Anleger ratlos

Neue Regeln zur Verlustverrechnung Politik gegen Anleger

Stand: 21.01.2020, 15:16 Uhr

Die Neuregelung der Verrechnung von Verlusten, die teils schon seit Jahresbeginn greift, sorgt in der Banken- und Brokerbranche für Irritationen und vielleicht bald für schlechtere Geschäfte. Der Privatanleger muss in vielen Bereichen ganz neu denken. Absicht oder Unverständnis?

Was im Finanzausschuss des Bundestages die neue Regelung ermöglicht hat, die bald Anlegern und Finanzakteuren das Investieren mit Gewinn erschweren dürfte, wird vielleicht nie ganz aufgeklärt werden. Offenbar gab es eine unselige Vermischung von mehreren Vorhaben auf Seiten des Gesetzgebers. Einerseits wollte das Bundesfinanzministerium offenbar bereits seit längerem Totalverluste nicht mehr steuerlich anrechenbar machen. Dazu kam wohl der Wunsch, auf gesetzlicher Ebene Termingeschäfte stärker zu reglementieren.

Gravierende Folgen für Anleger und Industrie

Markus Gürne
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Im Ergebnis wurden beide Vorhaben kurz vor Jahresende im eher unscheinbar betitelten "Gesetz zur Einführung einer Pflicht zur Mitteilung grenzüberschreitender Steuergestaltungen" durch zwei neue Vorschriften umgesetzt, die gravierende Folgen für Anleger, aber auch die gesamte Finanzindustrie haben werden. Seit Jahresbeginn haben diese nun auch Gesetzeskraft.

Ob sich der Gesetzgeber über das Ausmaß der Veränderungen im Klaren war, ist unter Experten umstritten. Die Folgen jedenfalls sind zwei steuerliche Belastungen, die es so vorher nicht gab:

- Zwar können Totalverluste weiterhin mit Gewinnen verrechnet werden. Doch dies ist seit Jahresbeginn nur noch bis zu einem Betrag von 10.000 Euro pro Jahr möglich.

- Verluste, die im Handel mit Termingeschäften entstehen, können ab 2021 nur bis zur Grenze von 10.000 Euro mit Gewinnen aus Termingeschäften im gleichen Jahr verrechnet werden (sehen Sie dazu auch unseren Betrag vom 15. Januar: Verlustverrechnung für Termingeschäfte wird erschwert).

Was ist ein Termingeschäft?

Beide Regelungen können im Einzelfall die Besteuerung bei der privaten Geldanlage erheblich verschärfen. Wer hohe Gewinne und hohe Verluste durch intensive Handelstätigkeit erzielt hat, kann dadurch ab 2021 sogar mehr Steuern zahlen, als er Gewinne auf der Habenseite hat. Dabei ist noch nicht einmal endgültig geklärt, welche Finanzprodukte unter dem Begriff "Termingeschäft" zu verstehen sind.

Erste Antworten aus dem Finanzministerium auf entsprechende Anfragen lassen den Schluss zu, dass neben Optionen und Futures auch die von vielen Privatanlegern genutzten Hebel-Zertifikate und CFDs (contracts for difference) darunter fallen.

"Totalverluste" sind nicht nur mit riskanteren Hebel- und Terminmarktprodukten möglich, sondern auch bei Anleihen, Aktien und etwa bei Crowd- oder Direktinvestments. Wer etwa Schiffbruch mit einem Solar- oder Windpark erleidet oder per Crowdinvesting ein Entwicklungsprojekt in Afrika unterstützen will, das scheitert, kann diese Verluste nur noch begrenzt (auf 10.000 Euro jährlich) mit Gewinnen verrechnen.

Eine Folge der neuen Regelung ist auch die direkte Versteuerung von Gewinnen aus Termingeschäften, eine direkte Verrechnung mit Verlusten ist nicht mehr vorgesehen. Die Anleger können sich die entsprechende Rückerstattung erst mit der Steuererklärung für das jeweilige Jahr wieder zurückholen - natürlich gedeckelt bis 10.000 Euro.

Schockstarre in der Finanzbranche?

Die Finanzverbände waren gegen den drohenden kompletten Wegfall der Verlustverrechnung bei Totalverlusten einig auf die Barrikaden gegangen. Die Deckelung der Verrechnung zusammen mit der neuen Besteuerung von Termingeschäften, die nun Gesetzeskraft hat, hat dagegen erst wenige offizielle Stellungnahmen produziert.

Weder der Deutsche Derivate Verband (DDV) noch der CFD-Verband haben sich bislang öffentlich geäußert. Ihnen dürften in den kommenden Jahren aber empfindliche Einbußen ins Haus stehen, die wohl den einen oder anderen Broker die Existenz kosten könnte. Gleiches gilt für die Emittenten von Hebelprodukten. Offenbar hoffen einige der Finanzakteure nun darauf, das die Finanzverwaltung bei den Anwendungserlassen für die Umsetzung des Gesetzes etwa die Definition von "Termingeschäft" enger fassen wird, als es der Gesetzestext nahelegt. 

Für viele Anleger dürfte nach dem Schock über die neue Gesetzeslage die Suche nach einer Lösung im Vordergrund stehen. Wer weiter mit gehebelten Papieren handeln will, könne ja eine eigene Firma gründen, heißt es in Traderforen bereits. Für Unternehmen gelten die Verlustverrechnungsgrenzen nicht. Die Alternative dazu sei wohl bald nur noch: Auswandern.

AB