Biden Harris Wahlkampf, Werbung auf LKW

Anleger bevorzugen Biden-Sieg Keine Angst vor der "blauen Welle"

von Notker Blechner

Stand: 22.10.2020, 11:00 Uhr

Vor wenigen Monaten galt Demokrat Joe Biden wegen seiner Steuererhöhungs-Pläne noch als Schreckgespenst an den Börsen. Inzwischen jedoch freunden sich immer mehr Anleger mit einem Machtwechsel an und setzen auf die "blaue Welle". Was würde ein Biden-Sieg an den Börsen verändern?

Obwohl 2016 die Meinungsforscher voll daneben lagen und Donald Trumps Sieg nicht vorhersagten, sind sich die meisten Marktbeobachter diesmal sicher: Joe Biden wird der nächste US-Präsident sein. Mehr noch: Die Demokraten stehen vor dem totalen Triumph. Sie dürften die Mehrheit im Senat übernehmen und im Repräsentantenhaus weiter das Sagen haben. Diese so genannte "blaue Welle" gilt derzeit als wahrscheinlichstes Szenario, meint Anlagestratege Ronald Temple von Lazard.

Demokraten sind gut für die Börse

Ein solcher demokratischer Doppelsieg ist für die Börse kein Anlass zur Sorge. Das zeigt ein Blick in die Geschichte. Der S&P 500 legte in 15 der 18 Jahre zu, in denen seit 1950 ein "blauer" Präsident mit einem "blau" geführten Kongress regieren konnte. Im Schnitt gewann er über 13 Prozent jährlich.

Tatsächlich wäre ein demokratischer Präsident wohl besser für die Börsen. Darauf deutet die Statistik hin. Historisch gesehen haben demokratische Präsidenten den Börsen mehr Kursgewinne beschert als republikanische Präsidenten. So zogen die Kurse in der Ära von Barack Obama und Bill Clinton deutlich stärker an als unter der Regentschaft von Trump. Die Amtszeit des Republikaners George W. Bush endete gar mit Verlusten.

Die Börsenbilanz der letzten US-Präsidenten

Die Börsenbilanz der letzten US-Präsidenten.

Eine "blaue Welle" wäre für die Märkte neutral, schreiben die Experten der Schweizer Großbank UBS. Zunächst dürften sich die Börsen schwer tun, würden dann aber wieder rasch in Fahrt kommen, wenn klar würde, dass die Demokraten ihren Schwerpunkt auf die Konjunkturbelebung legen.

Biden dürfte massive Konjunkturhilfen beschließen

Das dürften sie wohl auch tun. Sobald sich Biden mit den Demokraten durchsetzt, wird die neue Regierung voraussichtlich das 2,2 Billionen Dollar schwere nächste Corona-Konjunkturpaket auf den Weg bringen. Seit Wochen streiten sich Demokraten und Republikaner um die Details des Hilfsprogramms.

Nach Einschätzung vieler Ökonomen würde sich unter Biden die Wirtschaft schneller von der Corona-Krise erholen als unter Trump. Denn Biden dürfte die Staatsausgaben noch stärker erhöhen und womöglich mit drastischeren Maßnahmen die Corona-Pandemie in den Griff bekommen.

Dies trauen die meisten Investoren Trump nicht mehr zu. Nachdem sie lange von seinen Steuersenkungen profitiert hatten, zweifeln sie jetzt an seinen politischen Fähigkeiten im Corona-Krisenmanagement. Zudem werfen sie ihm vor, das Land gespalten zu haben.

Chaos-Risiko, sollte Trump die Wahl anfechten

Ein erneuter Sieg Trumps, der momentan unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen ist, würde freilich die Märkte auch nicht in die Knie zwingen. Alles würde beim Alten bleiben. Schlimmer wäre eher ein tagelang unklarer Wahlausgang. Wegen des hohen Anteils an Briefwählern wird es voraussichtlich in der Wahlnacht am 3. November noch kein Ergebnis geben. Die Auszählungen in den "Swing States" dürften länger dauern.

Für Turbulenzen an den Aktienmärkten könnte es kommen, wenn es ein Wahlchaos gibt und Trump die Wahl gar anfechten sollte. Manche Politik-Beobachter wie Harvard-Professor Karl Kaiser befürchten in solch einem Fall gar "Weimarer Verhältnisse". An den Aktienmärkten könnten die Kurse dann schon um zehn bis 15 Prozent absacken, prophezeit Lazard-Experte Temple. "Das Risiko, dass die unterlegene Seite den Wahlausgang nicht anerkennt, wird unterschätzt", warnt Dan Tobon, Citibank-Aktienstratege. Nichts hassen die Börsen mehr als unklare Verhältnisse.

Geteilte Regierung würde Steuererhöhungen blockieren

Wahrscheinlicher ist, dass die Macht geteilt wird. Der neue Präsident - ob Biden oder Trump - dürfte auf eine Kongresskammer treffen, die von der gegnerischen Partei dominiert wird. Damit würde im Falle eines Biden-Siegs die Steuererhöhungen von den Republikanern blockiert. "Eine geteilte Regierung bleibt aus unserer Sicht der wahrscheinlichste Wahlausgang", sagte Ende September DWS-Stratege Johannes Müller.

Immer wieder hat Trump die Amerikaner gewarnt: "Wenn Biden gewinnt, werden die Aktienmärkte einbrechen!" Dieses Drohszenario wird höchstwahrscheinlich nicht eintreten. Allenfalls Aktien von Ölkonzernen, die unter der Trump-Regierung besonders geschont wurden, könnten absacken.

Profiteure eines Biden-Siegs

Ein Biden-Triumph könnte dagegen einigen Sektoren Auftrieb geben. Vor allem den Anbietern Erneuerbarer Energien. Biden plant einen "New Green Deal", ein zwei Billionen Dollar großes Programm zum Klimaschutz. Er will massiv Geld in de Infrastruktur-Ausbau und in die Förderung von Wind- und Solarenergie stecken. Davon dürften Aktien wie Sunrun, First Solar oder Nextera Energy profitieren, glaubt Marko Bering von der Fürst Fugger Privatbank.

Außerdem will Biden mit billionenschweren Geldspritzen die Konjunktur ankurbeln. Das könnte der US-Industrie zugute kommen. Bering sieht als Biden-Gewinner Aktien wie Ford, John Deere oder Caterpillar.

Auf einen Biden-Sieg hofft auch die Cannabis-Branche. Ihr winkt eine Legalisierung, da Bidens Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, Kamala Harris schön länger dafür eintritt.

Selbst die Waffenbranche würde profitieren

Ironischerweise gelten selbst die Aktien der Waffenhersteller als mögliche Profiteure eines Biden-Triumphs. Viele Börsenexperten gehen davon aus, dass bei einem Machtwechsel im Weißen Haus auch mehr Gewehre, Revolver und Pistolen verkauft werden. Denn Biden und Harris verlangen schärfere Waffengesetze. Aus Angst, den Zugang zu Gewehren und Pistolen zu verlieren, dürften sich viele Waffenliebhaber dann vor der Gesetzesänderung schnell eindecken. Die Aktien von Smith & Wesson und Sturm Ruger haben in den letzten Wochen stärker zugelegt als der S&P 500. Ein ähnliches Phänomen war schon zu beobachten, als Barack Obama 2008 die Wahl gewann. Der Demokrat trat für eine stärkere Regulierung von Waffen ein. Unter Obama kletterten die Aktien von Sturm Ruger um 900 Prozent nach oben. In der Trump-Ära kamen sie dann kaum noch voran.