Olaf Scholz, SPD, Bundesfinanzminister

Finanzministerium ergänzt Einkommenssteuergesetz Verlustverrechnung für Termingeschäfte wird erschwert

Stand: 14.01.2020, 17:54 Uhr

Neues Schreckensszenario für Anleger: Eine Änderung des Einkommenssteuergesetzes (EStG) wird ab 2021 die Verrechnung von Gewinnen und Verlusten bestimmter Finanzprodukte beschränken. Die Auswirkungen der Änderung können gravierend sein.

Auf den ersten Blick scheint die kurz vor Weihnachten beschlossene Ergänzung des Gesetzestextes gar nicht dramatisch. Sie versteckt sich hinter einer verschachtelten Formulierung. Nach § 20 Absatz 6 Satz 4 werden die folgenden Sätze eingefügt:

"Verluste aus Kapitalvermögen im Sinne des Absatzes 2 Satz 1 Nummer 3 dürfen nur in Höhe von 10.000 Euro mit Gewinnen im Sinne des Absatzes 2 Satz 1 Nummer 3 und mit Einkünften im Sinne des § 20 Absatz 1 Nummer 11 ausgeglichen werden; die Sätze 2 und 3 gelten sinngemäß mit der Maßgabe, dass nicht verrechnete Verluste je Folgejahr nur bis zur Höhe von 10.000 Euro mit Gewinnen im Sinne des Absatzes 2 Satz 1 Nummer 3 und mit Einkünften im Sinne des § 20 Absatz 1 Nummer 11 verrechnet werden dürfen."

Hebelzertifikate und CFDs betroffen

Doch diese Sätze bergen Sprengkraft. In der Konsequenz kann die Änderung für bestimmte Anleger eine gewaltige und sogar ruinöse Dynamik entfalten. Bezogen sind die neuen Verrechnungsregeln auf Finanzinstrumente mit Terminkomponente. Darunter fallen nicht nur Futures und Optionen, wie sie die Profi-Trader an den Terminmärkten wie der Eurex nutzen. Sondern dazu gehören auch Hebelzertifikate, Optionsscheine oder Mini-Futures oder die CFDs, Kürzel für contracts for difference.

Ab dem 1. Januar 2021 sollen Verluste aus solchen Instrumenten nur mit Gewinnen aus der gleichen Art von Geschäften verrechenbar sein. Und dazu kommt, dass diese Verlustverrechnung auf 10.000 beschränkt ist. Nicht verrechnete Verluste müssen dann auf Folgejahre vorgetragen werden und können jeweils nur in Höhe von 10.000 Euro mit Gewinnen aus Termingeschäften verrechnet werden. Die Anerkennung von Verlusten wird damit im Vergleich zur aktuell geltenden Rechtslage erheblich eingeschränkt.

Mehr Steuern als Gewinne

Vor allem kurzfristig orientierte Anleger, die Zertifikate oder CFDs in hohem Volumen handeln oder sie zur Absicherung von Aktiendepots nutzen, könnten dabei in die Bredouille geraten. Ein Beispiel: Wer etwa Gewinne von 100.000 Euro und Verluste von 80.000 Euro in einem Jahr erzielt hat, musste bislang nur die Differenz, gewissermaßen den Reingewinn, also 20.000 Euro, versteuern. Bei 25 Prozent Abgeltungssteuersatz wären damit 5.000 Euro an Steuern fällig. Nach der neuen Regelung, bei der lediglich 10.000 Euro der Gewinne mit den Verlusten verrechnet werden dürfen, entsteht eine Steuerlast von 22.500 Euro. Das sind 25 Prozent auf die 90.000 Euro an Gewinnen, die nicht mit den Verlusten verrechnet werden können. Der Anleger muss in diesem Fall also nicht nur seine kompletten Gewinne an den Fiskus abführen, sondern sogar noch weitere 2.500 Euro ans Finanzamt zahlen.

Wer als "heavy trader" am Terminmarkt gewaltige Volumina hebelt und damit, im besten Fall, neben hohen Verlusten noch höhere Gewinne erzielt, ist gewaltigen Forderungen von Seiten des Finanzamts ausgesetzt, die ihn bald in den Ruin treiben dürften. Aber auch ganz normale Privatanleger, die mithilfe von Optionsscheinen oder Knock-out-Zertifikaten ihre Aktienbestände gegen einen Börsencrash absichern wollen, müssen mit erheblich höheren Steuerbelastungen rechnen.

Privatanleger erheblich betroffen

Börsenexperte Manfred Hübner von Sentix weist noch auf eine weitere Folge hin: "Durch die eingeschränkte Anrechnung von Derivateverlusten mit anderen Börseneinkünften werden Anleger mit einem Derivateverlust geradezu gezwungen, mit Hebelprodukten zu spekulieren, um einen Ausgleich zu versuchen."

Über die Motivation des Bundesfinanzministers können auch Experten bislang nur rätseln. Offenbar sollten Anleger getroffen werden, die Finanzminister Olaf Scholz als Spekulanten betrachtet. Die Finanzmarktprofis dürften aber auch hier wie auch bei der geplanten Finanztransaktionssteuer Wege finden, sich der verschärften Besteuerung zu entziehen. Allein der private Kleinanleger dürfte sich damit auf weiter steigende Belastungen bei der Geldanlage einstellen müssen.

AB