Stefan Wolff

Kommentar Es gibt keinen Impfstoff

von Stefan Wolff

Stand: 12.03.2020, 17:12 Uhr

Drei Wochen reichen aus, um die Kursgewinne von vier Jahren zu atomisieren. Die Ausbreitung des Corona-Virus droht zu einem Kursvernichter vom Kaliber 9/11 oder der Lehman-Pleite zu werden.

Zum Brandbeschleuniger wurden in dieser Woche die dramatisch gefallenen Ölpreise. Der Preiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland ist einer der vielen Schwarzen Schwäne, die derzeit um die Ecke geschwommen kommen.

Für die Notenbanken sind es schwere Zeiten. Ihre kurzfristigen Einflussmöglichkeiten auf die Finanzmärkte sind begrenzt. Zinssenkungen in den USA und in Großbritannien verpufften, das heißt, sie wurden nicht mit Kursgewinnen quittiert. Auch vor der Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) waren die Erwartungen niedrig. Negative Leitzinsen und Finanzspritzen explizit für einige Wirtschaftsbereiche waren im Gespräch.

Nichts davon geschah. Das Anleiheaufkaufprogramm wird ausgeweitet. Außerdem sollen besonders günstige Langfristkredite an Banken den Geldfluss in Richtung kleine und mittelständische Unternehmen weiter fließen lassen. Das sind alles mit Augenmaß getroffene Entscheidungen, die exakt da ansetzen, wo es knirschen könnte. Als Corona-Schutzimpfung für die Märkte sind die Maßnahmen nicht geeignet.

EZB-Chefin Christine Lagarde  hat das “Whatever it takes” von ihrem Vorgänger Mario Draghi nicht wiederholt. Das musste sie in der aktuellen Situation auch gar nicht . Doch die Finanzmärkte verstehen im Panikmodus nur Bazooka. Mit kleineren  Geschützen können sie nichts anfangen.

Dabei liegt der Ball momentan eher bei der Politik. Sie muss das Krisenmanagement in die Hand nehmen und kann mit gezielten fiskalischen Maßnahmen eine Pleitewelle in den Unternehmen verhindern. Gestundete Steuerzahlungen, Kurzarbeitergeld, vereinfachte Genehmigungsprozesse wären solche Gebote der Stunde.

Die Corona-Krise enthält alle Zutaten für eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise. Sie kam plötzlich und unerwartet, breitete sich rasend schnell aus und enthält immens viele bekannte Unbekannte (fehlender Impfstoff) und jede Menge noch unbekannte Unbekannte. Der frühere US-Verteidigungsminister benannte mal solche Phänomene als “known unknowns” und “unknown unknowns”, wobei zweitere verheerender auf die Märkte wirken. 

Corona hat eindrücklich die Grenzen der Globalisierung aufgezeigt und deren Achillesferse. In Zeiten reißender Lieferketten funktioniert das “Just-in-time”-Prinzip nicht mehr. Das Einreiseverbot für Europäer in die USA wurde an der Börse geschockt aufgenommen. Auch in Europa fahren die Grenzzäune hoch. Deutsche und Österreicher dürfen nicht mehr nach Tschechien. Weitere solcher Beschränkungen werden folgen.

Insgesamt scheinen die Auswirkungen moderat zu sein. Für die deutsche Wirtschaft rechnet das Institut für Weltwirtschaft mit einem "harten" Konjunktureinbruch und dabei aber “nur” mit einem, um 0,1 Prozent schrumpfenden BIP in diesem Jahr. Im Jahr der Finanzkrise war die Wirtschaft um fünf  Prozent geschrumpft. Was die Märkte daraus machen, ist schwer zu sagen.