignung der Sparer hat nicht stattgefunden. Wer Geld anlegt, hat immer die Wahl, wo.  

Am Ende hat Mario Draghi sein Mandat zwar gedehnt, aber erfüllt. Die EZB ist der Preisstabilität verpflichtet. Dass die Teuerung nicht ins Kraut schießt, ist deutlich zu sehen. Ob man einen Orden dafür verdient, wenn man einfach seinen Job macht, steht auf einem anderen Blatt. Draghis Vorgänger Wim Duisenberg und Jean-Claude Trichet sind ebenfalls vom Bundespräsidenten dekoriert worden.