Auch zehn Jahre nach Lehman Deutsche Sparer: Einfach weiter so

Stand: 12.09.2018, 13:26 Uhr

Regelmäßig wird die Nullzinspolitik der EZB als Enteignungsprogramm der deutschen Sparer verurteilt. Doch trotz aller Unzufriedenheit haben die meisten Deutschen ihr Anlageverhalten nicht verändert.

Obwohl es auf Sparkonten schon seit zehn Jahren so gut wie keine Zinsen mehr gibt, haben 53 Prozent der Deutschen ihr Sparverhalten unverändert gelassen. Eine Alternative in Form von ertragsstärkeren Anlagen wie Aktien oder Anleihen haben nur fünf Prozent der Befragten gewählt. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 2.097 deutschen Frauen und Männern ab 18 Jahren durch die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK).

Auch sparen die meisten nach wie vor "gleich viel" wie zuvor. Lediglich ein Prozent der Deutschen legt als Reaktion auf die Nullzinspolitik der Notenbank mehr Geld zurück als zuvor. Mit 22 Prozent resigniert fast jeder Vierte und spart sogar weniger.

Vermögen gesunken

Kein Wunder also, dass das Vermögen der Deutschen im Vergleich zu anderen Europäern hinterher hinkt. Erstmals seit sechs Jahren haben deutsche Sparer im ersten Quartal 2018 sogar einen realen Vermögensverlust erlitten. Nach Berechnungen der Bundesbank lag die Gesamtrendite, die ein durchschnittlicher Privathaushalt abzüglich der Teuerung – also real – erzielte, bei minus 0,8 Prozent.

Dennoch scheuen sie Anlagen am Kapitalmarkt wie der Teufel das Weihwasser. "Es ist erstaunlich, dass zwei Drittel der Deutschen mit ihren Sparverträgen unzufrieden sind, trotzdem ihr Anlageverhalten nicht verändern", sagt Christoph Bergweiler, verantwortlicher Vermögensberater bei JPMorgan.

Erschreckende Gleichgültigkeit

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Zumal sich ein Großteil der Befragten sehr wohl bewusst ist, dass sich kurzfristig am Zinsumfeld nichts ändern dürfte. Allerdings scheinen sich viele Deutsche gar nicht für das Thema Finanzen und Geldanlage interessieren. So gaben 19 Prozent der Befragten an, nicht zu wissen, ob sie ihr Anlageverhalten an die niedrigen Zinsen angepasst haben.

In den Augen eines Bankers klingt eine solche Gleichgültigkeit wie eine Schreckensbotschaft. "Wer die Augen vor der Realität verschließt und meint, weiterhin mit vermeintlich sicheren Anlagen den niedrigen Zinsen trotzen zu können, sieht tatenlos zu wie sein Erspartes immer weniger wird", warnt Christoph Bergweiler.

Mehr Bildung gefordert

Er plädiert deshalb für eine bessere Bildung. "Mit etwas mehr Wissen über die Kapitalmärkte und die Wirkungsweise von Streuung des Risikos, den Zinseszinseffekt oder die langfristige Aushebelung der Volatilität, sollte der Schritt vom Sparer zum Anleger möglich sein."

Dabei verschweigen die Banken nicht, dass es an den Kapitalmärkten auch zu Rückschlägen kommen kann, wie nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank vor zehn Jahren. Allerdings zeigt eine Analyse der Hamburger Sutor Bank: Wer vor zehn Jahren - Ende August 2008 und damit unmittelbar vor der Finanzkrise - in den Dax investiert war und seine Anlage bis heute gehalten hat, kann sich über eine Verdopplung seines Vermögens freuen.

Aktien schlagen Anleihen

Zwischen Ende August 2008 (Dax-Schlusskurs am 29.8.2008: 6.422,30) und Ende August 2018 (Dax-Schlusskurs am 31.8.2018: 12.364,10) liegen fast 6.000 Punkte oder 92,5 Prozent Wertzuwachs. Den unmittelbaren Vor-Krisen-Stand erreichte der Dax bereits zwei Jahre später im November 2010. Nach einem weiteren Einbruch im August 2011 begann der Dax ab September 2011 mit seiner Rally bis auf zwischenzeitlich über 13.500 Punkte. 

Dass viele Deutsche im letzten Quartal 2008 aus Aktien geflüchtet sind und Anleihen gekauft haben, hat sich für langfristig orientierte Anleger nicht ausgezahlt: So ist die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe von 4,17 Prozent am 1.8.2008 auf nur noch 2,95 Prozent am 31.12.2008 abgeschmolzen.

Einen kleinen Lichtblick gibt es immerhin: So ist die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland wieder über die schwelle von zehn Millionen geklettert - Tendenz steigend.

lg