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Mögliche Szenarien Was die Brexit-Abstimmung für Anleger bedeutet

von Michelle Goddemeier

Stand: 15.01.2019, 14:38 Uhr

Heute Abend ist es soweit: Das britische Parlament stimmt über das Austrittsabkommen mit der Europäischen Union ab. Mögliche Szenarien gibt es viele. Was bedeutet die Entscheidung für Anleger?

Am Dienstagabend blicken die Finanzmärkte gespannt nach London. Denn das britische Parlament wird über das Austrittsabkommen mit der Europäischen Union abstimmen. Die Abstimmung wird wohl frühestens um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit stattfinden.

Bislang gilt es als unwahrscheinlich, dass die von Theresa May ausgehandelte Vereinbarung mit der EU eine Mehrheit bekommt. Die Folgen einer Ablehnung gelten unter Fachleuten als höchst ungewiss und reichen von Neuwahlen oder einem harten Brexit bis hin zu einem erneuten Referendum. Das hat unterschiedliche Konsequenzen für Anleger.

Droht eine weitere Brexit-Krise?

"Sollte die britische Premierministerin so gut wie keine Unterstützung mehr finden, droht eine Verlängerung der Brexit-Krise", sagt Analyst Milan Cutkovic vom Broker AxiTrader. Die dann andauernde Unsicherheit dürfte die europäischen Börsen zur Wochenmitte wieder entsprechend negativ beeinflussen, so seine Prognose.

Die britische Währung war zuletzt leicht gefallen und notierte bei 1,2848 US-Dollar. Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe, sieht jedoch auch im Falle einer Ablehnung des Abkommens alle Optionen offen. "Wir haben in der jüngeren Vergangenheit gelernt, dass in London Dinge häufig eine unverhoffte Eigendynamik bekommen oder, um es auf den Punkt zu bringen: Wege aus dem Chaos lassen sich nur schwer prognostizieren."

Unsicherheit könnte sich fortsetzen

Wie auch immer die Abstimmung ausgeht, fast alle Szenarien haben eines gemeinsam: Die Zeit ist knapp und eine Verschiebung des Austrittsdatums am 29. März sehr wahrscheinlich. Bis Juli könnte der EU-Austritt voraussichtlich aufgeschoben werden. Bei Neuwahlen oder im Falle eines zweiten Referendums sogar noch länger.

Für Anleger würde das bedeuten, dass die große Unsicherheit sich weiter fortsetzt und der britischen Wirtschaft schaden wird. Besonders schädlich wäre der harte Brexit, denn in diesem Falle wäre eine Rezession nicht ausgeschlossen.

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Drei Brexit-Szenarien und ihre Folgen für Anleger Von "No Deal" bis Neuwahlen

1. Szenario: Harter Brexit
Sollte die EU nicht bereit sein, neu zu verhandeln oder das Verfahren auszuweiten, würde Großbritannien wohl ohne Deal am 29. März aus der EU austreten müssen. Das wäre das schlimmste Szenario für die Wirtschaft.

Der britische Unternehmerverband CBI rechnet bei einem harten Brexit ohne Abkommen mit einem Einbruch der Wirtschaft. Sie könnte demnach um bis zu acht Prozente schrumpfen. Die Bank von England erwartet bei diesem Szenario einen Absturz des Pfundes um 25 Prozent. Die britische Wirtschaft könnte allein im ersten Jahr 30 Milliarden Pfund an Exporten verlieren, schätzt der französische Kreditversicher Euler Hermes. Auch die Europäer könnten wegen der engen Wirtschaftsbeziehungen darunter leiden. Besonders betroffen wären laut Euler Hermes die deutschen Exporteure mit acht Milliarden Euro. Den Aktienmarkt würde ein No-Deal-Szenario zweifellos belasten.

J.P. Morgan hält einen No-Deal-Brexit für sehr unwahrscheinlich. Eine Abwertung des britischen Pfunds sei aber auch wahrscheinlich, falls die Regierungschefin Theresa May zurücktrete oder ihr das Vertrauen entzogen würde.