Recep Tayyip Erdogan

Die Türkei vor den Kommunalwahlen Türken lassen Lira links liegen

von Thomas Spinnler

Stand: 06.03.2019, 07:18 Uhr

Türkische Bürger haben das Vertrauen in die Lira verloren und legen ihre Ersparnisse in Fremdwährungen an. Die wirtschaftspolitische Krise der Türkei ist nicht ausgestanden, während die Regierung Erdogan vor allem an den Symptomen herumdoktert.

In großer Not appellierte Präsident Recep Tayyip Erdogan im vergangenen Jahr an den Patriotismus seiner Landsleute: Sie sollten ihre Guthaben in Fremdwährungen in Lira umtauschen, um den fast ins Bodenlose gefallenen Kurs zu stützen. Gehört wurde der Präsident nicht. Mittlerweile hält sich die Landeswährung zwar einigermaßen stabil, aber auf niedrigem Niveau. Die Türken haben trotzdem das Vertrauen in die Lira verloren.

Aktuellen Daten zufolge ist der Anteil der von türkischen Einwohnern gehaltenen Fremdwährungen auf fast 47 Prozent der gesamten Einlagen gestiegen. Das ist der höchste Stand seit 13 Jahren. Die Hälfte ihrer Ersparnisse haben Türken also in einer harten Währung angelegt, meist den Dollar, um sich gegen Inflation und schwache Lira abzusichern.

Da hilft es wenig weiter, dass der durchschnittliche Zinssatz auf Lira-Einlagen derzeit bei 21,1 Prozent liegt. Das ist zwar ein kleines bisschen Realrendite, da die aktuelle Inflation leicht darunter liegt - aber es ist einfach nicht genug, um aus Sicht der Sparer die Nachteile der Lira aufzuwiegen.

Türkischer Leitzins

Türkischer Leitzins. | Bildquelle: Türkische Zentralbank, Grafik: boerse.ARD.de

„Logische Konsequenz aus der Lira-Schwäche“  

Die aktuelle türkische Inflation liegt mit 19,7 Prozent beängstigend hoch, auch wenn sie im Vergleich zum Januar (20,35 Prozent) leicht zurückgegangen ist. Der Verfall der Lira hatte die Inflation im vergangenen Oktober auf fast 25 Prozent gehievt. Immerhin lässt sich das vor den anstehenden Kommunalwahlen am 31. März im Wahlkampf einigermaßen verkaufen: „Inflation erstmals seit einem halben Jahr wieder unter 20 Prozent“ - so würde eine positive Botschaft klingen.

Die wirtschaftliche Situation ist ein wichtiges Thema. Erdogan verkündete unlängst auf einer Wahlkampfveranstaltung, er wolle die Inflation auf sechs bis sieben Prozent drücken. Wie er das erreichen will, verriet er nicht.

„Diese Flucht aus der Lira ist die logische Konsequenz einer ungebrochenen Schwäche der türkischen Währung“, kommentiert Klaus Stopp, Head of Market Making Bonds der Baader Bank. Die Gründe seien vielschichtig: „So wurden die Leitzinsen auf Druck von Erdogan zu lange nicht angehoben. Aber auch der heftige Streit zwischen Ankara und Washington war für die wirtschaftliche Situation der Türkei nicht förderlich.“

Inflationsrate Türkei

Inflationsrate Türkei. | Bildquelle: Türkische Zentralbank, Grafik: boerse.ARD.de

Das Dilemma der Notenbank

Und die Wirtschaft kühlt deutlich ab. Betrug das Wachstum im Jahr 2017 noch satte 7,4 Prozent, dürfte es 2018 nach OECD-Schätzungen auf ein Plus von rund 2,7 Prozent zurückgefallen sein. Die Rating-Agentur Moody’s rechnet für das laufende Jahr sogar mit einem Schrumpfen des BIP um zwei Prozent. Mit einem Plus von 0,4 Prozent ist die Schätzung des IMF zwar optimistischer, aber es droht Stillstand.

Damit steckt die türkische Zentralbank in einem Dilemma: Um die Wirtschaft anzukurbeln, nutzen Notenbanken gerne das Instrument der Zinssenkung. Angesichts der Inflation ist ihr dieser Weg verwehrt, auch wenn die Projektionen für das laufende Jahr optimistischer werden. Im Oktober hatten die Währungshüter noch mit einer Teuerungsrate von 15,2 Prozent für Ende 2019 gerechnet. Aktuell gehen sie von einem Rückgang auf 14,6 Prozent aus.

Eingang der Türkischen Zentralbank, TCMB, Türkei

Türkische Zentralbank. | Bildquelle: Unternehmen

Augen auf beim Zwiebelkauf

Es gebe keinen Spielraum für Experimente mit der Geldpolitik kommentiert ein Analyst die Lage in der Türkei. Um ihre Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, müsse die Notenbank ihren harten Kurs  fortsetzen - und zwar für länger, als die Daten eigentlich erforderlich erscheinen ließen.   

Denn den Akteuren und Investoren an den Finanzmärkten ist vor allem die Unabhängigkeit und das Vertrauen in die wirtschaftliche Kompetenz der Zentralbank wichtig. Aus deren Sicht habe die Notenbank viel zu lange mit erforderlichen Zinserhöhungen gezögert und so den Lira-Sturz mit verursacht. Erdogan hatte sich zuvor mit heftigen Angriffen gegen Zinserhöhungen ausgesprochen, da er Zinsen als „Instrumente der Ausbeutung“ betrachtet.

Zentralbankchef Murat Cetinkaya hat eher die Perspektive „der Märkte“ verinnerlicht. Er betonte jüngst, die Zentralbank werde an ihrer strikten Geldpolitik festhalten, bis es einen überzeugenden Rückgang der Inflation gebe.

Und was tut der Präsident? Erdogan kümmert sich um nationale Märkte wie etwa den türkischen Zwiebelhandel. Die Regierung verkauft Obst und Gemüse zu niedrigen Preisen direkt an die Bürger. „Lebensmittel-Terroristen“ unter den Einzelhändlern hätten die Preise manipuliert und seien für die hohe Inflation verantwortlich, schimpft er im Wahlkampf. Bislang überzeugen Erdogans Methoden nicht einmal die heimischen Sparer. Mal sehen, ob seine Partei trotzdem gewählt wird.  

ts