Stefan Wolff

Kommentar Chinas Wilder Westen

von Stefan Wolff

Stand: 11.09.2019, 17:51 Uhr

Hongkongs Vorstoß, die Londoner Börse zu übernehmen, zeigt unter anderem eines, meint Stefan Wolff: Wenn wir uns nicht um Europa kümmern, machen’s andere.

Das Angebot entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Der Handelsplatz der ehemaligen Kronkolonie Hongkong will die Londoner Börse kaufen; 177 Jahre, nachdem sich Großbritannien mit dem Vertrag von Nanking Hongkong unter den Nagel gerissen hat. Es war die Ära der “Ungleichen Verträge”. Heute zieht so etwas wie Wild-West-Stimmung auf.

Natürlich hat das Angebot Hongkongs sehr viel mit dem nahenden Brexit zu tun. Die Wahrscheinlichkeit für einen ungeordneten Ausstieg Großbritanniens ist sehr groß. “Ungeordnet” bedeutet “Chaos”. Mit einem Schlag gelten EU-Regeln auf der Insel nicht mehr. Kein Kartellrecht, keine Finanzmarkt-Regeln, gar nichts. In dieses Vakuum könnte Hongkong stoßen.

Die London Stock Exchange und die Börse Hongkong würden gemeinsam einen der größten Börsenplätze der Welt bilden. Indirekt würde der Finanzplatz London damit unter dem Einfluss Chinas stehen. Chinesische Investoren interessieren sich sehr für Europa. Großbritannien könnte für sie zum Wilden Westen werden. Schließlich hat (nicht nur) die ehemalige Ministerpräsidentin Theresa May angedroht, sie wolle die Insel zu einem Steuerparadies machen, sozusagen die Cayman Islands am Ärmelkanal. 

Das verspricht glänzende Geschäfte. Einerseits. Der Zugriff auf chinesische Wertpapiere lässt die Möglichkeiten, neue Finanzprodukte zu entwickeln, ins Kraut schießen. Andererseits birgt der wachsende Einfluss Chinas auch Risiken. Die Proteste in Hongkong zeigen, dass die zugesagten Freiheiten nicht ewig währen werden. Auf der Insel droht die Demokratie zu erodieren. Damit drohen dem britischen Finanzplatz Probleme, über die auch deutsche Unternehmen berichten, die in China aktiv sind.

Für den Rest Europas sind das keine guten Nachrichten. Zwar dürfte sich der Handel und vor allem die Emission europäischer Anleihen von Großbritannien aufs Festland verlagern; ein großer Konkurrent erwächst dennoch. Bisher ist es nicht gelungen, einen großen europäischen Börsenplatz zu etablieren. Allein die Deutsche Börse ist zigmal mit Fusionsvorhaben gescheitert. Weder mit der Vier-Länder-Börse Euronext noch mit London wollte eine Fusion gelingen. Zuletzt hatte die EU-Kommission einem geplanten Zusammenschluss Frankfurt-London wegen Wettbewerbsbedenken den Stecker gezogen.

Ursula von der Leyen hat als neue EU-Kommissionschefin die Antwort gegeben: “Die Welt braucht mehr Europa.” Chinas Vorstoß, der Brexit und die vielen Handelsstreitigkeiten können Europa aufreiben oder stärken. Das liegt in unserer Hand. Denn wenn wir Europäer uns nicht um Europa kümmern, machen’s andere.