Zwei Rentner-Figuren auf einer Bank auf Geldscheinen

Verträge gekündigt oder im "Ruhestand" Riester als Auslaufmodell?

Stand: 05.10.2017, 15:59 Uhr

Der Trend scheint nicht aufzuhalten: Immer mehr Riester-Sparer werfen die Flinte ins Korn und besparen ihre Verträge nicht mehr - oder kündigen Riester komplett. Steht die Riester-Rente vor dem Aus?

Die Statistik des Bundesarbeitsministeriums (BMAS) zur Entwicklung der Riester-Verträge im ersten Quartal 2017 zeigt nicht die wahre Brisanz der staatlich geförderten Vorsorge, die es nun schon seit 16 Jahren gibt. Nach Angaben des Ministeriums ist die Zahl der Verträge gegenüber dem Jahresende 2016 um 28.000 zurückgegangen. Angesichts eines Bestandes von immer noch 16,5 Millionen Verträge können dies Riester-Anhänger noch als "Abflachung" charakterisieren (siehe Grafik).

Marktanteile der Riester-Formen

Marktanteile der Riester-Formen. | Bildquelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Grafik: boerse.ARD.de

Viel heikler ist die Antwort des Ministeriums auf eine Anfrage der "Linken" im Bundestag: Danach sind inzwischen bereits rund drei Millionen Riester-Verträge "ruhend" gestellt. Ein Fünftel der Riester-Sparer sparen also nicht mehr - zumindest nicht mehr per Riester. Damit werden keine Steuervorteile genutzt, Milliarden Euro an staatlichen Zulagen werden nicht abgerufen.

Zulagen und Steuervorteile ungenutzt

Die Tendenz, Riester-Verträge nicht ausreichend oder gar nicht mehr zu besparen, hatte sich in den vergangenen Jahren bereits angedeutet. Gerade Geringverdiener bringen offenbar die nötigen Eigenbeiträge immer seltener komplett auf, um in den Genuss der (vollen) Grund- und Kinderzulagen zu kommen. Die wird ausgezahlt, wenn mindestens vier Prozent des Jahresbruttos (abzüglich Zulagen) auf das Riester-Konto eingezahlt werden. Derzeit beträgt die Grundzulage 154 Euro (ab 175 Euro ab 2018) und die Zulage pro Kind (das ab 2008 geboren wurde) 300 Euro.

Ermüdungserscheinungen gibt es aber nicht nur auf Seiten der Sparer, sondern auf in Finanzindustrie und nicht zuletzt der Politik. Anfang 2016 hatten drei Länderfinanzminister offen eine "Deutschland-Rente" ins Spiel gebracht, bei der der Staat für seine Bürger kostengünstig und verbindlich Geld für eine Zusatzvorsorge am Kapitalmarkt anlegen soll. Im Bundestagswahlkampf 2017 propagierte die SPD höhere staatliche Mittel, die in die klassische gesetzliche Rente fließen sollen.

Banken und Versicherer geben auf

Die Banken- und Versicherungswirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend von Riester-Angeboten zurückgezogen. Große Anbieter wie CosmosDirekt oder DEVK bieten gar keine Neuverträge mehr an, auch die Alte Leipziger oder Ergo stoppten das Neugeschäft - zumindest vorübergehend.

Den Abschluss eines Banksparplans ermöglicht derzeit nur noch die Sparkasse Holstein bundesweit, die Mainzer Volksbank bietet dies lediglich noch in ihrem Geschäftsgebiet an, alle anderen Anbieter verwalten nur noch die Altverträge.

Wohnriester und Riesterfonds noch gefragt

Die Veränderung bei den "Marktanteilen" der Riester-Varianten zeigt, wo Vorsorge-Sparer noch am ehesten Chancen mit Riester sehen. Die Zahl der Wohn-Riester-Verträge stieg netto im Quartal um 14.000 an. Damit können Anleger staatlich gefördert für die eigene Immobilie sparen oder diese entschulden. Auch Riester-Fondssparpläne erfreuen sich weiter steigender Beliebtheit, hier erwarten die Kunden die höchsten Renditechancen. Dagegen ging die Zahl der Banksparpläne um 12.000, die der "klassischen" Riester-Versicherungen sogar um 40.000 zurück (siehe Grafik).

Riester-Nettoneuzugang Q1 2014-2017

Riester-Nettoneuzugang Q1 2014-2017. | Bildquelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Versicherungen.de, Grafik: boerse.ARD.de

Riester-Vorteile immer noch nutzbar

An der Sinnhaftigkeit von Riester in den einzelnen Produktgattungen hat sich derweil gar nicht so viel geändert. Weiterhin profitieren vor allem Vorsorgesparer mit Kindern deutlich von den staatlichen Zulagen, "Besserverdiener" können dagegen vor allem von den Steuervorteilen profitieren. Generell lohnt die Riestern auch weiterhin zur Vermeidung der Abgeltungssteuer, da Erträge erst in der Rentenphase versteuert werden. Und Immobilienbesitzer können weiterhin jederzeit Entnahmen aus dem Riester-Konto nutzen, um Sondertilgungen oder Sanierungen zu finanzieren.

Verbesserungen bei Zulagen...

Nicht zuletzt hat die Bundesregierung sogar kleine Verbesserungen auf den Weg gebracht: So wird die Grundzulage ab 2018 von 154 auf 175 Euro angehoben werden. Und für Geringverdiener macht Riester ab dem kommenden Jahr mehr Sinn: Denn die Riester-Rente soll dann bis zu einem Freibetrag von 204,50 Euro nicht mehr auf die gesetzliche Rente angerechnet werden, wenn diese nicht Grundsicherungsniveau erreicht (siehe auch unseren Überblick: Die Riester-Varianten, und unsere Fragen zur Riester-Rente).

... und Produktinnovationen

Und auch der Produktseite gibt es kleine Lichtblicke. So bieten verschiedene ETF-Sparplananbieter wie z.B. "Fairr" kostengünstige Möglichkeiten, rentierlicher fürs Alter vorzusorgen.

Der "große Wurf" in Sachen Altersvorsorge wird Riester aber wohl dennoch nicht mehr werden. Nie hat die Riester-Rente auch nur die Hälfte der förderberechtigten Bundesbürger erreicht. Viel zu wenig, um das bröckelnde System der gesetzlichen Rente wirklich aufzufangen und die viel zitierte "Rentenlücke" zu schließen.

AB

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