Mann reitet Bullen
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Rekordhausse im S&P 500 Wie lange dauert der Bullenmarkt noch?

von von Notker Blechner

Stand: 05.09.2018, 16:06 Uhr

Sie läuft und läuft und läuft… Seit März 2009 läuft die Aktienhausse an der Wall Street. Es ist der längste Bullenmarkt der Geschichte. Einige Skeptiker warnen vor dem baldigen Ende des Börsenbooms. Wie lange hält der Aufschwung noch?

Wer es beim Rodeo auf einem schnaubenden herumstampfenden Bullen länger als acht Sekunden aushält, ohne abgeworfen zu werden, der wird gefeiert. An der Börse dauert der Ritt auf dem Bullen deutlich länger. Seit nunmehr 3.460 Tagen - also fast zehn Jahre - läuft der Bullenmarkt im S&P 500. Das heißt: Seit dem 9. März 2009 gab es keine Kurskorrektur von mindestens 20 Prozent mehr.

Rekord geknackt

Vor knapp zwei Wochen wurde der neue Rekord aufgestellt. Bis dahin hatte der längste Bullenmarkt der Geschichte vom 11. Oktober 1990 bis zum 24. März 2000 gedauert, bevor die Internet-Blase platzte.

S&P 500 (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 10 Jahre
Kurs
2.636,80
Differenz relativ
+0,16%

Befeuert wurde die längste Hausse aller Zeiten von der Notenbank. Die Fed pumpte seit der Finanzkrise massiv Liquidität in die Märkte - von QE1 bis QE3. Erst seit 2015 dreht die Notenbank allmählich den Geldhahn zu, fährt die Anleihenkäufe zurück und erhöht nach und nach den Leitzins.

Viele fragen sich: Wie lange hält der Bullenmarkt noch? Droht zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise die große Korrektur? Oder gar der Crash? Tatsächlich blinken zunehmend die Alarmsignale.

Tech-Aktien treiben die Hausse

So ist der S&P-500-Aufschwung vor allem einer Branche zu verdanken: der Tech-Industrie. Fast die Hälfte der Kursgewinne (40 Prozent) im S&P kommt in diesem Jahr von den Tech-Aktien. Besonders die "drei A" - Apple, Amazon und Alphabet (Google) - stiegen und zogen den Index mit nach oben.

Apple: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
148,20
Differenz relativ
-0,54%
Amazon: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
1.435,61
Differenz relativ
-1,32%
Alphabet C: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
906,41
Differenz relativ
-1,42%

Hinzu kommt, dass der Börsenaufschwung künstlich angeheizt wird: durch die massiven Aktien-Rückkäufe. Bis zum Jahresende dürften sich die Rückkäufe auf stolze 1,2 Billionen Dollar auftürmen, prophezeit das Analysehaus Bernstein Research.

Aktienstratege Mike Loewengart von E-Trade warnt vor der wachsenden Staatsverschuldung Amerikas und den im November anstehenden Zwischenwahlen. Die Wahlen könnten ein Art Referendum über Präsident Trump sein.  

Zinsstrukturkurve flacht sich ab

Als weiteres Alarmsignal wird die flache Zinsstrukturkurve gesehen. Der Renditeabstand zwischen zweijährigen und zehnjährigen US-Staatsanleihen fiel im August auf das niedrigste Niveau seit 2007. Aktuell liegt der Aufschlag bei nur 0,2 Prozentpunkten. Sollten die langfristigen Renditen unter die kurzfristigen fallen, käme es zur befürchteten inversen Zinsstrukturkurve, die gemeinhin als ein Vorbote einer Rezession gilt.

US-Zinsstruktur-Kurve

US-Zinsstruktur-Kurve. | Bildquelle: Wellenreiter-Invest.de, Grafik: boerse.ARD.de

"Haussen sterben nicht an Altersschwäche, sondern enden in Rezessionen", meint Kurt Spieler, Chefvermögensverwalter der First National Bank of Omaha. Danach sieht es momentan aber nicht aus. Die US-Wirtschaft läuft immer noch rund – dank der Steuersenkungen und der Erhöhung der Staatsausgaben durch Trump. Im zweiten Quartal legte das BIP im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund vier Prozent zu. Einzelne Ökonomen befürchten gar, dass die Wirtschaft überhitzen könnte, was die Fed zu rascheren Zinserhöhungen verleiten würde. Das wäre nicht gut für die Börse.

Kommt 2020 die Rezession?

Die Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle schätzt die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA in den kommenden zwölf Monaten nur auf 14 Prozent. Die Volkswirte von JPMorgan beziffern das Risiko einer Rezession in den kommenden zwölf Monaten auf rund 27 Prozent. Einig sind sich die meisten Ökonomen darüber, dass sich die US-Konjunktur 2019 und 2020 abschwächen wird. Nach Einschätzung der Credit Suisse könnten die Vereinigten Staaten von Amerika 2020 in die Rezession rutschen.

Der Handelskonflikt der USA mit China und anderen Teilen der Welt sowie die Währungskrise in den Schwellenländern könnten bald negative Spuren in den Bilanzen der US-Konzerne hinterlassen. Immerhin kommt ein Drittel der Gewinne der S&P-500-Firmen aus dem Ausland.

Bullenmarkt dürfte noch mindestens ein Jahr weitergehen

Doch: Selbst wenn die Zinsstrukturkurve invers werden würde, käme der Abschwung erst mit Verspätung. Bei den sechs letzten Konjunkturzyklen erreichten die Aktienkurse nämlich ihren Höhepunkt im Schnitt erst fast zehn Monate, nachdem die Renditekurve invers wurde, hat "Die Welt" herausgefunden. Die Rezession setzte sogar erst weitere fünf Monate danach ein.

So rechnen die meisten Anlagestrategen vorerst nicht mit einem jähen Ende des Bullenmarkts an der Wall Street. Das beispiellose Gewinnwachstum und die Ausgabedisziplin der US-Konzerne überzeuge weiterhin, meint zum Beispiel der Vermögensverwalter Blackrock. Der 67-jährige Star-Investor Ken Fisher rechnet frühestens in zwei oder drei Jahren mit einem Absturz der Märkte. Für den S&P 500 sieht er noch rund 35 Prozent Kurspotenzial nach oben. "Wir befinden uns in der letzten Phase des Bullenmarkts." Beruhigende Aussichten!