Wahlkampf in der Türkei

Die Lüge über die Wachstumsstory Die Türkei ist nur noch ein Zombiestaat

von Bettina Seidl

Stand: 22.06.2018, 14:00 Uhr

Auf dem Papier geht es der türkischen Wirtschaft blendend. Demnach gehört sie sogar zu den am besten wirtschaftenden Ländern weltweit. Doch in Wahrheit steht die Türkei vor dem finanziellen Kollaps. Ein heißes Thema kurz vor der Wahl am Sonntag. Und auch an der Börse.

Wenn am Sonntag in der Türkei Präsident und Parlament neu gewählt werden, entscheiden die Bürger nicht nur über ihre politische Zukunft, sondern auch über ihre wirtschaftliche. Die Wirtschaft ist für die Türken im Moment das Thema schlechthin. Denn um sie ist es katastrophal bestellt.

Wohlstand in Gefahr

Nicht auf dem Papier: Die Wirtschaftsleistung wächst offiziell um über sieben Prozent und damit stärker als in China. Aber erstens gibt es Zweifel an der Statistik. Und zweitens bedrohen der Verfall der Lira und die horrend hohe Inflation die wirtschaftliche Kraft. Das bekommen Unternehmen wie Verbraucher empfindlich am Portemonnaie zu spüren. Die Binnenwirtschaft bricht bereits zusammen.

Die Teuerungsrate liegt mittlerweile bei knapp 13 Prozent. Die türkische Währung hat in diesem Jahr gegenüber dem Euro fast 20 Prozent an Wert verloren. Diese Schwäche stärkt zwar die türkischen Exporteure, ihre Waren werden im Ausland attraktiver. Aber sie verteuert auch die Importe. Die Lebensmittelpreise steigen ständig. Ebenso die Energiepreise. Erschwerend kommt hinzu, dass Rohöl auch auf dem Weltmarkt wieder teurer geworden ist.

Erdogans Rezept: Doping

Präsident Erdogan hat den Ernst der Lage erkannt, Umfragen sehen ihn und seine Partei auf dem absteigenden Ast. Bei der Präsidentschaftswahl kann er nicht mehr darauf bauen, im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit zu erlangen. Dann käme es am 8. Juli zur Stichwahl. Auch seine Partei, die AKP könnte die absolute Mehrheit im Parlament verlieren.

Erdogans Rezept kurz vor Schluss ist ein Doping mit kurzfristig positiven Effekten: Er ließ schnell noch die Benzinsteuer senken, damit den Bürgern beim Tanken nichts auffällt. Und er ließ Rentnern eine Sonderzahlung von 1.000 Lira zukommen - umgerechnet 190 Euro.

Recep Tayyip Erdogan

Erdogan wirbt im Wahlkampf emotional mit "Ich liebe Euch sehr" - aber für diese Liebe können sich die Wähler nichts kaufen. Für die Lira auch nicht mehr. | Bildquelle: picture alliance / abaca

Pleitewelle voraus?

Ob's hilft? Kurzfristig mag er damit seine Wähler gnädig stimmen und die Wirtschaft noch etwas pushen. Aber langfristig sind die leistungssteigernden Substanzen schädlich. Der Schuldenberg wird dadurch noch höher. Erdogan hat das Wirtschaftswachstum der Vergangenheit voll auf Pump finanziert. Ratingagenturen wie Moody’s, Standard & Poor's und Fitch sind schon besorgt. Für sie sind türkische Staatsanleihen nur noch Ramsch.

Viel schlimmer aber: Die Ratingagenturen haben auch viele türkische Banken und Großkonzerne im Visier. Moody's knöpfte sich elf Unternehmen vor, darunter Turkish Airlines, die Koç-Holding, den Mobiltelefonriesen Turkcell und Coca-Cola İçecek. Fitch will 25 Banken genauer überprüfen. Ihnen allen droht die Herabstufung.

Französische und italienische Banken in Sorge

Der Lira-Verfall könnte eine Welle an Unternehmenspleiten auslösen. Denn türkische Unternehmen haben sich vielfach in Dollar verschuldet. Diese Dollar-Schulden mit einer immer schwächeren Lira zurückzuzahlen kann zu einer nicht mehr stemmbaren Last werden.

Wenn die Türkei wackelt, könnte das auch für europäische Finanzinstitute problematisch werden. Denn sie haben dem Land viel Geld geliehen. Vor allem französische und italienische Banken besitzen große Positionen.

Investoren fliehen aus der Türkei

Das große Pech für Erdogan ist, dass die USA mitten in ihrem Zinserhöhungszyklus stecken. Das macht sie zum Brandstifter aller Schwellenländer. Denn der Dollar gewinnt dadurch weiter an Stärke und macht allen Dollar-Schuldnern das Leben noch schwerer.

In der Türkei wird sie allenfalls ein Brandbeschleuniger. Denn die Kapitalflucht ist dort schon im vollen Gange. Ausländische Investoren sind angesichts der undemokratischen Strukturen, Verhaftungen und Enteignungen auf dem Rückmarsch. Gift für einen „Zombie-Staat“ wie die Türkei, der nur durch ausländisches Geld am Leben gehalten wird.

Das Vertrauen verlieren nicht nur Investoren aus dem Ausland. Auch viele Türken ziehen ihr Geld zunehmend ab, verkaufen Häuser und andere Vermögenswerte. Viele Vermögende bringen ihr Geld in Sicherheit, ins Ausland. Viele Bürger der Mittelschicht tauschen Lira in Dollar oder Euro.

Alarm am türkischen Aktienmarkt

Nicht wenige Experten sind der Meinung, dass die Insolvenz des Landes am Bosporus bereits begonnen hat. Der türkische Aktienmarkt ist 2018 bereits unter die Räder gekommen. Der Leitindex der Istanbuler Börse, der BIST 30, der auch unter dem alten Namen ISE 30 zu finden ist und die 30 wichtigsten Aktiengesellschaften der Türkei abbildet, ist in diesem Jahr um ein Viertel eingebrochen.

Türkische Staatsanleihen sind nur noch mit einem hohen Risikoaufschlag zu verkaufen. Die Rendite der zehnjährigen Papiere kletterte auf über 17 Prozent.

Erdogan hat sich ein bisschen verrechnet. Die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen waren eigentlich für November 2019 angesetzt. Er zog sie im April überraschend vor: Laut Beobachtern wollte er damit einem sich verstärkenden Wirtschaftsabschwung zuvorkommen. Dass die Signale aus der Wirtschaft jetzt schon so schlecht sind, könnte ihm nach 16 Jahren die Aura des Unbesiegbaren nehmen.

Machtvakuum und Ausschreitungen?

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ARD-Börse: Vor der Türkeiwahl

Ob aber alles besser würde, wenn Erdogan abgewählt würde, ist fraglich. Analysten befürchten für den Fall einer Niederlage ein Machtvakuum, das weder für für die politische Stimmung noch für die wirtschaftliche Zukunft förderlich wäre. Der Chef der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak, befürchtet bei einer Niederlage Erdogans verheerende Ausschreitungen. Im schlimmsten Fall sei ein Bürgerkrieg möglich. Andererseits: Wahlbeobachter bemängelten Unregelmäßigkeiten im Wahlablauf. Die Opposition erhob bereits Manipulationsvorwürfe.