Brüchige Wand in grün-weiß-rot

Ratingagenturen gewähren Schonfrist Zwingt der Markt Italien zum Einlenken?

Stand: 12.11.2018, 12:16 Uhr

Bis morgen hat Rom Zeit, der EU-Kommission einen geänderten Haushaltsentwurf vorzulegen. Doch die Regierung zeigt sich unnachgiebig. Kann ausgerechnet die Börse die Italiener zum Einlenken zwingen?

Noch reagieren die Märkte relativ gelassen, doch die Lage in Italien schwebt wie ein Damoklesschwert über den Börsen. Experten wie Commerzbank-Volkswirt Marco Wagner warnen deshalb vor einer Eskalation. Sollten die Renditen für italienische Staatsanleihen nachhaltig in Richtung 4,00 Prozent oder gar darüber steigen, werde das den Staat ordentlich Geld kosten.

So könne der Markt durchaus eine disziplinierende Wirkung entfalten: "Denn je höher der Zins, desto teurer werden neue Schulden für die italienische Regierung", rechnet Ökonom Wagner vor. Bis Ende 2019 würden 440 Milliarden Euro an Anleihen fällig - angesichts der derzeitigen Risikoaufschläge bedeute das Mehrkosten von etwa vier Milliarden Euro. Am Morgen ist die Rendite für italienische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren auf 3,45 Prozent gestiegen, nach 3,33 Prozent Anfang der Woche. Zum Vergleich: Ende April waren es nur 1,74 Prozent.

Schonfrist gewährt

Verschärft werden könnte die Entwicklung durch die Ratingagenturen. Moody’s hat im Oktober als erste der drei großen Bonitätswächter die Kreditwürdigkeit Italiens auf Baa3 herabgestuft. Damit gelten die Staatsanleihen Italiens gerade noch als anlagewürdig (Investment Grade). Erst bei einer weiteren Abstufung würden sie auf "Ramschniveau“ abrutschen. Damit ist zunächst aber nicht zu rechnen. Für viele Marktteilnehmer überraschend hat Moody’s den Ausblick für sein Rating als "stabil“ bezeichnet. Und damit eine befürchtete weitere Abstufung der Anleihen auf Ramschniveau in naher Zukunft mehr oder weniger ausgeschlossen.

Ratingagenturen und Ratingklassen

Ratingagenturen und Ratingklassen. | Bildquelle: Börse Stuttgart

Auch die Ratingagentur Standard & Poor's gewährte dem Land zunächst eine Schonfrist, obwohl sie die Regierungszahlen anzweifelt und und ein Haushaltsdefizit von 2,7 Prozent erwartet. Trotzdem ließ sie die Kreditwürdigkeit zuletzt unangetastet bei der Note BBB - nur zwei Stufen über dem sogenannten Ramschniveau, das hochspekulative Anlagen beschreibt. Der Ausblick wurde aber von "stabil" auf "negativ" gesenkt.

Banken in Gefahr

"Aus unserer Sicht belasten die wirtschafts- und haushaltspolitischen Pläne der italienischen Regierung die Wachstumsaussichten des Landes", begründete S&P die Entscheidung. Ein schwächeres Wirtschaftswachstum wirke sich negativ auf die Staatsverschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus.

Ratingagenturen

Ratingagenturen in Habacht-Stellung. | Bildquelle: colourbox.de, Montage: boerse.ARD.de

Die Pläne der Regierung verminderten das Vertrauen der Anleger in italienische Staatsanleihen. Dies zeige sich an den zuletzt merklich gestiegenen Renditen für diese Papiere. Die Entwicklung gefährde auch die bereits angeschlagenen italienischen Banken. Diese haben nach einer Schätzung von Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, rund zehn Prozent ihrer Bilanzsumme in diesen Papieren angelegt.

Sollte sich der Risikoaufschlag zwischen deutschen und italienischen Anleihen auf vier Prozentpunkte erhöhen, dürften einige Banken frisches Kapital brauchen, schätzt die italienische Finanzmarktvereinigung Assiom Forex. Dabei haben die Geldhäuser in den vergangenen Jahren bereits mehrfach den Aktienmarkt angezapft.

Belastung für den Euro

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
1,1413
Differenz relativ
+0,14%

Das Italien-Problem belastet zunehmend auch den Euro. Mit 1,1240 Dollar fiel die Gemeinschaftswährung am Montag auf den tiefsten Stand seit Juni 2017, also seit knapp eineinhalb Jahren. Aus Sicht einiger Investoren ist es also fünf vor zwölf.

Dennoch zeigt sich die italienische Regierung bisher unnachgiebig. Die "grundlegenden Eckpfeiler" des Haushaltsentwurfs würden nicht geändert, sagte Finanzminister Giovanni Tria am Freitag bei einem Treffen mit Eurogruppen-Chef Mario Centeno. Es würde einem wirtschaftlichen "Selbstmord" gleichen, würde sich Italien komplett an die von der EU angepeilten Ziele halten.

Giovanni Tria

Giovanni Tria. | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Die Neuverschuldung im kommenden Jahr auf 0,8 Prozent der Wirtschaftsleistung zu senken - wie von der Vorgängerregierung in Rom versprochen - würde "sehr brutale" Maßnahmen bedeuten. "Für eine Wirtschaft, die sich stark verlangsamt, wäre das Selbstmord", so Tria. "Ich glaube nicht, dass die Kommission so eine Aktion von uns erwartet, selbst wenn es formell den Regeln entspricht."

"Die Euro-Krise Teil zwei hat begonnen"

Experten halten es deshalb für wahrscheinlich, dass sich Italien und die EU-Kommission im günstigsten Fall auf einen Formelkompromiss einigen, damit beide Seiten das Gesicht wahren können. Kann eine Krise also vermieden werden? Keineswegs, meint QC-Vermögensberater Thomas Altmann, denn für die Italien-Krise gebe es kein Drehbuch. "Ein Rettungspaket kann und wird es nicht geben, dafür ist der Schuldenberg Italiens zu hoch." Im schlimmsten Fall könnten uns tatsächlich Diskussionen über einen Austritt Italiens aus der Euro-Zone ins Haus stehen. "Die Euro-Krise Teil zwei hat begonnen."

Europäischer Kommission (Berlaymont-Gebäude) in Brüssel.

Sanktionen aus Brüssel? Wenn, dann wird das dauern. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Und eines steht nach Ansicht einiger Experten auch fest: Eine eventuelle Sanktion Italiens wird ein langwieriger und zermürbender Prozess mit ungewissem Ausgang. Sollte Rom nicht einlenken, könnte die EU-Kommission ein Verfahren wegen eines übermäßigen Defizits einleiten. Dafür gilt folgendes Prozedere: Voraussichtlich bis Ende November erstellt die EU-Kommission einen Bericht. Dieser wird zunächst im sogenannten Wirtschafts- und Finanzausschuss beraten, in dem Vertreter von nationalen Behörden, der nationalen Zentralbanken und der EZB sitzen.

Hält der Markt so lange still?

Der ECOFIN-Rat, also die Finanzminister der EU-Länder, dürften dann voraussichtlich Anfang kommenden Jahres mit qualifizierter Mehrheit entscheiden, ob gegen Italien ein Verfahren wegen eines übermäßigen Defizits eingeleitet wird. Geschieht dies, setzt der ECOFIN-Rat eine Frist von sechs Monaten, in denen Italien ausreichende Maßnahmen zur Eindämmung des Defizits ergreifen muss.

Angesichts dieses langwierigen Prozederes stellt sich die Frage, ob die Märkte so lange die Füße still halten werden, oder ob sie bis dahin nicht die Geduld verlieren und die Renditen für italienische Staatsanleihen auf immer neue Höhen treiben, die selbst die römischen Populisten nicht mehr ignorieren können.

lg